Erinnerungen an das niederländische Weltreich

Denkt man an die Niederlande, so denkt man meist an Windmühlen in idyllischen Landschaften, Holzschuhe, guten Käse und Tulpen. Der moderne Mensch denkt auch an Prostitution und Marihuana. An die einstige Bedeutung der Niederlande denkt kaum noch jemand zurück – und doch waren die Niederlande über Jahrhunderte eine der bedeutendsten Kolonialmächte der Erde, deren Einfluss sich über alle sieben Weltmeere erstreckte.

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Karte niederländischer Kolonien

Im großen Ringen der Kolonialmächten  konzentrierten sich die Niederländer seit jeher stets auf Handel statt Eroberung. Und waren damit extrem erfolgreich. Es gab Zeiten, da gab es keinen Kontinent, auf dem es nicht auch eine niederländische Niederlassung gab. Oder der Beziehungen zu den Niederlanden besaß.

Beispiel Australien: Obwohl niemals niederländisches Besitztum, so waren es doch Holländer, welche die Küstenlinie zum ersten Mal kartographierten. Was erklärt, warum so viele Gegenden zwischen Neuseeland und Tasmanien holländische Namen tragen. Und warum Australien in frühen Aufzeichnungen als „Neuholland“ betitelt wurde. Die Niederlande besaßen Siedlungen in Nordamerika, der Karibik, Südamerika, Afrika, Indien und Südostasien.

Das holländische Weltreich: Handel statt Eroberung

Die holländische Republik, unter der Führung der Prinzen von Oranje, entwickelte sich nach erlangter Unabhängigkeit von Spanien rapide zu einem Zentrum für internationalen Handel, Schiffbau, Finanzen und Kultur. Die ersten Reisen zu den Gewürzinseln waren so erfolgreich, dass sich holländische Händler und Entdecker in immer gewagteren Unternehmungen zu überbieten suchten. Im Jahr 1614 gründeten Holländer die Kolonie „Neu Amsterdam“ an der Ostküste Nordamerikas als einen Handelsposten für Pelze. Sie etablierten gute Beziehungen zu den Ureinwohnern und kaufen diesen alles Land, dass sie beanspruchten, ab. (Später kam es zu Disputen, weil die Ureinwohner das europäische Konzept vom Kauf / Verkauf von Privateigentum nicht verstanden).

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Karte Niederlande in der Karibik und Südamerika

Dennoch – es handelte sich nicht um brutale Eroberer, die primitive Ureinwohner unterdrückten. Die Holländer bemühten sich um eine faire Abwicklung der Geschäfte. Die Kolonie Neuholland wurde bekannt für ihre Freiheit, Toleranz und das kosmopolitische Flair. Sklaverei existierte (wie damals praktisch überall), jedoch hatten auch Sklaven gewisse Rechte. 1667 wurde Neu Amsterdam schließlich von den Engländern erobert und umbenannt in … New York. (Zu Ehren des Herzog von York, dem späteren König James II.) Der holländische Einfluss blieb jedoch lange bestehen und selbst heute trägt das Wappen der Stadt New York noch die traditionellen holländischen Farben orange, weiß und blau.

Eine Reihe Inseln in der Karibik wurden besiedelt, viele noch heute mit Bindung an die Niederlande. Die Niederlande kontrollierten zudem weite Teile des nördlichen Brasiliens und der Nordküste Südamerikas. Während dieser Zeit waren holländische Freibeuter dafür berüchtigt, spanische und portugiesische Schiffe aufzubringen und das Gold und Silber zu rauben.

Allerdings dauert diese Aktivitäten nicht lange und der holländische Einfluss schwand zunehmend, bis schließlich nur noch Niederländisch-Guyana (heute: Suriname) übrig blieb. Dieses Gebiet war ursprünglich in jenem Krieg von den Holländern erobert worden, in denen die Engländer in New York einmarschierten. Holländisch-Guyana war eine wohlhabende und stabile Kolonie. So erfolgreich, dass als im 20. Jahrhundert die Unabhängigkeit bevorstand, fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung in die Niederlande flüchtete. Eine weise Entscheidung, wie sich am späteren Niedergang Surinames zeigen sollte – mit seinen typischen Militärputschen, sozialistischen Diktaturen und Armut.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, in Afrika, bauten holländische Siedler mit Mut und Ausdauer eine kleine Kolonie auf, die während der Napoleonischen Kriegen von den Briten eingenommen wurde. Der Name: Südafrika. Die verbliebenen holländischen Siedler zogen nach Norden ins Landesinnere und etablierten ihre eigenen Kolonien und wurden über die Jahrhunderte hinweg zu einer eigenen Gruppe von Leuten, die so genannten „Boer“ (Buren). Die holländischen Wurzeln sind dort auch heute noch sichtbar und jene eifrigen holländischen Siedler legten das Fundament für das, was später einmal das erste Land in Afrika mit dem Wohlstandsniveau eines „Erste Welt“ Landes werden sollte.

