März 1896: Die Schlacht von Adwa

batailleadouaDie Schlacht von Adwa (oder auch „Adua“) ist eine der bekanntesten Schlachten auf afrikanischem Boden. Es ist Thema zahlreicher Lieder, Filme und Bücher und eine von drei großen Schlachten, in denen eingeborene Afrikaner Europäer bzw. europäisch angeführte Armeen fulminant besiegten. Zudem war es die Entscheidungsschlacht im 1. Äthiopisch-Italienischen Krieg.

Das seit 1861 vereinte Italien kam – ähnlich wie Deutschland – erst spät zum Wettrennen um außereuropäische Kolonien. Aber in Italien war man darauf bedacht, nun ebenfalls die Weltbühne zu betreten. Äthiopien war ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Stämmen, die teilweise miteinander verfeindet waren und nominal unter der Herrschaft eines „Königs der Könige“, des Kaisers, standen. Doch war der tatsächliche Einfluss des Kaisers zumeist gering.

Die erste afrikanische Besitzung Italiens

Im Jahr 1869 kaufte eine italienische Firma ein Stück Land für einen Kohlebunker in Assab am Roten Meer. Es sollte die erste afrikanische Besitzung Italiens werden – das spätere Eritrea. Es gab damals bereits Gefechte mit den islamischen Aufständischen des Mohammed Ahmed, der von sich behauptete ein „Mahdi“ zu sein, der rechtmäßige Nachfolger des Propheten Mohammed. Auch mit dem äthiopischen Kaiser Yohannes IV. kam es anfänglich zu Scharmützeln, ehe man sich einigte. In der Zwischenzeit baute einer der führenden Adeligen des Landes, Menelik aus Shewa, eine Armee mit modernen Waffen auf. Diese Waffen erhielt er von den Italienern unter dem Versprechen, im Falle eines Konflikts neutral zu verbleiben.

Kaiser Menelik II.
Kaiser Menelik II. von Äthiopien

Entkräftet und dem Tode nahe bestimmte Kaiser Yohannes IV im Jahr 1889 seinen Neffen, Ras Mangasha, zu seinem Nachfolger. Mangasha war einer der fähigsten Krieger des Landes, doch sein Gegenspieler Menelik kontrollierte bereits umfangreiche Ländereien, besaß eine große Armee und verfügte über moderne Waffen. Als Yohannes IV starb, proklamierte sich Menelik II. zum neuen Kaiser. Sofort begann er mit den Italienern über die Anerkennung seiner Machtergreifung zu verhandeln.

Dies führte am 2. Mai 1889 zum Vertrag von Wetschale, mit dem Italien Menelik II. als rechtmäßigen Kaiser Äthiopiens anerkannte. Im Gegenzug erkannte der Kaiser den Territorialanspruch der Italiener auf ihre Kolonien an. Man schwor sich Freundschaft und den Aufbau umfangreicher Handelsbeziehungen.

Was man damals noch nicht wusste – Artikel 17 des Vertrags sollte Jahre später zum Krieg führen, denn er unterschied sich in der italienischen und der amharischen (äthiopischen) Version. Laut der italienischen Version hatte Menelik II. eingewilligt, Äthiopien in ein italienisches Protektorat zu verwandeln. In der äthiopischen Version hatte der Kaiser sich lediglich die Option italienischen Beistands gesichert, aber daraus erwuchsen ihm keinerlei Verpflichtungen.

Kriegserklärung an Italien

Als Kaiser Menelik II. sich schließlich an andere europäische Regierungen wandte, rief dies die Italiener auf den Plan. Der Kaiser verbat sich die italienische Einmischung und sandte eine Protestnote an König Umberto I.. Als der italienische König nur ausweichend antwortete, widerrief Menelik II. den Vertrag von Wetschale und erklärte dem Königreich Italien am 27. Februar 1893 den Krieg.

Ras Mangasha
Ras Mangasha

Nachdem die islamischen Aufstände des neuen Mahdi niedergeschlagen waren, konzentrierte sich Menelik II. auf die wichtige Provinz Tigre im Norden des Landes. Menelik hoffte den Provinzfürsten als Verbündeten zu gewinnen. Doch dabei handelte es sich um niemand geringeren als Ras Mangasha – dem Neffen von Yohannes IV., dem er damals den Thron verwehrte. Er versprach ihm die Provinz Tigre, wenn es ihm gelänge, sie den Italiern zu entreißen.

Ras Mangasha willigte ein und stellte eine Armee auf. Zunächst unter dem Vorwand, damit den Mahdi bekämpfen zu wollen. Doch als die Armee versammelt war, startete er einen Überraschungsangriff auf die Italiener. Mangasha wurde zurückgeschlagen, aber es zwang die Italiener dazu, ihr Engagement auszuweiten.

