König Norodom Sihanouk von Kambodscha

Norodom_Sihanouk_1983Wenn es in Südostasien über Jahrzehnte eine Konstante in der Politik gab, dann waren es die beiden Könige Bhumibol von Thailand und Norodom Sihanouk von Kambodscha.

Sihanouk war während seines Lebens Prinz und Thronanwärter, Politiker, kommunistischer Frontmann und König einer konstitutionellen Monarchie. Er überlebte mehrere Kriege, wurde abgesetzt, wurde zum Tode verurteilt, war – zumindest nominell – ein Guerillakämpfer, ein Gefangener in seinem eigenen Land und symbolisierte zu verschiedenen Zeiten ein altes, traditionelles Kambodscha, einen blutigen kommunistischen Sklavenstaat oder eine Demokratie. Er hält bis heute den Weltrekord als Politiker mit den meisten Positionen in seiner Karriere. Er war die Vaterfigur der einzigen südostasiatischen Monarchie, die nach dem Sturz durch die Kommunisten letztlich wiederhergestellt wurde. Es ist die Geschichte des bewunderten, verdammten, kontroversen und einzigartigen König Norodom Sihanouk von Kambodscha.

Norodom Sihanouk 1959
Norodom Sihanouk im Jahr 1959

Geboren wurde er als Sohn von König Norodom Suramarit und Königin Sisowath Kosawak von Kamboscha am 31. Oktober 1922. In der Khmer Hauptstadt Phnom Penh (die Khmer sind das ethnisch dominante Volk Kambodschas) und im vietnamesischen Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt) bildete sich der junge Prinz Sihanouk. Später absolvierte er in Frankreich ein Militärtraining. Damals ein klassischer Bildungsweg für Prinzen aus Indochina.

Die gesamte Region Indochina (heute: Kambodscha, Laos, Vietnam) war damals französische Kolonie. Entgegen der landläufigen Meinung ging es Kambodscha unter der französischen Kontrolle gut. Insbesondere im Vergleich zu dem, was später noch folgen würde. Die königliche Familie Kambodschas war sogar reicher als die imperiale Familie Vietnams, unter deren Kontrolle Kambodscha nominell lag.

Thronbesteigung mit nur 19 Jahren

Sihanouk war gerade erst 19 Jahre alt, als sein Großvater König Sisowath Monivong verstarb und er zum neuen König von Kambodscha ausgerufen wurde. Dies war im Jahr 1941, einem denkbar schlechten Zeitpunkt, um als junger und unerfahrener Monarch den Thron zu besteigen. Brach in Ostasien doch gerade der 2. Weltkrieg los.

1941: Einmarsch japanischer Truppen in Saigon
1941: Einmarsch japanischer Truppen in Saigon

1940

Der junge König Sihanouk, obwohl zeitlebens immer etwas frankophil veranlagt, verlangte entsprechend der nationalistischen Grundstimmung jener Tage nach Unabhängigkeit Kambodschas von Frankreich. Dies ging Hand in Hand mit den Interessen des immer dominanteren Japans, das ganz Indochina nach der Niederlage Frankreichs in Europa besetzte.

1945 erklärte sich Kambodscha – unter japanischer Schirmherrschaft – sogar für unabhängig, doch dieses Kapital endete mit der kurz darauf erklärten Kapitulation Japans. Im gleichen Jahr dankte der Kaiser von Vietnam zugunsten der Kommunisten ab und im benachbarten Laos spitzte sich die Lage ebenfalls zu. Sihanouk befürchtete ein Übergreifen auf sein Land, sollte es nicht die Unabhängigkeit erlangen.

Er ging im Mai 1953 ins Exil nach Thailand und gab – publikumswirksam – zu verstehen, dass er nicht zurückkehren werde, ehe Frankreich sein Kambodscha nicht in die Unabhängigkeit entlasse. Frankreich stimmte dem im November zu und Norodom Sihanouk kehrte zurück. Er blieb allerdings nicht lange auf dem Thron.