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Zeichnung: Niederländische Expedition auf Formosa (Taiwan)

Auf dem indischen Subkontinent konzentrierten sich die Niederlande auf zahlreiche Handelsposten an der Küste Sri Lankas / Ceylons. In Ostasien übernahm man die Kontrolle über Formosa (Taiwan) und erhielt exklusive Handelsrechte mit dem isolierten Japan. Die Portugiesen hatten zwar den ersten Kontakt mit den Japanern hergestellt, beunruhigten die japanischen Fürsten jedoch durch die mitgebrachten katholischen Missionare. Aus diesem Grunde bevorzugte man bald den holländischen Handelspartner, mit dem man handelte, der sich ansonsten aber aus allem heraushielt.

Formosa war eine andere Geschichte: Hier arbeiteten die Holländer daran den Ureinwohnern das Christentum näherzubringen und geläufige Praktiken wie z. B. Abtreibung zu unterbinden. Große Zucker- und Reisplantagen entstanden in diesen Tagen, ein profitabler Handel mit China und Japan entwickelte sich. Der beginnende Wohlstand weckte Begehrlichkeiten, doch sowohl chinesische als auch spanische Angriffe wurden abgewehrt. Später kam die holländische Präsenz durch eine Kombination aus Kräften Chinas und lokaler Rebellen zu einem Ende.

Kronjuwel des holländischen Empire: Niederländisch-Ostindien

Das Kronjuwel des holländischen Empire verblieb: Niederländisch-Ostindien. Heute: Indonesien. Die ersten Besiedelungen fanden noch zur Zeit der holländischen Republik statt. Später, als Monarchie, intensivierten sich die Bemühungen. Niederländisch-Ostindien war eine der erfolgreichsten Kolonien in der Geschichte. Ursprünglich profitierend vom Gewürzhandel, später von Plantagen und noch später von der Förderung riesiger Ölvorkommen. Die meiste Zeit über war die holländische Präsenz gering und weite Teile des Archipels waren de-facto bis ins frühe 20. Jahrhundert unabhängig. Die administrative Leistung der Niederlande ist verblüffend, wenn man sich vorhält, dass ein kleines Land wie die Niederlande der Protektor eines Archipels war, das sich über ein Gebiet in etwa von der Größe Europas erstreckte.

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Maarten van Tromp

Neben einer effizienten Verwaltung benötigte man hierfür auch großartige militärische Fähigkeiten. Die Niederlande werden selten als Militärmacht porträtiert, doch haben sie eine Militärhistorie, auf die sie mit Stolz blicken können. Nachdem die Unabhängigkeit von Spanien (damals Hegemon über Westeuropa) gewonnen war, besiegte die holländische Marine Portugiesen, Spanier und Engländer in zahlreichen Seeschlachten. Neben dem brillanten Prinz Moritz von Nassau kommt Admiral Maarten van Tromp in Erinnerung, der einen vernichtenden Sieg über die Engländer bei der Schlacht von The Downs errang. Weitere Siege wurden über Schweden, Franzosen und unzählige Eingeborene errungen.

Eine lange Periode des Friedens ließ die Holländer schließlich unachtsam werden. Beim Einmarsch des Dritten Reichs 1940 versagte die niederländische Armee auf ganzer Linie. Die Armee war schlecht ausgerüstet und unvorbereitet. Einzelne Teile der Armee lieferten zwar erbitterten Widerstand, waren jedoch chancenlos. Zur Vermeidung von mehr Opfern stellte man die Kampfhandlungen nach wenigen Wochen ein. In den asiatischen Kolonien errang die winzige holländische U-Boot Flotte beeindruckende Erfolge gegen die imperiale japanische Armee, als diese eine Invasion von Niederländisch-Ostindien startete. Zum Vergleich: Die winzige holländische U-Boot Flotte erzielte während dieser Tage höhere Erfolge, als die gesamte U-Boot Flotte der Vereinigten Staaten (die von Torpedoversagern geplagt wurde).

Unmittelbar nach Kriegsausbruch mit den Mittelmächten waren die ostindischen Besitzungen von Aufständen erschüttert worden. Führend unter diesen Revolutionären war ein Nationalist von der Insel Java mit Namen „Sukarno“. Diesem waren die feudalen Traditionen seiner Leute ebenso verhasst wie die holländische Administration. Als sozialistischer Revolutionär kooperierte er mit den Japanern um an die Macht zu gelangen und predigte eine tödliche Mischung aus Marxismus, Nationalismus und Islam.

Ihre Majestät Königin Wilhelmina, die ihr Reich entschlossen durch den verheerenden Zweiten Weltkrieg geführt hatte, musste einsehen, dass sich ihr Königreich in einem desolaten Zustand befand und außer Lage war, einen weiteren Krieg zu führen. Holländische Agenten handelten einen Kompromiss aus, nach dem Niederländisch-Ostindien zu den Vereinigten Staaten von Indonesien würde: Ein unabhängiges Land mit eigener Regierung, dass jedoch Teil des holländischen Empire verbleiben würde, mit Königin Wilhelmina als Souverän. Dies versprach die perfekte Lösung – doch die Rebellen brachen kurz darauf die Vereinbarung und die Niederlande verloren die Geduld.