Italien entsendet Oreste Baratiere

In Italien sandte man Generalmajor Oreste Baratiere mit seiner Kolonialarmee aus. Die Kolonialarmee bestand zu weiten Teilen aus eingeborenen Afrikanern unter italienischem Kommando. Baratiere gewann zunächst einige kleinere Scharmützel, was zu einem übermäßigen Selbstvertrauen auf Seiten der Italiener führte.

Generale Baratieri
Generale Baratieri

Menelik II. sammelte zwischenzeitlich seine Armee, sah sich durch Nachschubprobleme aber zum schnellen Handeln gezwungen. Gleiches galt für General Baratieri, der aus Rom die Anweisung erhielt, einen schnellen und entscheidenden Sieg herbeizuführen.

Unter diesen Voraussetzungen trafen die beiden Armeen nahe der Stadt Adwa aufeinander. Italienische Verstärkung war auf dem Weg nach Afrika, aber würde nicht rechtzeitig eintreffen. General Baratieri hatte keinerlei Vorstellung davon, wie groß die Armee der Gegenseite sein würde. Er erwartete maximal 60.000 Männer – zu dem Zeitpunkt hatte Menelik II. jedoch bereits über 100.000 Männer unter Waffen. Dem gegenüber standen etwa 15.000 Kolonialtruppen Italiens. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen, doch man kann von einer Überlegenheit in der Größenordnung von 8 : 1 für Äthiopien ausgehen.

Aufgrund der anfänglichen Erfolge über äthiopische Truppen begann das italienische Oberkommando die Äthiopier zu unterschätzen. Auf der Gegenseite warf Menelik II. alles in die Schlacht, was er hatte. Entgegen mancher Darstellung waren einige seiner Truppen übrigens sehr wohl mit Gewehren und leichter Artillerie ausgestattet.

Menelik II.
Kaiser Menelik II.

Menelik II. nutzte auch seine Popularität im Volk. Die Italiener hatten die Angewohnheit, Einheimische gegen Bezahlung als Späher anzuwerben.Diese einheimischen Späher wurden aber nicht selten von Menelik II. eingeschleust und bezahlt. Sie gaben den Italienern falsche Informationen weiter und berichteten vor der Schlacht von lose zerstreuten äthiopischen Armeen, die keine Gefahr darstellen würden.

Die Italiener hatten auch Menelik II. selbst unterschätzt. Sie hatten gehofft, die Lokalfürsten zu einer Rebellion gegen ihn anstacheln zu können. Oder sich zumindest deren Neutralität zu sichern – so wie damals bei Menelik II. selbst. Doch diesmal klappte es nicht. Niemand wollte sich anschließen. Menelik II. kannte diese Vorgehensweise der Italiener und hatte sich früh die Unterstützung des Adels zu sichern gewusst.

Die Schlacht von Adwa beginnt

Generale Albertone
Generale Matteo Albertone

Unter diesen Vorzeichen kam es zur Schlacht. Die mit dem Terrain unbekannten Italiener, von ihren einheimischen Spähern mit Falschinformationen versorgt, stolperten bei einem Nachtmarsch durch hügeliges Gelände. Die Organisation des Verbands löste sich dabei auf, Einheiten vermischten sich und ein Mißverständnis bezüglich des Namens eines Hügels führte dazu, dass General Matteo Albertone mit seiner Armee zu weit nach vorne stieß und sich vom Rest entfernte. Es entstand eine Kettenreaktion: der nachfolgenden Brigade hatte man befohlen, neben Albertone zu bleiben – diese bemühte sich darum und fand sich schließlich ebenfalls von der Hauptarmee getrennt in Feindesland wieder.

Es hätte keinen besseren Moment für den äthiopischen Angriff geben können. Menelik II. erkannte die Gelegenheit und ließ am Morgen des 1. März 1896 zum Angriff antreten, um die verstreut kämpfenden Italiener zu vernichten.

Was die kämpfenden Truppen der Schlacht angeht, so war dies eine fast ausschließlich afrikanische Schlacht. Denn die Italiener waren in ihrer Armee eine Minderheit. Die afrikanischen Eingeborenen auf Seiten der Italiener kämpften diszipliniert gegen die wieder und wieder anstürmenden Äthiopier, waren letztlich aber chancenlos. Als sich der Tag dem Ende neigte, brach der italienische Widerstand zusammen. General Albertone war in der Schlacht gefallen, die kläglichen Reste seiner Brigade suchten ihr Heil in der Flucht.

