März 1896: Die Schlacht von Adwa

batailleadouaDie Schlacht von Adwa (oder auch „Adua“) ist eine der bekanntesten Schlachten auf afrikanischem Boden. Es ist Thema zahlreicher Lieder, Filme und Bücher und eine von drei großen Schlachten, in denen eingeborene Afrikaner Europäer bzw. europäisch angeführte Armeen fulminant besiegten. Zudem war es die Entscheidungsschlacht im 1. Äthiopisch-Italienischen Krieg.

Das seit 1861 vereinte Italien kam – ähnlich wie Deutschland – erst spät zum Wettrennen um außereuropäische Kolonien. Aber in Italien war man darauf bedacht, nun ebenfalls die Weltbühne zu betreten. Äthiopien war ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Stämmen, die teilweise miteinander verfeindet waren und nominal unter der Herrschaft eines „Königs der Könige“, des Kaisers, standen. Doch war der tatsächliche Einfluss des Kaisers zumeist gering.

Die erste afrikanische Besitzung Italiens

Im Jahr 1869 kaufte eine italienische Firma ein Stück Land für einen Kohlebunker in Assab am Roten Meer. Es sollte die erste afrikanische Besitzung Italiens werden – das spätere Eritrea. Es gab damals bereits Gefechte mit den islamischen Aufständischen des Mohammed Ahmed, der von sich behauptete ein „Mahdi“ zu sein, der rechtmäßige Nachfolger des Propheten Mohammed. Auch mit dem äthiopischen Kaiser Yohannes IV. kam es anfänglich zu Scharmützeln, ehe man sich einigte. In der Zwischenzeit baute einer der führenden Adeligen des Landes, Menelik aus Shewa, eine Armee mit modernen Waffen auf. Diese Waffen erhielt er von den Italienern unter dem Versprechen, im Falle eines Konflikts neutral zu verbleiben.

Kaiser Menelik II.
Kaiser Menelik II. von Äthiopien

Entkräftet und dem Tode nahe bestimmte Kaiser Yohannes IV im Jahr 1889 seinen Neffen, Ras Mangasha, zu seinem Nachfolger. Mangasha war einer der fähigsten Krieger des Landes, doch sein Gegenspieler Menelik kontrollierte bereits umfangreiche Ländereien, besaß eine große Armee und verfügte über moderne Waffen. Als Yohannes IV starb, proklamierte sich Menelik II. zum neuen Kaiser. Sofort begann er mit den Italienern über die Anerkennung seiner Machtergreifung zu verhandeln.

Dies führte am 2. Mai 1889 zum Vertrag von Wetschale, mit dem Italien Menelik II. als rechtmäßigen Kaiser Äthiopiens anerkannte. Im Gegenzug erkannte der Kaiser den Territorialanspruch der Italiener auf ihre Kolonien an. Man schwor sich Freundschaft und den Aufbau umfangreicher Handelsbeziehungen.

Was man damals noch nicht wusste – Artikel 17 des Vertrags sollte Jahre später zum Krieg führen, denn er unterschied sich in der italienischen und der amharischen (äthiopischen) Version. Laut der italienischen Version hatte Menelik II. eingewilligt, Äthiopien in ein italienisches Protektorat zu verwandeln. In der äthiopischen Version hatte der Kaiser sich lediglich die Option italienischen Beistands gesichert, aber daraus erwuchsen ihm keinerlei Verpflichtungen.

Kriegserklärung an Italien

Als Kaiser Menelik II. sich schließlich an andere europäische Regierungen wandte, rief dies die Italiener auf den Plan. Der Kaiser verbat sich die italienische Einmischung und sandte eine Protestnote an König Umberto I.. Als der italienische König nur ausweichend antwortete, widerrief Menelik II. den Vertrag von Wetschale und erklärte dem Königreich Italien am 27. Februar 1893 den Krieg.

Ras Mangasha
Ras Mangasha

Nachdem die islamischen Aufstände des neuen Mahdi niedergeschlagen waren, konzentrierte sich Menelik II. auf die wichtige Provinz Tigre im Norden des Landes. Menelik hoffte den Provinzfürsten als Verbündeten zu gewinnen. Doch dabei handelte es sich um niemand geringeren als Ras Mangasha – dem Neffen von Yohannes IV., dem er damals den Thron verwehrte. Er versprach ihm die Provinz Tigre, wenn es ihm gelänge, sie den Italiern zu entreißen.

