Kaiser Otto I. der Große

Otto_Great_statueNach dem Niedergang des weströmischen Reichs verfiel Europa in das, was die moderne Geschichtsschreibung die „dunklen Jahrhunderte“ nennt. Hintergrund ist der Zusammenbruch der römischen Zivilisation, wie sie die Welt bis dahin prägte.

Ungeachtet wütender Wikinger und germanischer Stammesfehden war das Zeitalter aber mitnichten „dunkel“. Vielmehr war es ein Ort der Erholung, je nach Standpunkt sogar der Weiterentwicklung, der Zivilisation. Wenn auch im Stillen, eher unauffällig. Jene Germanen, die vor wenigen Jahrhunderten das römische Reich ins Wanken brachten, sollten zum Quell der Stärke und ordnenden Kraft Europas werden. Schlüsselfigur hierbei war Karl der Große, der ein Reich erschuf, dass praktisch das gesamte heutige Westeuropa umfasste. Doch nach seinem Tod zerfiel das Reich und aus den größten Teilen sollten sich dereinst Frankreich und Deutschland herausbilden.

Während Karl dem Großen heutzutage relativ viel Aufmerksamkeit zukommt, wird ein anderer Monarch gern übersehen: Otto der Große. Er war es, der die Scherben des karolingischen Reiches zusammenkehrte und es wieder zusammensetzte. In gewisser Weise ist die heutige Existenz Deutschlands Kaiser Otto I. zu verdanken. Doch dazu gleich mehr.

Gesichert ist, dass Otto am 23. November 912 als Sohn von Herzog Heinreich der Finkler und seiner zweiten Frau Matilda von Westfalen auf die Welt kam. Er wuchs in einer unruhigen Zeit auf, in der deutsche Kleinstaaten gegeneinander um Einfluss im zusammengebrochenen Reich Karls des Großen kämpften.

Sachsen als mächtigster deutscher Staat

Otto_the_GreatUnd nicht nur im Reich wurde gekämpft. Hatten die Römer seinerzeit noch die „germanischen Barbaren“ als Invasoren zu bekämpfen, so mussten sich die Nachkommen eben jener Germanen nun gegen von Osten einfallende Slawen und Magyaren bewähren. In jenen Jahren stieg Sachsen zum mächtigsten deutschen Staat auf. Der junge Prinz Otto erwarb erste Erfahrung im Kampf mit den Slawen als auch mit den Frauen – eine gefangen genommene slawische Adelige brachte seinen Sohn zur Welt. (der später Erzbischof von Mainz werden sollte – aber das ist eine andere Geschichte)

Während sein Vater, Herzog Heinrich, sein Vorhaben alle Deutschen unter seinem Banner zu vereinen verfolgte, besuchte Otto die entfernten Verwandten seiner Leute im angelsächsischen England. Im Jahr 930 heiratete er Prinzessin Eadgyth, die Halbschwester von König Aethelstan von England. Herzog Heinrich setzte alle seine Hoffnungen auf seinen Sohn Otto und erklärte ihn zeitig zum alleinigen Thronerben. Seine Hoffnungen sollten sich bewahrheiten und Otto ein hervorragender Monarch werden.

Otto als König von Deutschland

Im Jahr 936 verstarb Herzog Heinrich der Finkler. Die sächsischen Adeligen wählten Otto, damals erst 24 Jahre alt, zum König von Deutschland. Er blieb natürlich außerdem der Herzog von Sachsen und herrschte – dank seines Vaters Erfolge – über nahezu alle Deutschen.

Otto war ein großer Bewunderer von Karl dem Großen und er ließ keine Gelegenheit aus, dies auch kundzutun. Nachdem die letzten Erben der fränkischen Kaiser gestorben waren, unternahm er Anstrengungen, sich als rechtmäßíger Nachkomme von Karl den Großen zu präsentieren.

Mit dem großen Vorbild sollte er sich später messen können: Obwohl selbst mächtig, war er in diesen unruhigen Zeiten von Feinden umgeben. Im Nordosten drangen die Slawen vor, von Osten fielen die Magyaren ein und im eigenen Reich gab es zahlreiche rebellische Adelige.