Regieren, nicht nur repräsentieren

Nachdem er die Bühne der Politik betreten hatte, wollte Sihanouk nun mehr. Er wollte direkt die Geschicke seines Volkes lenken. Er übergab 1955 den Thron an seinen Vater, König Norodom Suramarit und wurde selbst zum ersten Premierminister des neuen, unabhängigen kambodschanischen Königreichs. Als sein Vater 1960 starb, wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt, doch blieb er immernoch Prinz Norodom Sihanouk. Drei Jahre später änderte er die Verfassung ab, so dass er zeitlebens regieren könne.

Sihanouk war extrem populär bei der Landbevölkerung. Diese Menschen lebten ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Sie waren sehr religiöse Menschen und brachten ihm tiefe Verehrung entgegen. Teilweise wurde ihm sogar eine gute Reisernte und gutes Wetter zugeschrieben. Der Publizist Peter Scholl-Latour beschrieb das von ihm seinerzeit bereiste Kambodscha unter Prinz Sihanouk mehrmals (u.a. in seinem Besteller „Der Tod im Reisfeld“) als jenes Land, dass für ihn dem irdischen Abbild des biblischen Paradieses am Nächsten käme.

Innerhalb der Palastmauern gab es allerdings auch noch einen anderen Sihanouk. Dieser hatte sich insbesondere in jungen Jahren einen Ruf als Playboy erworben. Während seines Lebens sollte er sieben Frauen haben – auch wenn er am Ende doch immer mit seiner Frau Königin Monineath zusammenbleiben würde und die beiden zwei Söhne haben sollten.

Als filmbegeisterter Regisseur drehte er zudem einige Filme, meist mit Fokus auf die glorreiche kambodschanische Geschichte. Sein Werk „Ombre sur Angkor“ aus dem Jahr 1968 hatte fast prophetischen Charakter, handelte es doch von einem fiktiven putschenden General mit CIA-Unterstützung.

Sihanouk trat in der Öffentlichkeit stets bescheiden, freundlich und nahbar auf. Mit dieser Art kam er überall gut an. Er knüpfte gute Beziehungen mit dem französischen Präsidenten Charles DeGaulle und sogar dem Vorsitzenden Mao Zedong des kommunistischen China. Berührungsängste mit Kommunisten hatte er keine. Er besuchte die Sowjetunion und verbrachte sogar Zeit in Nordkorea. Diese Verbindungen mit dem internationalen Kommunismus würden sich später als wichtig erweisen. Als die USA ihr Engagement in Vietnam verstärkten, war Prinz Sihanouk einer der ärgsten Kritiker. Er sah das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen getreten und befürchtete ein Übergreifen des Konfliktes auf sein Land. Und er sollte Recht behalten.

Die Roten Khmer formieren sich

Während Prinz Sihanouk die Auslandsbeziehungen festigte, begannen sich im kambodschanischen Hinterland kommunistische Truppen, die Khmer Rouge („rote Khmer“) zu sammeln. Ihr Vorbild war der Vietcong im benachbarten Vietnam, auch wenn es erhebliche ideologische Unterschiede gab. Die Khmer Rouge wuchsen nur sehr langsam, da insbesondere die Landbevölkerung dem Prinzen Sihanouk gegenüber sehr loyal war. Obwohl sie materiall ärmlich lebten, waren die Menschen zufrieden mit ihrem friedlichen Leben.

Zunächst beachtete Sihanouk die Khmer Rouge nicht viel, war er doch vollauf damit beschäftigt, sein Land aus den Streitigkeiten zwischen der Sowjetunion, China und den USA herauszuhalten. Er verurteile mehrmals öffentlich die amerikanische Aggression in Vietnam.