Ras Mangasha willigte ein und stellte eine Armee auf. Zunächst unter dem Vorwand, damit den Mahdi bekämpfen zu wollen. Doch als die Armee versammelt war, startete er einen Überraschungsangriff auf die Italiener. Mangasha wurde zurückgeschlagen, aber es zwang die Italiener dazu, ihr Engagement auszuweiten.

Italien entsendet Oreste Baratiere

In Italien sandte man Generalmajor Oreste Baratiere mit seiner Kolonialarmee aus. Die Kolonialarmee bestand zu weiten Teilen aus eingeborenen Afrikanern unter italienischem Kommando. Baratiere gewann zunächst einige kleinere Scharmützel, was zu einem übermäßigen Selbstvertrauen auf Seiten der Italiener führte.

Generale Baratieri
Generale Baratieri

Menelik II. sammelte zwischenzeitlich seine Armee, sah sich durch Nachschubprobleme aber zum schnellen Handeln gezwungen. Gleiches galt für General Baratieri, der aus Rom die Anweisung erhielt, einen schnellen und entscheidenden Sieg herbeizuführen.

Unter diesen Voraussetzungen trafen die beiden Armeen nahe der Stadt Adwa aufeinander. Italienische Verstärkung war auf dem Weg nach Afrika, aber würde nicht rechtzeitig eintreffen. General Baratieri hatte keinerlei Vorstellung davon, wie groß die Armee der Gegenseite sein würde. Er erwartete maximal 60.000 Männer – zu dem Zeitpunkt hatte Menelik II. jedoch bereits über 100.000 Männer unter Waffen. Dem gegenüber standen etwa 15.000 Kolonialtruppen Italiens. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen, doch man kann von einer Überlegenheit in der Größenordnung von 8 : 1 für Äthiopien ausgehen.

Aufgrund der anfänglichen Erfolge über äthiopische Truppen begann das italienische Oberkommando die Äthiopier zu unterschätzen. Auf der Gegenseite warf Menelik II. alles in die Schlacht, was er hatte. Entgegen mancher Darstellung waren einige seiner Truppen übrigens sehr wohl mit Gewehren und leichter Artillerie ausgestattet.

Menelik II.
Kaiser Menelik II.

Menelik II. nutzte auch seine Popularität im Volk. Die Italiener hatten die Angewohnheit, Einheimische gegen Bezahlung als Späher anzuwerben.Diese einheimischen Späher wurden aber nicht selten von Menelik II. eingeschleust und bezahlt. Sie gaben den Italienern falsche Informationen weiter und berichteten vor der Schlacht von lose zerstreuten äthiopischen Armeen, die keine Gefahr darstellen würden.

Die Italiener hatten auch Menelik II. selbst unterschätzt. Sie hatten gehofft, die Lokalfürsten zu einer Rebellion gegen ihn anstacheln zu können. Oder sich zumindest deren Neutralität zu sichern – so wie damals bei Menelik II. selbst. Doch diesmal klappte es nicht. Niemand wollte sich anschließen. Menelik II. kannte diese Vorgehensweise der Italiener und hatte sich früh die Unterstützung des Adels zu sichern gewusst.

Die Schlacht von Adwa beginnt

Generale Albertone
Generale Matteo Albertone

Unter diesen Vorzeichen kam es zur Schlacht. Die mit dem Terrain unbekannten Italiener, von ihren einheimischen Spähern mit Falschinformationen versorgt, stolperten bei einem Nachtmarsch durch hügeliges Gelände. Die Organisation des Verbands löste sich dabei auf, Einheiten vermischten sich und ein Mißverständnis bezüglich des Namens eines Hügels führte dazu, dass General Matteo Albertone mit seiner Armee zu weit nach vorne stieß und sich vom Rest entfernte. Es entstand eine Kettenreaktion: der nachfolgenden Brigade hatte man befohlen, neben Albertone zu bleiben – diese bemühte sich darum und fand sich schließlich ebenfalls von der Hauptarmee getrennt in Feindesland wieder.

