Kaiser Meiji von Japan

Meiji_cl_mdNur wenige Monarchen hatten einen derart großen Einfluss auf die Entwicklung ihres Landes wie der Meiji Kaiser Japans. Wenige erlebten derart große Umwälzungen und noch viel weniger bewältigten sie mit Bravour. Der Meiji Kaiser brachte all dies fertig.

Seine kaiserliche Hohheit Prinz Mutsuhito wurde am 3. November 1852 in der alten Kaiserstadt Kyoto geboren. Er war der einzige überlebende Sohn seiner Majestät Kaiser Komei. Seine Mutter war die kaiserliche Konkubine Nakayama Yoshiko, was er allerdings erst später erfuhr. Damals war es in Japan üblich, Kinder von Konkubinen voll als Kinder des Kaiserpaares anzuerkennen.

Die japanische Isolation geht zu Ende

In frühen Jahren wurde der Prinz von seiner Großmutter umsorgt, ehe man ihn zum Kaiserpalast (Gosho) brachte, um der Tradition entsprechend erzogen zu werden. Nur ein Jahr später tauchten die Schiffe des US-Kommodore Matthew Perry vor der japanischen Küste auf und verlangten die Öffnung der japanischen Häfen für den Handel mit den USA sowie die Etablierung diplomatischer Beziehungen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Japan bereits zwei Jahrhunderte in selbstgewählter Isolation gegenüber der Außenwelt.

Meiji_tenno3Der herrschende Shogun realisierte, dass die bisherige Politik der Abschottung nicht länger haltbar war. Doch er zögerte Vereinbarungen mit den Amerikanern immer weiter heraus. Der Kaiser war gegen jeglichen Handel oder Freundschaft mit ausländischen Mächten. Doch die Amerikaner wiesen darauf hin, dass China kürzlich erst von Großbritannien im Opiumkrieg besiegt wurde und falls Japan sich weiterhin verweigere, dann könne Frankreich, Großbritannien oder Russland das selbe mit Japan tun.

Am kaiserlichen Hof erkannte man die Gefahr, aber war geteilter Meinung wie schnell sich Japan Handel und Kommunikation mit der Welt öffnen sollte. Kaiser Komei blieb standhaft gegen jegliche Öffnung des Landes, brachte sich damit jedoch in eine schwierige Position. Denn damit wandte er sich gegen die Entscheidungen des Shogun, wollte aber auch nicht mit den Feinden des Shogunats gemeinsame Sache machen.

Die Lage spitzte sich zu. Kaiser entschied letztlich alle Ausländer des Landes zu verweisen. (seine Gebete an die Götter, die Ausländer mittels Naturkatastrophen umzubringen, wurden nicht erhört)

Nicht alle Japaner waren über die Entscheidung glücklich und so kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, als Kaiser Komei plötzlich 1867 im Alter von nur 37 Jahren an Pocken verstarb. Damals kannte man in Japan bereits die Pockenimpfung, doch die Ablehnung moderner Medizin am japanischen Hof führte dazu, dass die kaiserliche Familie besonders verwundbar gegenüber Seuchen und Krankheiten war. (Prinz Mutsuhito wurde allerdings als Kind heimlich geimpft)

Mutsuhito besteigt den Thron als Kaiser Meiji

meiji-jungSo bestieg Mutsuhito im Alter von nur 14 Jahren den Thron Japans als Kaiser Meiji und 122. Tenno Japans. Verschiedene Fraktionen bekämpften zu diesem Zeitpunkt den letzten japanischen Shogun Tokugawa Yoshinobu, der enge Beziehungen zu einigen ausländischen Mächten aufgebaut hatte, um das Militär zu modernisieren und damit das Shogunat zu stärken.

Die einzelnen Beweggründe der Fraktionen waren komplex. Der Adlige Iwakura Tomomi spielte hierbei eine zentrale Rolle in der Bekämpfung des Shogunats. Aus der Vogelperspektive betrachtet fochten das Shogunat und der kaiserliche Hof über die Herrschaft Japans.

Manchmal wird der Konflikt verkürzt als Kampf des „traditionellen“ Japans gegen die Kräfte der Moderne angesehen, bei der die Seite der Tradition als ausländerhassender Mob gesehen wird, der alles aus dem Ausland verteufelte. Aber diese Darstellung ist unwahr. Japan war immer sehr an technologischer Innovation interessiert und es war der Shogun, der zunächst einer Öffnung Japans offen gegenüberstand, nicht der kaiserliche Hof. Jede Seite hatte auch ihre ausländischen Unterstützer – das Shogunat die Franzosen, die Kräfte des Kaisers die Briten und US-Amerikaner.