Der neue König verlor keine Zeit und machte sich an die Arbeit, die Macht in Deutschland zu zentralisieren. Lange Zeit galt das Königsbild vom „primus inter pares“, des Ersten (Fürsten) unter Gleichen. Für ihn hatte es ausgedient und daraus machte er keinen Hehl. So zwang er Adelige einen Treueeid auf ihn als König zu schwören. Zahlreiche wichtige Ämter wurden mit Klerikern statt Adeligen besetzt, um so deren Einfluss zu schmälern. Kurzum, er setzte die Rahmenbedingungen für zahlreiche spätere Entwicklungen Deutschlands.

Hilferuf aus Italien

Adelaide_OttoWährenddessen erreichte ihn ein Hilferuf aus Italien. Der zumindest nominale König Italiens, König Lothar II., war verstorben. Gerüchteweise wurde er vergiftet. Seine bezaubernde junge Königin Adelheid von Burgund war mit nur 19 Jahren zur Witwe geworden. Man wollte sie zwingen, den italienischen Markgrafen Berengar II. zu heiraten, der sich von der Hochzeit den Gewinn ihrer Ländereien versprach – und dem vielfach die Vergiftung Lothar II. nachgesagt wurde, was aber nicht erwiesen ist.

Was folgte, liest sich wie aus einem Märchenbuch: Die Königin wurde gefangen genommen, konnte aber fliehen und sich verstecken. Aus ihrem Versteck sandte sie im Jahr 951 ein Hilfegesuch an den deutschen König. Otto zögerte nicht, sondern sattelte sein Pferd und fiel kurz darauf an der Spitze seiner Ritter in Norditalien ein.

Angesichts der drohenden Vernichtung entschied Berengar II., dass Adelheid den Ärger nicht wert sei und flüchtete ohne Kampf. So wie der weiße Ritter im Märchen ritt auch Otto zur Rettung von Adelheid und heiratete sie anschließend selber, nachdem seine angelsächsische Frau bereits 5 Jahre zuvor verstorben war.

Es hätte nicht besser laufen können – Otto vergrößerte seinen Einfluß, gewann einen exzellenten Ruf und erhielt eine hingebungsvolle Ehefrau, mit der er eine sehr glückliche Ehe führen sollte.

Einfall der Magyaren im Jahr 955

Die Glückseligkeit dauerte jedoch nicht lange an, denn Otto wurde zu Hause gebraucht. Im Jahr 955 fielen die Magyaren in Ottos Reich ein, am 8. August griff sie die Stadt Augsburg an. Die Magyaren, Väter des heutigen Ungarn, waren zu jener Zeit noch ein Stamm heidnischer Plünderer aus den Weiten Eurasiens.

DI6A7C~1Der Augsburger Bischof Ulrich organisierte die Abwehr der Augsburger Bevölkerung an den Stadtmauern. Man kämpfte verzweifelt und wehrte die Angriffe der Magyaren bis zur Abenddämmerung immer wieder ab. Aber die Schar der kampffähigen Städter wurde immer kleiner. Es war offensichtlich, dass man keinen weiteren Tag mehr aushalten würde. An diesem Abend betete Bischof Ulrich der Überlieferung zufolge zur Jungfrau Maria um Hilfe – und er sollte sie bekommen. Sobald magyarische Späher den Augsburg zur Hilfe eilenden König Otto und seine Ritter ausmachten, zog das magyarische Heer ab. Doch die Magyaren waren keine Feiglinge und der Kampf nur aufgeschoben.

Zwei Tage später kam es zur bekannten Schlacht am Lechfeld. Nach der Morgenmesse bestieg König Otto sein Pferd und führte seine Männer unter dem Banner des Erzengels Michael in die Schlacht.

Doch der Schlachtverlauf war nicht gut. Seine Truppen begannen zu wanken, als die Magyarenkrieger wieder und wieder zum Angriff ansetzen. Als es einer Gruppe Magyaren auf ihren schnellen Pferden gelang die deutschen Ritter zu umgehen und zu umzingeln, schien die Schlacht verloren.