Es hätte keinen besseren Moment für den äthiopischen Angriff geben können. Menelik II. erkannte die Gelegenheit und ließ am Morgen des 1. März 1896 zum Angriff antreten, um die verstreut kämpfenden Italiener zu vernichten.

Was die kämpfenden Truppen der Schlacht angeht, so war dies eine fast ausschließlich afrikanische Schlacht. Denn die Italiener waren in ihrer Armee eine Minderheit. Die afrikanischen Eingeborenen auf Seiten der Italiener kämpften diszipliniert gegen die wieder und wieder anstürmenden Äthiopier, waren letztlich aber chancenlos. Als sich der Tag dem Ende neigte, brach der italienische Widerstand zusammen. General Albertone war in der Schlacht gefallen, die kläglichen Reste seiner Brigade suchten ihr Heil in der Flucht.

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Von den vier italienischen Brigaden war eine vollständig vernichtet worden – eine weitere Brigade stand kurz davor. General Baratieri realisierte, dass keine seine Nachrichten an die Kommandeure durchgekommen war oder aber mangelndes Wissen über das Terrain die Ausführung von Taktiken verhinderte. Er versuchte eine starke Verteidigungslinie im Zentrum der Schlacht zu bilden, doch dafür war es bereits zu spät. Flüchtende Kolonialtruppen überrannten die eigenen Linien, dicht gefolgt von äthiopischen Kriegern an ihren Fersen.

Auch wenn vereinzelt heroischer Widerstand geleistet wurde, so begann sich die gesamte italienische Armee aufzulösen. General Vittorio Daborminda, Kommandeur jener Brigade, die General Albertone helfen sollte, lief in eine Falle. Die Brigade wurde von starken äthiopischen Kräften, darunter der Oromo Kavallerie unter Ras Mikael, überrannt. Die gesamte Brigade wurde vernichtet – und auch ihr Kommandeur Daborminda lag unter den Toten.

Aussichtslose Lage der Italiener

Seine immer aussichtslosere Lage erkennend, befahl General Baratieri den Rückzug, wobei einige Einheiten diesen absichern sollten. Das erwies sich aufgrund der nicht nachlassenden äthiopischen Angriffe jedoch als unmöglich. Wenig später befand sich die gesamte Kolonialarmee – oder was davon noch übrig war – auf der Flucht.

Triumphaler Sieger - Kaiser Menelik II.
Triumphaler Sieger – Kaiser Menelik II.

Kaiser Menelik II. rief die Bevölkerung zum aktiven Kampf gegen ihre Feinde auf und so fanden selbst unter jenen geflohenen  Kolonialtruppen noch viele nach der Schlacht den Tod. Sei es, weil sie aus Erschöpfung zusammenbrachen oder aber während des ungeordneten Rückzugs verloren gingen. Alles in allem hatte die italienische Seite 6.133 Tote zu beklagen, sowie 1.428 Verwundete. Alle 56 Kanonen der Italiener waren von den Äthiopiern erbeutet worden.

Auf äthiopischer Seite waren etwa 7.000 Männer und 10.000 Verwundete zu verzeichnen. Mehr als die Italiener und doch nur ein Bruchteil der ursprünglichen Stärke – während die italienische Kolonialarmee um die Hälfte dezimiert wurde. Die gefangenen Kolonialtruppen Italiens hatten keine Gnade zu erwarten – die Äthiopier sahen die anderen Afrikaner als Verräter. Vielen schnitt man eine Hand und einen Fuß ab, um sie hilflos einem langsamen Tod durch Verhungern zu überlassen.

Nachwirkungen der Schlacht

Das Resultat der Schlacht war dramatisch. In Rom führte es zum sofortigen Fall der Regierung Francesco Crispi. General Baratieri warf man fälschlicherweise vor, seine Männer unehrenhaft im Stich gelassen zu haben. Ein Kriegsgericht sprach ihn später frei, doch seine Reputation hatte ernsten Schaden genommen. Für über ein Jahrzehnt kamen alle kolonialen Expansionspläne Italiens zum Erliegen. Die äthiopische Unabhängigkeit wurde anerkannt. Kaiser Menelik II. war klug genug, dies zu seiner einzigen Friedensbedingung zu machen. Während andere noch mehr Blutvergießen wollten, begriff er, dass eine Ausweitung des Kriegs nur zur Zerstörung seines Landes führen würde. Er hatte bekommen, was er wollte – und sich einen Platz in der afrikanischen Geschichte gesichert.