Es kam zu Kampfhandlungen zwischen den Fraktionen, nachdem der Shogun zunächst zusagte, dem Kaiser die alleinige Macht zu überlassen, sich dann aber doch umentschied und die Entscheidung widerrief.

Am Ende des Konflikts stand der kaiserliche Hof als oberste Autorität Japans fest und der Kaiser verkündete am 04. Januar 1868 ein neues Zeitalter, die so genannte Meiji Restauration. Der Gegenspieler des letzten Shoguns, Iwakura Tomomi erklärte, dies sei alles mit Zustimmung des jungen Monarchen geschehen. Allerdings äußerte sich der Kaiser nie öffentlich zu dem Thema.

Die Meiji Restauration beginnt

meiji-portraitGesichert ist jedoch, dass der Meiji Kaiser den Vorsitz in der Regierung führte und in den teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Pro und Anti-Shogunat Fraktionen niemals zu Gunsten des gefallenen Shoguns sprach. Es ist daher zu mutmaßen, dass er die Geschehnisse begrüßte und die internen Querelen Japans als Beleg dafür sah, wie wichtig ein neues System für das Land sei.

Die Ängste jener, die gegen Beziehungen mit dem Ausland argumentierten, mögen übertrieben gewesen sein. Aber sie hatten ihre Berechtigung. Doch Japan musste sich modernisieren, wenn es als unabhängige Nation überleben wollte. Und dies zu sichern, war das Ziel von Kaiser Meiji.

So verkündete der Kaiser die Abschaffung der feudalen Stände-Gesellschaft Japans und passte viele Elemente der Regierung westlichen Vorbildern an. Am Ende stand die erste geschriebene Verfassung Japans. Einmal übernahm er sogar das Kommando über die kaiserlichen Truppen, um die auf Kyoto marschierenden Pro-Shogun Rebellen zu stoppen. Mit seinem Vorgehen macht er eines klar: Japan würde sich der Moderne öffnen, aber es würde dies auf einem „japanischen Weg“ tun, der moderne Methoden annimmt, diese aber mit traditionellen japanischen Werten verknüpft.

Nun begann in Japan eine rasante Entwicklung. Die alten Samurai wandelten sich zu Offizieren in der kaiserlichen Armee. Die Daimyo (Fürsten) wurden zu Gouverneuren in kaiserlichen Diensten und Studenten wurden ins Ausland geschickt, um neue Ideen mit nach Hause zu bringen.

Die CSS Stonewall wurde als Kotetsu in Dienst gestellt.
Die ehemalige konföderierte CSS Stonewall wurde als Kotetsu in Dienst gestellt.

Die Briten waren ein Vorbild für Japan und insbesondere die Royal Navy war das Vorbild, nach dem die neue kaiserliche japanische Marine gebaut wurde. Bald schon erhielt Japan sein erstes modernes Panzerschiff, ursprünglich in Frankreich als CSS Stonewall für die Marine der Konföderierten Staaten von Amerika gebaut, jedoch erst kurz vor Kriegsende 1865 fertig gestellt.

Was die alltäglichen Regierungsgeschäft anging, so hielt sich der Kaiser zurück und überließ dies von ihm ernannten Ministern. Gegenüber den Besuchen ausländischer Würdenträger war er oft widerwillig, doch wenn er sie empfing, dann stets extrem höflich und freundschaftlich und vermittelte jedem den Eindruck, dass gerade ihm eine besondere Behandlung zukomme.

Seine Führung, Hingebung und moralische Autorität stellte sicher, dass Japan während seiner rasanten Modernisierung die dafür nötige Stabilität besaß und seine Wurzeln beibehielt. Es war ein japanischer, kein europäisch-amerikanischer Weg der Modernisierung. War der Kaiser in früheren Jahrhunderten für den durchschnittlichen Japaner weit weg in seinem Palast, so wurde er nun im öffentlichen Leben immer präsenter.

