Das Königreich Bhutan

bhutan-flagDas Königreich Bhutan ist ein besonderes Land. Das „Land der Donnerdrachen“ ist eine noch recht junge Monarchie. Bhutan ist auch eines der wenigen Länder, die im unseligen 20. Jahrhundert den Weg zur Monarchie fanden, statt sie zu stürzen. Es ist die einzige Monarchie, in welcher der Mahayana Buddhismus offizielle Staatsreligion ist und es ist die letzte unabhängige Monarchie in Zentralasien (nach dem traurigen Ende des Hindu-Königreichs Nepal).

Die meisten Menschen haben von Bhutan nichts oder nur wenig gehört. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Königreich stark isoliert. Wenn, dann wird gern die Geschichte erzählt, wonach man in Bhutan statt eines Bruttosozialprodukts das „Bruttosozialglück“ der Bevölkerung als Kennzahl misst.

In Bhutan war man stets auf den Erhalt der eigenen Tradition bedacht und ignorierte viele Jahre die Welt hinter den eigenen Landesgrenzen. Eine politische Szene existierte praktisch nicht. Die Menschen widmeten sich ihrer Arbeit und ihrem Glauben und die wichtigen politischen Entscheidungen traf ihr verehrter „Drachenkönig“. Mehr als einmal wurde Bhutan als eine verwirklichte Variante des Shangri-La bezeichnet. Jenes legendären Königreichs im Himalaya, in dem es keine Armee, kein Konkurrenzdenken, keine Kriminalität und keine moderne Technik gab, sondern nur ein einfaches und friedliches Leben. Für viele war es wie ein Paradies.

Bhutanische Darstellung des Shabdrung
Bhutanische Darstellung des Shabdrung

Zu seiner heutigen Form vereinte sich Bhutan erst im 17. Jahrhundert. Ähnlich wie im benachbarten Tibet regierte auch in Bhutan eine Reinkarnation des Lamas das Land. Er war der Shabdrung, auch „Dharma Raja“ genannt. Obwohl er die letzte Entscheidung fällte, wurden die alltäglichen Regierungsgeschäfte des Landes von einem Regenten („Druk Desi“ oder „Deb Raja“) geleitet. Die frühen Herrscher Bhutans waren oft tibetanische Lamas, manchmal geflüchtet, manchmal zur Hilfe gerufen.

Gründung des modernen Bhutan

Der Mann, dem heute die Gründung des modernen Bhutan zugeschrieben wird, war Shabdrung Ngawang Namgyel. Er kam im Jahr 1616 als politisch-verfolgter Flüchtling aus Tibet nach Bhutan. Bis zu seinem Tod vereinte er Bhutan bis auf die heute östlichen Provinzen. Er schlug tibetanische Invasionen zurück und bekämpfte erfolgreich die Opposition anderer Fraktionen gegenüber seiner Herrschaft. Geschickt sicherte er sich die Loyalität der Drukpa (Adligen) durch Steuererleichterungen, Titel und Privilegien.

Nachdem ein Großteil Bhutans vereint war, baute er diplomatische Beziehungen zum benachbarten Tibet, Nepal und den indischen Prinzen auf. Er zementierte seine Macht mit dem Bau von Klosterfestungen in allen großen Tälern des Landes. Die meisten stehen auch heute noch und erinnern an jene glorreichen Tage. Das gilt auch für die Verwaltungsstruktur des Landes, die eine sehr lange Zeit kaum verändert wurde.

Bei einer so großen und dominanten historischen Figur war zu erwarten, dass sein Tod ein Vakuum hinterlassen und für Unruhe sorgen würde. Nicht weniger als fünf Männer behaupteten nach seinem Ableben, die wahre Reinkarnation des Shabdrung zu sein. Als einer von ihnen Kontakte zu Tibet aufnahm und um Hilfe bei der Durchsetzung seines Anspruchs bat, kam es zur letzten erfolgreichen Invasion der Tibeter. Wären die tibetischen Lamas nicht eingeschritten und hätten zu Frieden und einem Ende des Kampfes aufgerufen, so wäre Bhutan möglicherweise vollständig erobert und von Tibet annektiert worden.