Äthiopien erwarb sich durch die gewonnene Schlacht Anerkennung auf der ganzen Welt. Menelik II. sollte zeitlebens einen fast mystischen Status anhaften. Doch der Sieg sollte nicht nur positives für Äthiopien bringen – die Italiener hatten ihre Lektion gelernt und würden die Äthiopier nicht noch einmal unterschätzen. Die Äthiopier andererseits erinnerten sich an ihren fulminanten Sieg bei Adwa und würden die Italiener künftig unterschätzen – mit desaströsen Folgen.

Bis heute dauert die Bedeutung der Schlacht von Adwa an und ist ein Symbol geworden. Seit dem Sieg der Zulu bei Isandlwana im Jahr 1879 war keine europäische Armee auf dem schwarzen Kontinent mehr so vernichtend geschlagen worden. Auch wenn Italien mit dem Sieg im Abessinienkrieg 1935-1936 die Statistik wieder ausglich, so haben Äthiopier und viele Afrikaner den Sieg bis heute nicht vergessen. Vielen diente die Schlacht nach dem 2. Weltkrieg als Inspiration, die europäischen Kolonialmächte abzuschütteln und die Unabhängigkeit zu erlangen.

Kaiser Haile Selassie von Äthiopien

000selassie1Der letzte Kaiser Äthiopiens wurde am 23. Juli 1892 als Lij („Lij“ = Prinz) Tafari Makonnen in Ejersa Goro geboren. Seine Eltern waren Ras Makonnen Woldemikael Gudessa und Weyziro Yeshimebet Ali Abajifar. Sein Vater war der Gouverneur der Harar Provinz Äthiopiens und durch seine Großmutter mit der königlichen Familie verwandt. Darauf sollte sich später sein Anspruch auf den Thron stützen.

Zur Zeit der Geburt Lij Tafari war Äthiopien ein dezentral organisierter Staat, in dem lokale Fürsten beinahe uneingeschränkte Macht in ihren Ländereien besaßen. Dem damaligen Kaiser Menelik II. kam die Rolle eines „König der Könige“ zu, seine faktische Macht war jedoch begrenzt. Niemand dachte bei der Geburt daran, dass Lij Tafari einmal den Thron des Landes besteigen würde. Doch sein Vater, Ras Makonnen, war ein einflussreicher Mann und eine wichtige Figur im 1. Italienisch-Äthiopischen Krieg. Auch dank ihm konnte ein vernichtender Sieg über die italienische Kolonialarmee bei Adowa errungen werden.

Im Jahr 1906 verstarb sein Vater und Tafari erbte den Titel „Ras“ (einer der höchsten Titel Äthiopiens), wodurch er künftig Ras Tafari genannt wurde. Er wurde zum Gouverneur der (kleinen) Provinz Selale ernannt. 1910 versetzte man ihn schließlich in das weit prestigeträchigere Harar, nachdem sich der vorherige Gouverneur als inkompetent erwiesen hatte.

Konflikt mit Iyasu V.

000selassie2Ein Jahr darauf heiratete Ras Tafari schließlich Menen Asfaw von Ambassel, die Nichte des Thronerben Lij Iyasu, des späteren Kaisers Iyasu V. Unter dessen Regierungszeit während des 1. Weltkriegs kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit lokalen Fürsten. Ein Grund war die angebliche Abstammung Lij Iyasus vom Propheten Mohammed, was letztlich dazu führte, dass dieser zum Islam konvertierte. Noch dazu verbündete er sich mit Muhammad Ibn ‘Abd Allah Assan (aka “Mad Mullah”), der in Somalia einen Guerrillakrieg gegen Briten und Italiener führte. Auf der Suche nach Unterstützung wandte er sich zudem an das Osmanische Reich. Ein Skandal für das orientalisch-orthodox geprägte Äthiopien! Die äthiopische Kirche reagierte mit einer Exkommunikation Iyasus – womit auch dessen Anspruch auf den äthiopischen Thron verwirkt war. Nicht wenige mutmaßten damals sogar, der Kaiser habe den Verstand verloren.