Als die First Lady Jackie Kennedy 1967 zu einem Staatsbesuch eintraf, präsentierte er sich als exzellenter Gastgeber. Was ihn aber nicht abhielt, dennoch öffentlich die USA für die Verletzung der Selbstbestimmungsrechte Vietnams anzuklagen, da sie den Südvietnamesen im Kampf gegen die Kommunisten halfen. Der US-Regierung war Sihanouk durch seine strikt neutrale Haltung zunehmend ein Dorn im Auge.

Kambodscha wird in den Konflikt gezogen

Im Jahr 1969 begannen die USA mit geheimen Bombardierungen des Vietcong und der Nordvietnamesischen Armee in ihren Verstecken an der Grenze zu Kambodscha. Die Vietnamesen nutzten die Neutralität Kambodschas aus und verlegten ihre Stellungen häufig in das Reich Prinz Sihanouks. In der Dschungelregion waren Grenzübertritte ohnehin nicht zu kontrollieren. Sihanouk wurde über die US-Bombardierungen an den Grenzen seines Landes nicht informiert. Er war entsetzt über Berichte von US-Kampfbombern, die über sein Land donnerten. US-Geheimdienstkreise begannen ab diesem Zeitpunkt Kontakte zu US-freundlicheren Persönlichkeiten in Kambodscha herzustellen, die gegen die strikte Neutralitätspolitik von Prinz Sihanouk waren.

In der Hauptstadt Phnom Penh kam es schließlich zu Protesten gegen die „vietnamesischen Dschungellager“. Es wurde für eine Unterstützung der USA demonstriert. Als Prinz Sihanouk darauf angesprochen wurde, zweifelte er die Ernsthaftigkeit der Demonstranten an. Diese Leute würden nur Geld von den USA wollen, aber die Zukunft ihres Landes sei ihnen egal. Überliefert ist sein Ausspruch, wonach diese Leute „Dollar-Patrioten statt kambodschanischen Patrioten“ seien.

Der Staatsstreich des General Lon Nol

Präsident von U.S. Gnaden - General Lon Nol
Präsident von U.S. Gnaden – General Lon Nol

Nichtsdestotrotz, die Situation wurde zunehmend ernster und es formierten sich politische Lager auf Konfrontationskurs. Als Prinz Sihanouk zu einer Staatsreise durch Europa, der Sowjetunion und China antrat, schlugen seine Feinde zu.

Der frühere Premierminister General Lon Nol führte einen Staatsstreich durch und erklärte Norodom Sihanouk für abgesetzt. Er wurde in Abwesendheit zum Tode verurteilt.

Lon Nol änderte allerdings nicht die Staatsform ab und zum Stellvertreter ernannte er einen Prinzen der königlichen Familie, der ein entschiedenes Vorgehen gegen die Kommunisten versprach. Sofort traf US-Unterstützung ein, um das neue Regime zu stabilisieren. Kambodscha war in die Fänge der südostasiatischen Bürgerkriege geraten – mit verheerenden Wirkungen für das kleine Land.

Sihanouk in China mit Mao (links) und anderen Funktionären
Sihanouk in China mit Mao (links) und anderen Funktionären

Während all dies geschah, befand sich Prinz Sihanouk gerade in China auf Staatsbesuch. Die Nachricht traf den sonst so selbstsicheren Sihanouk hart. Damit hatte er nicht gerechnet. Emotional hochgeladen verurteilte er die Aktion Lon Nols und rief zum erbitterten Widerstand gegen das neue Regime auf.

Sihanouk erklärte sich zum Chef einer Exilregierung in Peking. Was dann folgte, war die vermeintlich schwerwiegendste Entscheidung seines Lebens – er hielt eine Radioansprache an sein Volk und forderte sie auf, in den Dschungel zu gehen und sich den roten Khmer anzuschliessen, um das Lon Nol Regime zu bekämpfen. Dies erst gab der kommunistischen Guerilla die Verstärkung, die sie für Angriffe auf das Regime benötigte. Die Lon Nol Putschisten in Phnom Penh begannen ihrerseits mit einer Offensive gegen die Khmer Rouge und setzten das eilig herbeigeschaffte US-Militärgerät ein. Beide Seiten bekämpften sich verbissen und beide Seiten verübten Gräueltaten an jeweiligen der Gegenseite. Doch der blutige Bürgerkrieg hatte gerade erst begonnen.