Zur Überraschung seiner Männer befahl Otto seinem Sohn Konrad einen Frontalangriff gegen die magyarische Gruppe. Das war überraschend, war das Verhältnis zwischen Vater und dem Sohn aus erster Ehe (mit Eadgyth) mehr als angespannt. Konrad hatte zuvor sogar eine Rebellion gegen seinen Vater angeführt. Doch Otto vertraute ihm, das umzingelte Heer aus seiner aussichtslosen Lage zu befreien. Konrad führte seine Männer zum Angriff und schlug die Maygaren zurück, was den Schlachtverlauf wendete und am Ende zum Sieg Ottos und seiner Ritter führte.

Im Zuge dieses großen Triumphs wurden Stimmen laut, die Otto gar Kaiser nannten. König von Deutschland schien ihm nicht mehr gerecht zu werden, schließlich konnte sich kein anderer Monarch der westlichen Christenheit mit ihm messen. Im Jahr 962 krönte der Papst König Otto zum Kaiser eines wiederhergestellten „Heiligen Römischen Reichs“, dem später noch der Zusatz „deutscher Nation“ hintangestellt werden sollte.

Ottos Traum seinem Vorbild Karl dem Großen nachzueifern war mit der Kaiserkrönung erfüllt. Er hatte den höchsten (säkularen) Titel der Christenheit. Der Zenit schien erreicht.

Doch in diesen unruhigen Zeiten war die Arbeit eines König niemals erledigt. Bald schon befehligte Kaiser Otto I. seine Männer im Kampf gegen einfallende Slawen im Nordosten des Reichs. In Mecklenburg kam es zur Schlacht, nachdem der slawische Heerführer bei einem Treffen einen Friedensvorschlag Ottos abgelehnt hatte.

Kaiser Otto entschied sich für ein verwegenes Vorhaben. Die Slawen waren sicher, die Schlacht am nächsten Tag für sich zu entscheiden. Doch Otto würde ihnen nicht die Chance dazu geben. Während der Nacht überquerte er mit seinen Ritter leise den Fluß Recknitz, der die beiden Armeen trennte. Noch im ersten Morgengrauen startete er einen Überraschungangriff, das slawische Heer wurde fast vollständig vernichtet. Das Reich war gerettet, ein weiterer heidnischer Eindringling vernichtet und noch ein Sieg durch Kaiser Otto errungen.

Sofern er sich nicht im Krieg befand, arbeitete Otto daran seine Macht im Reich zu festigen,  Missionare zu den umgebenden heidnischen Nationen auszusenden sowie die Künste und Bildung zu fördern, was zur so genannten ottonischen Renaissance führte.

Am 07. Mai 973 verstarb Kaiser Otto nach heftigen Fieberanfällen. Die Macht ging ohne Opposition in die Hände seines 17-jährigen Sohn Otto II. über. Die „Dynastie der Ottonen“ würde sich noch bis ins Jahr 1024 halten können.

Otto der Große verdient seinen Beinamen vollkommen zurecht. Er war einer der großen Kaiser der sächsischen Linie, mit dem sich keiner seiner Nachkommen messen konnte. Erst Kaiser Friedrich Barbarossa aus der Hohenstaufer Dynastie sollte anschließen können.

Im Rückblick verdient Otto den Respekt der gesamten westlichen Welt, weit über die Grenzen Deutschland hinaus. Seine Stabilität und Ordnung schuf den Boden, auf dem die westlichen Nationen Europas in den nachfolgenden Jahrhunderten gedeihen konnten.

Die Magyaren, Ottos ehemalige Feinde, wurden zu Freunden und später Verbündeten. Nach ihrer Niederlage zogen sie sich nach Osten zurück und siedelten sich im heutigen Ungarn an, wo sie ein Königreich schufen und Christen wurden.

Ihnen folgten die Slawen, die sich später ebenfalls zum Christentum bekannten. Die Anfänge dieser Entwicklung lagen alle bei Kaiser Otto I., einer der Schlüsselfiguren der „Dunklen Jahrhunderte“. So recht es ist, sich heute Karls des Großen zu erinnern und ihn zu würdigen, so sehr muss man doch auch sehen, wie schnell alles nach seinem Tod zerfiel. Es war Kaiser Otto der Große, der das Erbe annahm und weiterführen sollte.

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