Wahrscheinlicher ist, dass Iyasu V. auf diese Weise versuchte, den starken Lokalfürsten Herr zu werden und eine Vereinigung mit Somalia und den Galla-Stämmen im Osten Äthiopiens herbeizuführen. Mit dieser Macht und der Unterstützung des Osmanischen Reiches im Rücken wäre es möglich gewesen, Engländer und Italiener aus Ostafrika und dem südlichen Arabien zu vertreiben.

Aber dies sind nur Mutmaßungen. Was auch immer Iyasu V. Motive gewesen sein mögen – es war die Gelegenheit für Ras Tafari. Er wurde zum Anführer einer Fürstenkoalition und setzte Iyasu V. im September 1916 ab. Allerdings war die Machtübernahme schlecht vorbereitet, der entthronte Kaiser entkam und ein Bürgerkrieg brach in Äthiopien los.

Ein Schlüsselereignis war dabei die Massakrierung eines Großteils der muslimischen Bevölkerung in Ras Tafaris Heimatprovinz Harar. Den Muslimen, darunter viele Somali, wurde Unterstützung des enthronten Iyasu V. vorgeworfen. Der durch die Massakrierung erzeugte Hass und die Ablehnung würde Ras Tafari später noch zu schaffen machen.

Sieg der christlichen Koalition

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Kaiser Haile Selassie I. bei einer offiziellen Aufnahme

Doch zunächst waren die christlichen Fürsten siegreich. Ras Tafari war mit 25 Jahren zu jung, um den Thron selbst zu besteigen. Statt ihm wurde die Tochter von Kaiser Menelik II., Zauditu, zur Kaiserin gekrönt. Ras Tafari wurde Regent und Thronerbe und zeichnete sich durch Willenskraft und vorausschauendes Denken aus – auch wenn sein Einfluss in Äthiopien noch schwach war. Er verfügte weder über ein großes Vermögen, noch über eine große Armee. Doch er setzte alles daran, dies zu ändern.

Rebellionen und Konsolidierung der Macht

So reiste Ras Tafari nach Ende des 1. Weltkriegs durch Europa und den Mittleren Osten. Sein Ziel waren neue Abkommen, die sein Land weiterentwickeln und modernisieren sollten. Interessanterweise fand er anfangs gerade in Italien Unterstützung, das Äthopiens Aufnahme in den Völkerbund 1923 maßgeblich unterstützte, nachdem Ras Tafari die Abschaffung der Sklaverei in Äthiopien zusagte. Dies hatten vor ihm allerdings praktisch schon alle Kaiser seit dem 19. Jahrhundert zugesagt – und immer ohne Wirkung, denn die wahre Macht verblieb in den Händen der Lokalfürsten, die kein Interesse am Ende der Sklaverei hatten.

Ras Tafari wollte dies jedoch ändern – auch indem er die Macht zunehmend zentralisierte. Doch seine Position war noch nicht stark genug und so brach in der nördlichen Provinz Tigre eine Rebellion gegen sein Programm zur Modernisierung und Zentralisierung aus. Die Rebellen wurden von Kaiserin Zauditu unterstützt, was letztlich zu einer mehrjährigen Kraftprobe zwischen der Kaiserin und Ras Tafari führte. Am Ende gewann Ras Tafari, auch weil er besser organisiert war und seine Truppen über bessere Bewaffnung verfügten. Auch ein Nebeneffekt seiner Europa-Reise. Daraufhin krönte ihn Kaiserin Zauditu gezwungenermaßen zum König, was seinen Anspruch auf die Thronnachfolge zementierte. Dies führte auch zu der Situation, dass Äthiopien temporär über zwei gekrönte Häupter verfügte – nominal unterstand der König seiner Kaiserin, doch in der Realität hatte der König die Macht inne.

000selassie4Im Jahr 1930 folgte eine weitere Rebellion gegen Ras Tafari, wiederum von Lokalfürsten und der Kaiserin unterstützt, die jedoch zerschlagen wurde. Kurz darauf verstarb die Kaiserin, woraufhin Ras Tafari am 2. November 1930 zu Kaiser Haile Selassie I. („Heilige Dreifaltigkeit“) „von Gottesgnaden, Löwe des Stammes Judah und König der Könige von Äthiopien“ gekrönt wurde. Zu den ausgiebigen Feierlichkeiten kamen damals Würdenträger aus der ganzen Welt und Äthiopien wurde auf der großen Weltbühne wahrgenommen.