Die Neutralität Kambodschas war nun dahin: Die Armee Südvietnams übertrat die kambodschanische Grenze und bekämpfte kommunistische Lager von dort. In einer kontroversen Entscheidung autorisierte US-Präsident Nixon den Einfall von US-Truppen entlang der kambodschanischen Grenze, um dort Lager des Vietcong und Nordvietnams anzugreifen. Prinz Sihanouk musste all dem von seinem Exil in Peking aus zusehen. Doch er versprach so lange zu kämpfen, bis er auf dem Thron wieder hergestellt sein würde.

Im Oktober 1970 unternahm General Lon Nol den letzten symbolischen Akt und schaffte die uralte Khmer Monarchie offiziell ab. An ihre Stelle trat eine Republik Kambodscha. Doch das Land glitt immer mehr ins Chaos ab, die frühen Jahre des Friedens und Wohlstands unter Prinz Sihanouk waren dahin. In den Dörfer und auf dem Land war Prinz Sihanouks Popularität ungebrochen und auch in den Städten fanden sich zum Ärger des neuen Regimes immer wieder unterstützende Slogans an den Häuserwänden.

Der Krieg wurde immer mehr zum Alltag in Kambodscha. Im Jahr 1971 unternahm die nordvietnamesische Luftwaffe einen Angriff auf Phnom Penh und zerstörte dabei die kambodschanische Luftwaffe vollständig. Die USA reagierten darauf mit noch mehr Unterstützung für Lon Nol. Es war ihre Luftunterstützung und ihre Dollar, die Lon Nol an der Macht hielten. Als die südvietnamesische Armee im Frühjahr 1971 zu ihrem erfolglosen Angriff auf die Nachschubpfade des Vietcong (sog. „Ho-Chi-Minh-Pfad“) ansetzte, wurde auch das bis dahin neutrale Königreich Laos in den Konflikt hineingezogen. Plötzlich war das gesamte Indochina ein Flächenbrand geworden und es schien keinen dritten Weg mehr zu geben. Entweder man war mit den Amerikanern oder mit den Kommunisten.

Geheime Rückkehr nach Kambodscha

Die Khmer Rouge freuten sich über die Verstärkung, als Prinz Sihanouk 1973 über Dschungelpfade des Khmer Rouge nach Kambodscha zurückkehrte. Alle kommunistischen Medien der Welt zeigten ein Video, in dem Sihanouk die Führer der Khmer Rouge dankbar umarmte. Darunter auch einen mit Namen Saloth Sar, später besser bekannt unter dem Namen Pol Pot.

Doch Norodom Sihanouk war kein Idiot. Er wusste die Schmeicheleien der Khmer Rouge ihm gegenüber einzuordnen. Ihm war bewußt, dass er für sie nur ein Strohmann wäre. Er gab einmal zu, dass „wenn sie die Macht erlangen, werden sie mich wie einen Kirschkern ausspucken„.

Auch die roten Khmer verstanden die Situation und trainierten ihre Führungskader darin, Prinz Sihanouk unter keinen Umständen zu glauben. Sie wussten, dass die Bevölkerung an ihn glaubte und deshalb war es wichtig ihn als Frontmann zu behalten, aber die Partei würde ihm niemals vertrauen. Denn im Herzen seien Sihanouk und die Revolution unversöhnliche Feinde.

Und ihre Taktik den Prinzen als Aushängeschild zu nutzen funktionierte prima. Dank der Unterstützung Sihanouks wuchsen die Khmer Rouge in nur drei Jahren von 3.000 versprengten Guerillas auf eine Armee von 60.000 Männern.