Emblem Bhutans
Emblem Bhutans

Nachdem drei der vermeintlichen Reinkarnationen verstorben waren, sandten die verbliebenen beiden 1734 Botschafter zum Manchu Kaiser in Peking. Man erhoffte sich von ihm eine Entscheidung, doch dieser war nicht interessiert. Bhutan war mittlerweile gegenüber Tibet tributpflichtig geworden. Tibet wiederum hatte dem Manchu Kaiser in China Tribut zu entrichten. Man könnte sagen, Bhutan verlor nach der tibetischen Invasion seine Souveränität. Doch in der Region war praktisch jedes andere Königreich – von Vietnam über Korea bis hin zur Mongolei – ebenfalls gegenüber dem imperialen China tributpflichtig.

Nachdem der Streit zu Hause beigelegt war, etablierte sich wieder eine funktionsfähige buddhistische Theokratie. Ähnlich wie in Tibet hatte der Shabdrung allerdings nur nominal die Macht inne. In Wahrheit übten der Regent bzw. lokale Adlige die Macht aus. Bhutan begann zu wachsen und zu expandieren. Dies ließ die Briten auf das Land aufmerksam werden, nachdem bhutanische Truppen im nördlichen Indien (Sikkim und Cooch Behar) einfielen.

Die Briten kommen nach Bhutan

Die Briten sandten eine Militärexpedition aus, welche die Bhutaner 1772 vertrieb und einige ihrer Grenzfestungen einnahm. 1774 wurden diese mit Abschluss eines Friedensabkommens zurückgegeben, während Bhutan auf seine Neueroberungen verzichtete. In der Folge kam es jedoch immer wieder zu Grenzscharmützeln mit britischen Truppen.

Während dieses Konflikts hatten Bhutan und Nepal die Hilfe des Panchen Lama von Tibet gesucht. Man fürchtete sich vor der Expansion der Briten im benachbarten Indien. Denn die Briten verstärkten ihre Präsenz in der Region zunehmend und begannen bereits, ein größeres Interesse an Tibet und Bhutan an den Tag zu legen.

Der Regent zu dieser Zeit war Tritrul Jigme Senge. Er war auf Stabilität für sein Land bedacht und wollte weder Rebellionen noch einen Krieg provozieren. Als er 1788 sein Amt aufgab, folgten mehrere Jahrzehnte des Chaos und der Instabilität unter verschiedenen Regenten. Einige versuchten gemeinsam mit dem Shabdrung zu regieren, vermutlich um ihren Machtanspruch durch die starke religiöse Bindung zu zementieren. Wieder andere suchten Hilfe bei ausländischen Lamas. Doch keiner konnte Bhutan seine Stabilität wiedergeben.

Im Jahr 1808 gipfelten die Streitigkeiten schließlich im Konflikt zwischen Lama Tsultrim Drakpa und dem Shabdrung Jigme Drakpa. Ab hier wird die Geschichte dann sehr kompliziert. Insbesondere für Außenstehende ohne profunde Kenntnis des Buddhismus. Mit Yeshe Gyelsten taucht nun plötzlich eine dritte Fraktion auf, die sich als „wörtliche Inkarnation“ des Shabdrung sieht und sich als Gegenherrscher zur „mentalen Inkarnation“ des Shabdrung sieht. Es kommt zum offenen Bürgerkrieg zwischen den Fraktionen.

Am Ende wird eine Übereinkunft gefunden, beide Regenten würden gemeinsam regieren. Doch bis dieser Kompromiss gefunden wurde, war viel Blut vergossen worden. Bhutan kam jedoch nicht wirklich zur Ruhe. Zum Leidwesen des Shabdrung tauchten mit Regelmäßigkeit immer wieder neue Revolten auf, die fast schon so etwas wie eine nationale Tradition wurden. Doch bald sollte sich dies ändern. Eine neue dynamische Kraft war dabei sich zu etablieren und das Chaos Bhutans zu ordnen.

Der schwarze Regent Bhutans

Jigme Namgyel wurde im Jahr 1825 als jüngerer Sohn einer Adelsfamilie geboren. Die Familie genoß den Ruf gute Krieger zu sein und war spirituell tief im Buddhismus verankert. In seiner Jugend arbeitete Jigme Namgyel als einfacher Hirte, erwarb sich jedoch einen guten Ruf für seine physische Stärke, seinen guten Charakter und seinen gesunden Menschenverstand. Er wurde zu einer der großen Streiter in den häufigen Kriegen und Rebellionen Bhutans.