Modernisierung Äthiopiens als Kaiser

Haile Selassie ruhte sich jedoch nicht aus. Ein Jahr nach seiner Krönung erhielt Äthiopien die erste geschriebene Verfassung seiner Geschichte. Sie enthielt viele demokratische Bestandteile, beließ die Macht jedoch in den Händen des Kaisers. Er verschärfte die Nachfolgeregelungen für seine Nachkommen, um durch eine verringerte Liste an potenziellen Thronerben dem Land Stabilität zu geben. 1932 fiel das Königreich Jimma an Äthiopien. Äthiopien entwickelte sich zu dieser Zeit rasant. Militärexperten aus der ganzen Welt wurden nach Äthiopien eingeladen, um die äthiopische Armee zu trainieren. Den Anfang machte die Kaiserliche Garde. Ein Land jedoch wurde gezielt auf Distanz gehalten – Italien.

Zu Spannungen mit den Italiern kam es schließlich nach einem Gefecht an einer kleinen Oase namens Walwal im Jahr 1934. Im darauf folgenden Jahr befahl Mussolini die Invasion Äthiopiens. Kaiser Haile Selassie verfügte die Mobilmachung aller wehrtauglichen Männer, um ihr Land zu verteidigen.

Die italienischen Truppen waren anfänglich erfolgreich, kamen jedoch langsam voran. Der Kaiser hoffte, dass er trotz schlechterer Bewaffnung seiner Truppen durch die schiere Überzahl einen Sieg erzwingen könne. Doch seine große „Weihnachtsoffensive“ warf die Italiener nur zurück, zerstörte sie jedoch nicht. Die Italiener konnten sich neu sammeln. Faschistische Idealisten wurden durch Veteranen der königlich-italienischen Armee ersetzt und die Italiener starteten eine erfolgreiche Gegenoffensive.

Eingeborene Kämpfer in den Reihen der Italiener, insbesondere muslimische Somali, waren auf Rache aus und kämpften mit großer Verbissenheit. Christliche Eingeborene in den italienischen Kolonialtruppen desertierten andererseits und schlossen sich Äthiopien an. Dennoch war dies kein religiöser Konflikt. Einer der erfolgreichsten äthiopischen Kommandeure war beispielsweise der ehemalige osmanische General Vehib Pascha, der für Mustafa Kemal Atatürks Türkei keine Sympathie hegte. Seine starke Defensivlinie wurde auch in Äthiopien als „Hindenburg-Linie“ bekannt.

Am Ende sollten sich die überlegenen Waffen, Taktiken und Disziplin der Italiener als entscheidend erweisen. Nach sieben Monaten waren die äthiopischen Armeen größtenteils vernichtet und das Land unter italienische Kontrolle gebracht.

Haile Selassie im Exil

000selassie6Kaiser Haile Selassie setzte sich in das benachbarte Djibouti (damals französische Kolonie) ab und wurde von den Briten nach Jerusalem transportiert. Nach einem Besuch der Heiligen Stätten reiste Haile Selassie nach Europa, wo er in Genf seinen berühmten Auftritt vor dem Völkerbund hatte. Er sprach in seiner Muttersprache, tadelte den Völkerbund für sein Unvermögen die italienische Invasion zu stoppen und rief dazu auf, die unterentwickelten Nationen der Welt zu schützen. Er argumentierte, dass internationale Verträge wertlos seien, wenn auf klaren Vertragsbruch keine internationale Reaktion erfolge.

Auch wenn er zu dem Zeitpunkt bereits ein besiegter und enthronter Monarch war, so erlangte Haile Selassie durch diese Rede weltweit Aufmerksamkeit. Er wurde zum Symbol des Widerstands gegen den Faschismus. Seine Rede und sein Schicksal wird bis zum heutigen Tag gern als Beispiel für die Wichtigkeit von internationalen Interventionen angeführt.

Der Kaiser selbst richtete es sich derweil in seinem Exil in England ein. Auch wenn er es immer nur als einen zeitweisen Aufenthalt sah. Und er sollte Recht behalten. Nachdem der Völkerbund seine Appelle weiterhin ignorierte, sah er mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs seine Chance gekommen. Die italienischen Besitzungen in Ostafrika wurden von den Alliierten angegriffen und Kaiser Haile Selassie appellierte an die äthiopische Bevölkerung, aufzustehen und aktiven Widerstand zu leisten.