Die Khmer Rouge auf dem Weg zur Macht

Im Jahr 1973 verstärkten die USA ihre Bombardierungen. Die roten Khmer nutzten dies propagandistisch geschickt, um die Bevölkerung gegen Lon Nol aufzuhetzen. Wenn man sich nicht den Khmer Rouge anschließe, würden die USA das gesamte Land zerstören. In jenem Juli 1973 kamen die geheimen Bombardierungen Kambodschas schließlich in den USA an die Öffentlichkeit. Vier Jahre nachdem man sie gestartet hatte. Der US-Kongress war außer sich, so lange von Nixon hintergangen worden zu sein und es wurde eine Anklage gegen ihn gefordert. Die Bombardierungen wurden daraufhin – ebenso wie die Hilfen für Lon Nol – eingestellt.

Mit dem Neujahr 1975 begannen daraufhin die auf 80.000 Soldaten angewachsenen Khmer Rouge ihre Offensive gegen die Hauptstadt Phnom Penh. Die belagerte Stadt wurde mit Raketen und Artillerie beschossen. In der Stadt herrschte Chaos. Über zwei Millionen Flüchtlinge säumten die Straßen, die vor amerikanischen Bomben und Khmer Rouge Angriffen geflüchtet waren. Alle Verbindungen nach außen waren abgeschnitten, Hunger und Krankheiten begannen sich in der belagerten Stadt auszubreiten.

Offiziell durfte das US-Militär aufgrund von Beschränkungen des Kongresses nicht eingreifen. Um dieses Verbot zu umgehen, charterte man zivile Flugzeuge und flog damit unter Flakfeuer der Kommunisten Essen und Munition nach Phnom Penh. Doch konnte dies niemals ausreichen, um die ganze Stadt zu ernähren. Auch der Fluss Mekong war eine Lebensader und brachte lebenswichtigen Nachschub. Nach 2-3 Monaten waren jedoch die Mehrzahl der Boote vom Khmer Rouge versenkt worden und Nachschub kam immer spärlicher.

Der Beschuss der Stadt durch die Kommunisten ging weiter. Und die Versorgungslage drinnen spitzte sich immer stärker zu. Es gibt bestätigte Berichte, wonach Truppen Lon Nols in einem Abschnitt sogar Menschenfleisch von Toten aßen, um zu überleben. Die Verluste schossen in die Höhe und die medizinischen Einrichtungen waren bald überfordert. Lon Nols Armee hatte weniger als 20 Chirurgen und ausländische Ärzte flogen in die Stadt, um die humanitäre Katastrophe zu lindern.

Sturz Lon Nols und Machtübernahme der Khmer Rouge

Am 01. April 1975 forderten die USA General Lon Nol zum Verlassen der Stadt auf. Man hoffte, sich auf diese Weise mit Prinz Sihanouk einigen zu können. Doch Sihanouk war nicht derjenige, der die Entscheidungen fällte. Und die Khmer Rouge hatten kein Verlangen nach Verhandlungen, wo der Sieg doch so nahe war. Sie verstanden das Verhandlungsangebot als Zeichen dafür, dass das Lon Nol Regime kurz vor dem Zusammenbruch stand. Statt darauf einzugehen, publizierten sie Todeslisten mit Namen all jener, die hingerichtet werden würden, sobald sie die Macht hätten. Natürlich bedienten sich die Kommunisten auch hier der Unterschrift des beliebten Norodom Sihanouk.

Die Einschätzung der Kommunisten bezüglich des Zusammenbruchs der Lon Nol Regierung war korrekt und am 12. April begannen die USA damit, ihr Personal mit Hubschraubern zu evakuieren. Weniger als eine Woche später wurde der Flughafen von Khmer Rouge erobert und am Tag darauf marschierten sie in Phnom Penh ein.

Wie so oft nach kommunistischen Umstürzen riefen auch die roten Khmer zuerst zur Versöhnung auf. Angehörige des Lon Nol Regimes wurden zur Zusammenarbeit aufgerufen, um gemeinsam Kambodscha neu zu errichten. Diejenigen, die naiv genug waren sich melden, wurden alle bis auf den letzten Mann massakriert.