Die heutige Geschichtsschreibung mit ihren anti-kolonialen Losungen legt Wert darauf, den Holländern den schwarzen Peter zuzuschieben. Aber es ist wichtig die Geschichte aus der Perspektive der holländischen Minderheit in Indonesien zu verstehen: Sie hatte den Handel zwischen den Inseln aufgebaut, wovon jeder profitierte. Sie waren es, welche die Ölreserven entdeckten und daraus ein profitables Geschäft entwickelten und sie waren es, die die Inseln entdeckten und kartographierten. Und dann sollte eine Gruppe Radikaler kommen und es ihnen wegnehmen wollen. Dazu kamen die Rahmenbedingungen: Der Zweite Weltkrieg war gerade verheerend zu Ende gegangen und die Holländer fühlten sich, als trete man auf sie am Boden liegend ein. Noch dazu Leute, die während des Krieges mit ihren Feinden kollaborierten und die nichts getan hatten, um das Leid der Holländer in japanischen Internierungslagern während des Krieges zu lindern. Der nationalistisch-rassistische Ton dieser Revolutionäre ließ die holländischen Siedler um ihr Leben fürchten.

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Foto Niederländische Kolonialarmee

Etwas musste getan werden. Und es wurde getan. Die Niederlande starteten eine große militärische Operation, um die Kontrolle über Indonesien zurückzuerlangen. Mit der Durchführung wurde General Simon Hendrik Spoor beauftragt. Abermals überraschten die holländischen Militärkünste. Die Rebellen wurden praktisch bei jedem Gefecht besiegt. Es gelang schließlich sogar, Sukarno gefangen zu nehmen. Gerade als der totale Sieg der königlichen Armee gewiss schien, traten die USA auf den Plan. President Harry Truman und sein Secretary of State Dean Acheson (der später halb Korea einem wahnsinnigen kommunistischen Regime überließ) zwangen die Niederlande, ihr Empire aufzugeben. Ansonsten werde man alle Marshall Plan Hilfen für die kriegsgebeutelten Niederlande einstellen. Die Holländer wurden gezwungen, die Unabhängigkeit Indonesiens anzuerkennen, lediglich Neuguinea verblieb noch etwas länger bei der Krone. Die USA hatten gehofft, durch diese Aktion im anbrechenden Kalten Krieg einen neuen Verbündeten zu gewinnen. Doch diese Strategie sollte, wie so häufig, nicht aufgehen.

Das Ende des niederländischen Weltreichs

Das Ende des holländischen Reichs war schrecklich, für alle die es betraf, wenn man mit ehrlichem Blick auf die Dinge sieht. Zehntausende wurden getötet, Millionen vertrieben, viele Minderheiten wurden verfolgt (auch jene, die ursprünglich die Revolution unterstützten) und holländische Kolonisten, deren Familien über Generationen in Ostindien lebten, wurden enteignet und in die Niederlande deportiert. Was seinerseits damals eine große ökonomische Herausforderung für die kleinen Niederlande darstellte.

In Indonesien wurden die traditionellen lokalen Monarchien zerstört und viele Menschen starben bei Putschversuchen und Kämpfen zwischen rivalisierenden Fraktionen, von linientreuen Kommunisten bis hin zu Islamisten. Weder Freiheit noch Wohlstand, den die revolutionären Führer versprachen, traten ein. Erst nach langer Zeit begann wieder eine langsame Entwicklung, aber es war ein langer, schwerer Prozess mit vielen Rebellionen und Guerillakriegen. Sukarno errichtete eine Militärdiktatur und bedrohte die Nachbarstaaten Malaysia und Brunei. Als die USA ihren fatalen Fehler bemerkten, versuchten sie Sukarno zu entfernen, scheiterten aber.

Seit jenen Tagen sind die Niederlande selbst eines der stabilsten, freisten und wohlhabendsten Länder der Erde. Die verbliebenen holländischen Inseln in der Karibik besitzen allesamt ein höheres Pro-Kopf-Einkommen und einen höheren Lebensstandard als andere Inseln der Region. Haupteinnahmequellen heutzutage sind die Energie- und Tourismusindustrie. Das gleiche kann man nicht von den Kolonien behaupten, die sich von der holländischen Krone abwandten und „Demokratien“ wurden: In Suriname brach die Wirtschaft zusammen und sollte nie mehr das einstige Niveau erreichen. Indonesien lernte maßlose Korruption, Rebellionen, Armut und Extremismus kennen.

Wie immer zu allen Zeiten, so wurden auch im holländischen Empire Fehler begangen, schwarze Flecken auf der ansonsten makellosen Weste. Doch alles in allem können Niederländer mit Stolz auf ihre Vorfahren blicken, die in allen Teilen der Welt durch ihre Kreativität, Tüchtigkeit und Eifer einen bleibenden Eindruck hinterließen.

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