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Von den vier italienischen Brigaden war eine vollständig vernichtet worden – eine weitere Brigade stand kurz davor. General Baratieri realisierte, dass keine seine Nachrichten an die Kommandeure durchgekommen war oder aber mangelndes Wissen über das Terrain die Ausführung von Taktiken verhinderte. Er versuchte eine starke Verteidigungslinie im Zentrum der Schlacht zu bilden, doch dafür war es bereits zu spät. Flüchtende Kolonialtruppen überrannten die eigenen Linien, dicht gefolgt von äthiopischen Kriegern an ihren Fersen.

Auch wenn vereinzelt heroischer Widerstand geleistet wurde, so begann sich die gesamte italienische Armee aufzulösen. General Vittorio Daborminda, Kommandeur jener Brigade, die General Albertone helfen sollte, lief in eine Falle. Die Brigade wurde von starken äthiopischen Kräften, darunter der Oromo Kavallerie unter Ras Mikael, überrannt. Die gesamte Brigade wurde vernichtet – und auch ihr Kommandeur Daborminda lag unter den Toten.

Aussichtslose Lage der Italiener

Seine immer aussichtslosere Lage erkennend, befahl General Baratieri den Rückzug, wobei einige Einheiten diesen absichern sollten. Das erwies sich aufgrund der nicht nachlassenden äthiopischen Angriffe jedoch als unmöglich. Wenig später befand sich die gesamte Kolonialarmee – oder was davon noch übrig war – auf der Flucht.

Triumphaler Sieger - Kaiser Menelik II.
Triumphaler Sieger – Kaiser Menelik II.

Kaiser Menelik II. rief die Bevölkerung zum aktiven Kampf gegen ihre Feinde auf und so fanden selbst unter jenen geflohenen  Kolonialtruppen noch viele nach der Schlacht den Tod. Sei es, weil sie aus Erschöpfung zusammenbrachen oder aber während des ungeordneten Rückzugs verloren gingen. Alles in allem hatte die italienische Seite 6.133 Tote zu beklagen, sowie 1.428 Verwundete. Alle 56 Kanonen der Italiener waren von den Äthiopiern erbeutet worden.

Auf äthiopischer Seite waren etwa 7.000 Männer und 10.000 Verwundete zu verzeichnen. Mehr als die Italiener und doch nur ein Bruchteil der ursprünglichen Stärke – während die italienische Kolonialarmee um die Hälfte dezimiert wurde. Die gefangenen Kolonialtruppen Italiens hatten keine Gnade zu erwarten – die Äthiopier sahen die anderen Afrikaner als Verräter. Vielen schnitt man eine Hand und einen Fuß ab, um sie hilflos einem langsamen Tod durch Verhungern zu überlassen.

Nachwirkungen der Schlacht

Das Resultat der Schlacht war dramatisch. In Rom führte es zum sofortigen Fall der Regierung Francesco Crispi. General Baratieri warf man fälschlicherweise vor, seine Männer unehrenhaft im Stich gelassen zu haben. Ein Kriegsgericht sprach ihn später frei, doch seine Reputation hatte ernsten Schaden genommen. Für über ein Jahrzehnt kamen alle kolonialen Expansionspläne Italiens zum Erliegen. Die äthiopische Unabhängigkeit wurde anerkannt. Kaiser Menelik II. war klug genug, dies zu seiner einzigen Friedensbedingung zu machen. Während andere noch mehr Blutvergießen wollten, begriff er, dass eine Ausweitung des Kriegs nur zur Zerstörung seines Landes führen würde. Er hatte bekommen, was er wollte – und sich einen Platz in der afrikanischen Geschichte gesichert.

Äthiopien erwarb sich durch die gewonnene Schlacht Anerkennung auf der ganzen Welt. Menelik II. sollte zeitlebens einen fast mystischen Status anhaften. Doch der Sieg sollte nicht nur positives für Äthiopien bringen – die Italiener hatten ihre Lektion gelernt und würden die Äthiopier nicht noch einmal unterschätzen. Die Äthiopier andererseits erinnerten sich an ihren fulminanten Sieg bei Adwa und würden die Italiener künftig unterschätzen – mit desaströsen Folgen.

Bis heute dauert die Bedeutung der Schlacht von Adwa an und ist ein Symbol geworden. Seit dem Sieg der Zulu bei Isandlwana im Jahr 1879 war keine europäische Armee auf dem schwarzen Kontinent mehr so vernichtend geschlagen worden. Auch wenn Italien mit dem Sieg im Abessinienkrieg 1935-1936 die Statistik wieder ausglich, so haben Äthiopier und viele Afrikaner den Sieg bis heute nicht vergessen. Vielen diente die Schlacht nach dem 2. Weltkrieg als Inspiration, die europäischen Kolonialmächte abzuschütteln und die Unabhängigkeit zu erlangen.