Um letzte Widerstände zu zerstreuen, verkündeten die Khmer Rouge, dass die Amerikaner die gesamte Stadt mit einer massiven Bombardierung zerstören wollten. Was eine Lüge war, zumal die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Pläne einer Bombardierung in Kambodscha mehr hatten.

Binnen zwei Tagen wurde Phnom Penh vollständig evakuiiert. Sie wurde zur Geisterstadt. Die Khmer Rouge hatten gewonnen, das Land gehörte nun ihnen und sie waren jetzt bereit, ihren Kommunismus eines ländlichen Utopia umzusetzen. Auch wenn sie am Ende alles Prinz Sihanouk zu verdanken hatten.

Die neuen Machthaber mussten sich nun nur noch des Monarchen entledigen. Dieser verblieb nominell als Staatsoberhaupt, doch die Entscheidungen traf allein Pol Pot.

Die Diktatur der Khmer Rouge entsteht

Emblem des Demokratischen Kampuchea
Emblem des Demokratischen Kampuchea

Als erstes wurde der Name des Landes offiziell in „Demokratisches Kampuchea“ abgeändert. Der Öffentliche Dienst wurde ersatzlos abgeschafft. Ebenso wie die Währung und alle Klassenunterschiede. Pol Pot errichtete nicht, wie die meisten Kommunisten, einen Kult um seine Person. Er blieb eine ungesehene Figur im Schatten, den meisten Kambodschanern nur bekannt als „Bruder Nr. 1“.

Die Städte mussten verlassen werden und die gesamte Bevölkerung wurde zwangsweise auf das Land umgesiedelt, um dort in den Reisfeldern zu arbeiten. Pol Pot wollte eine Nation von gleichen Kleinbauern, ohne irgendeinen Unterschied. Buddhistische Mönche wurden massakriert, so wie alle Menschen mit höherer Bildung. Es sollte keine „intellektuelle Elite“ mehr geben.

Wer spezielle Zuneigung zu seiner Frau oder Kindern oder Eltern zeigte wurde exekutiert – im neuen Kampuchea waren alle Menschen Brüder und Schwestern. Wer eine Brille trug wurde getötet, wer Fremdsprachen kannte wurde getötet, wer die Regierung kritisierte oder irgendwelche Beziehungen mit dem Ausland pflegte, wurde getötet. Kranke oder Behinderte wurden ebenfalls getötet. Alle ausländischen Minderheiten wurden getötet. Viele, viele mehr verhungerten jämmerlich oder starben an den Folgen der harten Landarbeit.

Am 4. April 1976, weniger als ein Jahr nach der Machtübernahme, wurde Prinz Sihanouk offiziell als Staatsoberhaupt entfernt und mit dem Rest der königlichen Familie im Palast unter Hausarrest gestellt. So wie Sihanouk dies erwartet hatte. Sieht man sich die Vorkommnisse im Land an, so muss es als glückliche Fügung gesehen werden, dass er überhaupt am Leben blieb. Einige seiner Kinder und Enkel hatten dieses Glück nicht.

In Phnom Penh richteten die roten Khmer ihr berüchtigtes Foltergefängnis in Toul Sleng ein, dass unter dem Namen „S-21“ bekannt wurde. Hier wurden ganze Horden von Kambodschanern gefoltert, bevor man sie zu den Killing Fields brachte und dort zu Tode prügelte oder lebendig begrub.

Pol Pot hatte gleich in mehrerer Hinsicht den reinsten und unverfälschtesten kommunistischen Staat aller Revolutionen erschaffen. Das Ziel von Pol Pots Agrarsozialismus war Kambodscha in eine sozialistische Variante des alten mystischen Khmerreichs zu transformieren. Mit ihm in der Rolle der alten Hindu Götterkönige. Das Resultat war einer der schlimmsten Genozide der Menschheitsgeschichte mit über zwei Millionen getöteten Kambodschanern – etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Prinz Sihanouk saß derweil in Gefangenschaft in seinem Palast und musste zusehen, wie seine Leute von jenen gemeuchelt wurden, denen er zur Macht verholfen hatte. Ihn wollten sich die kommunistischen Machthaber offenbar als nützlichen Joker bewahren. Nur dies erklärt, warum er nicht auch schon nach S-21 gekommen war.