Was die internationale Bühne anging, so erfreute sich der Meiji Kaiser großer Popularität. Er wurde vielfach als gleichgestellter Monarch gesehen und für seine Anstrengungen bewundert. Der Kaiser musste jedoch mehr als einmal feststellen, dass seine Minister ihn nicht immer rechtzeitig über Entwicklungen informierten. Insbesondere am japanischen Engagement in Korea wurde später sichtbar, dass der Kaiser nur unvollständig zum Stand der Dinge unterrichtet worden war. So kam es 1894 zum ersten Sino-Japanischen Krieg.

Der 1. Sino-Japanische Krieg

Auslöser waren eine Reihe von Zwischenfällen zwischen China und Japan bezüglich des Einflusses in Korea. Unvorteilhaft war zudem ein Zwischenfall in Japan, bei dem in Nagasaki vor Anker liegende chinesische Matrosen sich ungebührlich benahmen, was in einer regelrechten Straßenschlacht endete. Das Kaiserreich China lehnte (in Überschätzung seiner militärischen Überlegenheit) eine Entschuldigung dafür ab, was die japanische Seite in Rage versetzte.

MeijiDem Kaiser war es stets ein Anliegen sein Volk zu schützen, wo auch immer sie waren. Der Ausbruch des Krieges verärgerte ihn sehr. Als man ihn um die Erlaubnis bat, Abgesandte zum Grab von Kaiser Komei und zum Ise Schrein zu senden, um den Ausbruch der Feindseligenkeiten zu verkünden, reagierte der Kaiser zunächst mit einem seltenen emotionalen Ausbruch:

„Sie senden niemanden! Ich war von Anfang an gegen diesen Krieg! Ich gab meine Erlaubnis nur, nachdem mich die Minister darüber informierten, dass der Krieg nicht mehr zu verhindern sei. Es schmerzt mich dem Ise Schrein und dem Grab des letzten Kaisers davon zu berichten.“

Später entschied er sich noch um, auch wenn es ihn offenbar sehr verärgerte. Er befürchtete eine Intervention anderer Mächte auf Seiten der Chinesen, verabscheute seine Soldaten sterben zu sehen und hatte selbst einen großen Respekt für die traditionelle chinesische Kultur. Doch als die Würfel gefallen waren, unterstützte er die Bemühungen nach Kräften und verlegte sein Hauptquartier nach Hiroshima, um näher an den Kriegsgeschehnissen zu sein.

Am Ende – und zur Überraschung internationaler Beobachter – erzielte das unterlegen geglaubte Japan einen schnellen und fulminanten Sieg über China, was zur Unabhängigkeit Koreas führte. (das bis dahin ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas war)

Doch auch nach diesem Erfolg blieben die Zeiten unruhig. Spannungen zwischen Japan und Korea sowie zwischen Japan und dem expandierenden Russland nahmen immer weiter zu. Die Intervention von Russland, Frankreich und Deutschland zwang Japan, die Liaotung Halbinsel an China zurückzugeben. (welche danach übrigens von Russland gepachtet wurde)

Dies verstärkte die Befürchtungen des Kaisers bezüglich ausländischer Interventionen. Anhand der Antworten des Kaisers auf Fragen über die Situation in Korea lässt sich zudem ablesen, dass er der idyllischen Schilderung seiner Minister über die japanisch-koreanische Freundschaft nicht ganz glaubte.

Krieg mit Russland im Jahr 1904

Als es schließlich zum Krieg mit Russland im Jahr 1904 kam, offenbarte der Kaiser abermals seine Besorgnis. Allerdings weniger als noch im 1. Sino-Japanischen Krieg. Es war jedermann in der Regierung klar, dass Russland nicht an Lösungen interessiert war, sondern nur auf Zeit spielte. Als der Krieg kam, zeigten der Kaiser (und die Kaiserin) große Edelmütigkeit indem sie dafür sorgten, dass die Disziplin unbedingt einzuhalten und Grausamkeiten zu vermeiden seien. Dieser Tatsache ist zu verdanken, dass russische Kriegsgefangene eine humane Behandlung erfuhren.

Der Kaiser zeigte sich auch gegenüber den Vereinigten Staaten und Großbritannien dankbar für die Unterstützung im Konflikt und die englischsprachige Presse war weltweit voll des Lobes für Kaiser Meiji.

kaiserlicher-hofNachdem ausländische Einmischung ausgeschaltet war, unterzeichneten Japan und Korea etliche bilaterale Verträge, welche die zwei Länder einander näher brachten. Zwischen den beiden Kaisern fand eine rege Korrespondenz statt und der Meiji Kaiser zeigte große Anteilnahme am Schicksal des koreanischen Volkes und seines Kaisers Gojong.