Bhutanische Rabenkrone
Bhutanische Rabenkrone

Ein Lama schenkte ihm einen besonderen Helm: die erste „Rabenkrone“ Bhutans. Sie soll über die Kraft der bhutanischen Schutzgottheit Mahakala verfügen. Seine zahllosen Siege wurden später auch auf den spirituellen Schutz seines Helmes zurückgeführt, der in verschiedenen Ausführungen bis heute von den Königen Bhutans getragen wird und als Symbol des Königs gilt.

Jigme Namgyel befriedete das Land und wurde als „schwarzer Regent“ bekannt. Wobei die Farbe schwarz in Bhutan (ähnlich wie in China) nicht für Trauer oder Bosheit steht, sondern für Macht, Geld und Einfluss. Jigme Namgyel brachte Bhutan die schmerzlich vermisste Stabilität und Ruhe zurück, konsolidierte seine Kontrolle über das Landes und – weit wichtiger – legte das Fundament für seine Nachfolger.

Der „schwarze Regent“ wurde von seinem Sohn Gongsa Ugyen Wangchuck beerbt. Statt der traditionellen Verbindung mit Tibet schwebte ihm eine Annäherung an Großbritannien vor. Viel Prestige beider Seiten brachte ihm seine Vermittlung bei Streitigkeiten zwischen Tibet und Britisch-Indien ein. Zum Dank wurde er zum Knight Commander of the Indian Empire ernannt.

Nachdem es in der bhutanischen Theokratie in den Folgejahren immer wieder zu Streitigkeiten kam, wurde ein Ausweg gesucht. Dieser fand sich im Jahr 1907, als eine Nationalversammlung Ugyen Wangchuck zum ersten König von Bhutan wählte. Er behielt die Bindungen an das britische Empire bei, ohne jedoch die engen und traditionellen Beziehungen mit Tibet zu vernachlässigen.

Innenpolitisch kam es nach anfänglichen Streitigkeiten um die Königswürde bald zu einer neuen Periode des Friedens für das Königreich im Himalaya. Die Macht wurde auf den Monarchen konzentriert, die Verwaltung des Landes extrem vereinfacht. Dies führte zum Ende des fortwährenden Zyklus aus Rebellionen und Machtkämpfen. Die Menschen im Königreich Bhutan sollten ein glückliches, friedvolles Leben führen können. Weitgehend isoliert von der Außenwelt, mit Ausnahme weniger diplomatische Kontakte mit Indien.

Sowohl der 1. Weltkrieg als auch der 2. Weltkrieg gingen an Bhutan vollkommen spurlos vorbei. Erst unter dem dritten Monarch, König Jigme Dorji, sollten sich wieder Veränderungen für Bhutan ergeben, als dieser eine langsame Modernisierung seines Landes beschloss. Er ließ über 1700km an Straßen bauen und viele Schulen und Krankenhäuser eröffnen.

Gegen Ende seiner Regenschaft wurden dann noch weitere Schritte unternommen. Er etablierte eine Nationalversammlung und einen Obersten Gerichtshof für Bhutan. Doch auch wenn der König das Recht einräumte, ihn mit einer 2/3 Mehrheit zu entthronen, so blieb Bhutan doch eine absolute Monarchie. Diese Schritte in Richtung westlicher Demokratie wurden von den meisten Leuten kaum wahrgenommen.

Weit mehr Aufmerksamkeit fand die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit der Außenwelt. Nötig wurde dies durch die zunehmende Aggression des kommunistischen China gegenüber Bhutan. Die Idee eines bewaffneten Konflikts war für die Menschen in Bhutan eine verblasste Erinnerung geworden. Sie hatten ihren verehrten und geliebten König, ihren buddhistischen Glauben und starke Bindungen mit den benachbarten Königreichen Tibet und Indien. Die Menschen waren zufrieden und konnten ihr Leben leben. Kaum jemand in Bhutan konnte sich mehr an andere als diese Zeiten erinnern. Die Dinge waren ideal für Bhutan. Doch plötzlich startete sich die Welt um sie herum stark zu verändern.

Die Welt um Bhutan verändert sich

Zunächst war da der Kollaps des Britischen Empire und damit auch des Britisch-Indischen Empire. Für Bhutan war dies problematisch, denn das Britische Empire hatte stets den Status eines freien Bhutans garantiert.