Die Invasion Vietnams beendet das Massaker

Paradoxerweise waren es andere Kommunisten, die das Massaker beendeten. Die Khmer Rouge waren ein Verbündeter des kommunistischen China. Nachdem die Beziehungen zwischen den beiden kommunistischen Staaten China und Vietnam offen feindselig wurden, fielen die Vietnamesen mit ihrer Armee in Kambodscha ein.

Die Khmer Rouge erinnerten sich plötzlich Sihanouks und sandten den früheren Monarchen zur UN-Versammlung nach New York, wo er gegen die vietnamesische Invasion protestieren sollte. Er kehrte nicht mehr zurück. Doch statt in den USA zu bleiben, wie man ihm nahelegte, kehrte er nach Peking zurück. Er distanzierte sich von Pol Pot und seinen Massakern, erklärte sich jedoch bereit, mit Teilen der Khmer Rouge zusammenzuarbeiten, um die vietnamesischen Invasoren zurückzuschlagen. Währenddessen brachten die Vietnamesen große Teile Kambodschas unter ihre Gewalt und die Khmer Rouge unter Pol Pot flüchteten zurück in ihre Verstecke im Dschungel.

Die Zeit nach den roten Khmer

Im Jahr 1982 wurde Sihanouk Präsident der Koalitionsregierung des Demokratischen Kampucheas unter Einbeziehung von Repräsentanten seiner Funcinpec Partei, der Nationalen Befreiungsfront (später die politische Partei der Buddhisten) und der Khmer Rouge. Diese Gruppe der roten Khmer war, anders als jene unter Pol Pot, zur internationalen Zusammenarbeit bereit und hatte auch keine Einwände gegen UN-Truppen zur Stabilisierung der Lage im Land.

1988: Sihanouk trifft US-Präsident Reagan
1988: Sihanouk trifft US-Präsident Reagan

Als international der Druck auf Vietnam immer stärker zunahm, zog es seine Armee offiziell ab. Man hinterließ das Marionettenregime des ehemaligen Khmer Rouge Hun Sen, das sich fortan „Volksrepublik Kampuchea“ nannte. Schon nach kurzer Zeit wurden Verhandlungen zwischen Hun Sen und Sihanouks Koalition aufgenommen und 1991 ein Abkommen unterzeichnet.

Norodom Sihanouk kehrte im November in sein Land zurück und bereitete nationale Wahlen vor, um die künftige Staatsform des befreiten Kambodschas zu bestimmen. Pol Pot blieb im Dschungel verschollen und spielte politisch keine Rolle mehr, nur gelegentlich hörte man von Überfällen der Roten Khmer in der Dschungelregion.

Die Wahlen brachten den Sieg der königlichen Partei, doch der Kommunist Hun Sen blieb aufgrund des bleibenden vietnamesischen Einflusses die stärkste Macht im Land. Nach dem Wahlsieg der royalistischen Partei Sihanouks wurde die Monarchie offiziell wiederhergestellt und Norodom Sihanouk zum König Kambodschas.

Mit dieser neuen konstitutionellen Monarchie konnte offensichtlich jeder in Kambodscha gut leben. Die meisten Menschen fühlten sich aufgrund der Präsenz von Norodom Sihanouk auf dem Thron wohl und die Kommunisten und ihre vietnamesischen Verbündeten blieben ruhig, so lange Hun Sen die wahre Macht ausüben konnte.