Als der koreanische Kronprinz schließlich zur Bildung nach Japan gesandt wurde, behandelte ihn Kaiser Meiji wie ein eigenes Familienmitglied. Mehr noch, einige tuschelten hinter vorgehaltener Hand, er behandle ihn sogar besser als seinen eigenen Sohn.

Gleichermaßen zeigte der koreanische Kaiser großes Vertrauen in Kaiser Meiji und Bewunderung für Japan. Als Korea im Jahr 1910 schließlich von Japan annektiert wurde, erklärte der Meiji Kaiser öffentlich seine Zufriedenheit damit und das er überzeugt sei, Korea werde davon profitieren. Man hatte ihm nichts vom Ausmaß der koreanischen Opposition gegenüber der japanischen Herrschaft berichtet und der koreanische Kaiser war seinerseits nicht ganz aufrichtig in seinen Briefen. Aber er äußerte die Hoffnung und das Vertrauen, dass unter dem Meiji Kaiser der Frieden in Ostasien nun bestand habe.

Doch die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nahmen zu. In Japan hingegen sah der durchschnittliche Japaner nur Erfolge und Grund zu Optimismus. Seit Beginn der Meiji Ära erlebte Japan einen enormen Aufschwung. Sowohl wirtschaftlich, technologisch als auch militärisch. Die japanische Flagge wehte nun über Korea, Taiwan und die Insel Sakhalin.

Der Meiji Kaiser erlebte den Ausbruch der immer weiter anschwellenden Spannungen in Korea nicht mehr. Von gesundheitlichen Problemen geplagt, verstarb der vom Volk verehrte Monarch am 30. Juli 1912 im Alter von 59 Jahren, überlebt von seiner Ehefrau, drei von fünf Konkubinen und fünf seiner fünfzehn Kinder.

Nach seinem Tod wurde seine Person auf der ganzen Welt gewürdigt, insbesondere natürlich in jenen Ländern mit engen freundschaftlichen Verbindungen mit Japan. Die britische Presse berichtete überschwänglich über den Monarchen und selbst die amerikanische Presse, die selten Lob für einen Monarchen übrig hatte, schloss sich an. Alle waren sich einig, der Meiji Kaiser war einer der größten Monarchen aller Zeiten. Auch die Franzosen und Chinesen, die keine so guten Beziehungen mit Japan führten, verneigten sich vor seinen Errungenschaften. Sogar die russische Presse lobte den japanischen Kaiser, auch wenn sie betonten, an Peter den Großen reiche er dennoch nicht heran.

meiji-kaiserNiemand konnte übersehen, welch großen Fortschritt Japan in einer so kurzen Zeitspanne unter der Führung des Meiji Kaisers erreicht hatte. Zum Zeitpunkt seiner Geburt war Japan ein rückständiger Flickenteppich feudaler Fürstentümern. Als der Kaiser starb, war es das mächtigste Land Ostasiens und stand in einer Reihe mit den Kolonialmächten jener Zeit.

Als Monarch war Kaiser Meiji, als ob per göttlicher Vorsehung, exakt der Kaiser den Japan zu einem kritischen Zeitpunkt seiner Geschichte benötigte. Er war sehr traditionell in seinem Denken und doch Innovation und Wandel aufgeschlossen, sofern es nutzbringend war. Er drückte keine politischen Programme durch, aber nutzte seine moralische Autorität weise, um gewisse Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Er nahm Anteil am Schicksal seiner Leute, war sparsam und verstand es mit Menschen umzugehen. Darüber hinaus war er ein pflichtbewusster Monarch, der ruhelos für sein Land und Frieden und Stabilität in der Region arbeitete.

Gegen Ende seines Lebens bedrückte ihn, dass Japan so modern und wohlhabend geworden war, dass einige Leute leichtsinnig wurden. Die Tagespolitik und die Streitereien der politischen Strömungen waren ihm zuwider, weshalb er dies gern seinen Ministern überließ. Er verstand sich mehr als ein Wächter der nationalen Einheit und Souveränität, statt als Politiker.  Egal von welchem Blickwinkel man es betrachtet, er war ein extrem erfolgreicher Monarch und wird in der langen Liste der japanischen Kaiser stets als einzigartig herausstechen.