Nun waren die Briten plötzlich verschwunden. Das indische Empire löste sich auf und an seiner Stelle trat eine Republik. Irritiert davon, aber entschlossen die Dinge so weiterzuführen wie bisher, trat Bhutan an die Republik Indien heran. Bhutan erkannte die indische Unabhängigkeit als einer der ersten Staaten an und vereinbarte mit Indien ein Freundschaftsabkommen ähnlich jenem mit dem Britischen Empire. Die Existenz Bhutans schien erneut gesichert und sehr wenig veränderte sich zunächst für das Königreich.

Es war ein Schock für ganz Bhutan, als die kommunistische Volksarmee in das benachbarte Tibet einfiel, den Dalai Lama vertrieb und das Land annektierte. Im Jahr 1959 übernahmen kommunistische Chinesen auch die Kontrolle über bhutanische Exklaven in Tibet, die bis zum heutigen Tag Streitpunkt zwischen dem Königreich Bhutan und der Volksrepublik China bleiben.

König Jigme Dorij
König Jigme Dorij

Auch im Rahmen des Sino-Indischen Krieges 1962 sah König Jigme Dorij, wie wenig das kommunistische China auf die Souveränität seiner Nachbarn Rücksicht nimmt. Damals waren chinesische Kräfte auf bhutanischen Boden eingedrungen und hatten von dort den Kampf gegen Indien geführt. Mit den Jahren wuchs auch der Zweifel an der Fähigkeit Indiens, im Notfall (d.h. einer Invasion Chinas) effektiven Widerstand zum Schutz Bhutans leisten zu können.

Es waren solche Ereignisse, die den König zu seiner behutsamen Modernisierung Bhutans und eine Annäherung an die internationale Gemeinschaft veranlassten.

Ein weiteres Alarmsignal für Bhutan war die Annektierung des nahegelegenen Königreichs Sikkim durch Indien im Jahr 1975. Getrieben von der Angst, das gleiche Schicksal könne seinem Königreich bevorstehen, bemühte sich das Königshaus um den Aufbau diplomatischer Beziehungen mit dem Ausland. Bereits 1971 trat Bhutan den Vereinten Nationen bei. Der König sah dies als einzige Möglichkeit, dass Überleben seines kleinen Landes zu sichern.

Bhutan passt sich der Welt an

Nachdem Jigme Dorij, der seit jungen Jahren mit einem Herzleiden kämpfte, am 21. Juli 1972 verstarb, bestieg sein Sohn Jigme Singye als 4. König Bhutans den Thron. Er sollte sein Land dramatisch verändern, indem er die moderate Modernisierung seines Vaters stark beschleunigte. So trat man weiteren internationalen Organisationen bei, die Bindung an Indien wurde verstärkt und er startete den Übergang von einer absoluten Monarchie hin zu einer konstitutionellen Monarchie.

Erstmals wurden politische Parteien zugelassen. Viele waren damit unzufrieden. Man befürchtete, dass politische Parteien die Menschen spalten und das bhutanische Lebensmodell der Einheit und Ruhe zerstören würden. Auch führte er 1999 z.B. Fernsehen und Internet in Bhutan ein. All dies führte zu Problemen für Bhutan und einem zunehmenden Verschwinden des traditionellen Lebensstils.

Bild König Jigme Khesar mit Königin Jetsun Pema
König Jigme Khesar mit Königin Jetsun Pema

Seit 2006 regiert sein ältester Sohn Jigme Khesar und setzt den unter seinem Vater begonnenen Weg fort. So führte er ein nationales Kataster für Bhutan ein und erneuterte den Freundschaftsvertrag mit Indien 2007. Am 1. November 2008 feierte man mit einer pompösen Krönungszeremonie offiziell das 100-jährige Bestehen der Monarchie.

Die Monarchie ist in der Bevölkerung weiterhin extrem beliebt. Auch in den umliegenden asiastischen Ländern erfreut sich insbesondere das junge Königspaar großer Beliebheit. Bhutan sucht weiter Anschluss an die geopolitischen Entwicklungen, seit das Land Frieden und Ruhe mit seiner Monarchie fand. Und das Letzte, was die bhutanischen Könige für ihr Land wollten, war das Schicksal Tibets oder Sikkims erdulden zu müssen, während der Rest der Welt debattierend zusieht.

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