Sihanouk begann mit einem sich verschlechternden Gesundheitszustand zu kämpfen und sein Ruf in der Welt erlitt ernsthaften Schaden. In seinen frühen Tagen war er eine angesehene Persönlichkeit für seinen Einsatz für kambodschanische Unabhängigkeit und friedliche Neutralität des Landes. Doch als seine geheimen Abkommen mit den Khmer Rouge herauskamen, wurde auch er mit ihren Gräueltaten in Verbindung gebracht. Auch wenn er nun das Gesicht eines neuen liberalen Königreichs Kambodscha war.

Sein Land stand jedoch vor unüberwindbaren Problemen. Es gab praktisch kaum Kambodschaner mit höherer Bildung mehr. Sie waren alle von den roten Khmer getötet worden. Es gab keine Lehrer, Wissenschaftler, Juristen, Richter, Mönche oder sogar Mechaniker. Das ganze Land war durch den Bürgerkrieg übersäht mit Landminen, die jährlich viele Opfer (insbesondere Kinder) forderten. Dinge wie das Transportwesen, Kommunikation, Bildung und Gesundheitswesen existierten praktisch nicht. Das Land stand am Nullpunkt.

Der König im neuen Kambodscha

Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands befand sich König Sihanouk oft in China zur medizinischen Behandlung. Doch er blieb eine dominante Figur im nationalen Leben. Selbst einfache Leute, die ihn im Palast besuchen wollten, wurden niemals weggeschickt.

Er betrieb auch eine Webseite, die zeitweise die meistgelesene Webseite in Kambodscha war. Anders als konstitutionelle Monarchen im Westen, hielt er mit seiner Meinung zu verschiedenen Dingen nie zurück. Sein Wort hatte Gewicht. Doch selbst seine größten Anhänger waren geschockt, als er offen dafür plädierte, Homosexuellen die Heirat zu erlauben, obwohl es im buddhistischen Kambodscha nicht gerade viel Bedarf dafür gab

Er stand oft im Konflikt mit der Regierung und ging 2004 für einige Zeit ins Exil nach China, um gegen die unterdrückerischen Maßnahmen des Hun Sen Regime und die Machtkämpfe der Parteien untereinander zu protestieren. Im Oktober 2004 schockierte er seine Landsmänner mit der Ankündigung seiner Abdankung, was kambodschanische Amtsträger unter Zuzwang setzte, schnell einen würdigen Ersatz zu finden.

Eine Woche später wurde sein Sohn Prinz Norodom Sihamoni zum neuen König gewählt, auch wenn sein Vater viel seiner alten Macht als „König-Vater“ beibehielt. Er ist bis heute eine weit respektierte und angesehene Figur in Kambodscha, auch wenn seine Bedeutung von der nachfolgenden Generation schon nicht mehr so stark gesehen wurde.

In der Weltöffentlichkeit blieb er eine kontroverse Figur. Von einigen bewundert, von anderen verachtet. Niemand kann jedoch umhin, sein politisches Talent und seine Überlebensfähigkeit anzuerkennen. Einige schreiben dies seiner Voraussicht zu, andere einem Mangel an Prinzipien.

Was auch immer der Fall ist, er war die dominanteste Figur in der kambodschanischen Politik und Südostasiens seit Ende des 2. Weltkriegs . Er sah sein Land in guten, friedlichen Zeiten ebenso wie in schlechten Zeiten und es wird noch einige Jahre dauern, ehe man abschließend im Nachgang sein Wirken beurteilen kann.

Trauerzug zur Beerdigung Norodom Sihanouks
Trauerzug zur Beerdigung Norodom Sihanouks

Seine initiale Unterstützung der Khmer Rouge wird viele Leute dazu veranlassen, ihn für immer als einen Bösewicht zu sehen. Doch unter seinen eigenen Leuten wird er vermutlich als einer der großen Könige in ihrer langen Geschichte gesehen werden, ob berechtigt oder auch nicht.

Nach langem Kampf gegen seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand verstarb König-Vater Norodom Sihanouk am 14. Oktober 2012 in Peking im Alter von 89 Jahren.