Rückkehr nach Äthiopien

Britische Truppen, Truppen des freien Frankreich sowie Einheiten aus Belgisch-Kongo besiegten gemeinsam mit äthiopischen Freiwilligen die vom Nachschub abgeschnittenen italienischen Truppen. Am 5. Mai 1941 kehrte Kaiser Haile Selassie I. triumphal in seinen Palast in Addis Ababa zurück, nachdem er zuvor 5 Jahre im Exil verbracht hatte.

Dies sollte den Höhepunkt der Regenschaft Haile Selassies markieren. Niemals zuvor war er von den eigenen Leuten so verehrt und international so respektiert worden. Im darauf folgenden Jahr befahl er die Abschaffung der Sklaverei. Nach Ende des 2. Weltkriegs erhielt Äthiopien schließlich die an der Grenze zu Somalia liegende Ogaden Region sowie Eritrea als autonomes Protektorat.

Doch einige Lokalfürsten blockierten seine Bemühungen um Modernisierungen . So wurde ein einheitlicher Steuersatz statt des vom Kaiser bevorzugten progressiven Modells eingeführt. Dennoch gab es Fortschritte. Durch seine Initiative erlangte die äthiopisch-orthodoxe Kirche die Autokephalie (Selbständigkeit) vom Patriarchen Alexandriens. Für Geistliche galten – erstmals in der äthiopischen Geschichte – nun auch säkulare Gesetze und Kirchenbesitz wurde genauso besteuert wie alle anderen Besitztümer auch. Der Kaiser glaubte weiterhin an die Idee der internationalen Kooperation (auch wenn er Grund gehabt hätte, daran zu zweifeln) und sandte ein Battalion Äthiopier zur Unterstützung in den Koreakrieg.

Im Jahr 1955, als Teil der Feierlichkeiten seines silbernen Thronjubiläums, wurden Verfassungsänderungen durchgeführt, welche die demokratische Mitbestimmung erhöhten, während er „die unumstrittene Macht des Monarchen“ aufrecht erhielt.

Sozialistische Infiltration und Subversion beginnt

Die Vereinten Nationen zahlten Äthiopien Entwicklungshilfe, mit deren Hilfe neue Schulen errichtet und die Infrastruktur des Landes ausgebaut wurde. Zu dieser Zeit war Kaiser Haile Selassie zum Sinnbild für afrikanische Einheit und die anti-koloniale Bewegung Afrikas geworden. Viele dieser anti-kolonialen Gruppierungen in Afrika waren jedoch kommunistisch inspiriert. Mit der Modernisierung Äthiopiens kamen dann auch diese revolutionären Ideen ins Land. Wie in vielen Teilen der Welt verbreitete sich auch damals in Äthiopien unter Studenten und Lehrern sozialistisches Ideengut. Dies führte 1960 zu einem Putschversuch der Imperialen Garde, der allerdings keine Unterstützung seitens der Bevölkerung fand und leicht zerschlagen wurde. Um sich das Wohlwollen des Militärs und der Polizei zu sichern, wurde eine Landreform umgesetzt, die jenen Gruppen Besitztümer zusprach.

Die antikoloniale Bewegung wandte sich aber auch gegen Äthiopien selbst. 1961 begann der für Jahrzehnte währende Konflikt um Eritrea. Der Kaiser reagierte auf den Gewaltausbruch mit der Auflösung der eritreischen Regierung und der formellen Annektion Äthiopiens im Jahr 1962.

Nichts davon dämpfte jedoch seinen Wunsch nach afrikanischer Einheit und 1963 gründete die Organisation für afrikanische Einheit, aus der später die Afrikanische Union hervorgehen sollte. Er war der Erste, der die Idee eines „United States of Africa“ formulierte. Als Haupt eines der ältesten afrikanischen Staaten, welcher die europäische Vorherrschaft abgeschüttelt hatte, gab es sicherlich keinen qualifizierteren Mann für dieses Amt.

Auch auf der internationalen Weltbühne blieb der Kaiser eine prominente Figur. Vielbeachtet sein Auftritt bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1963, als er an seinen früheren Appell an den Völkerbund erinnerte und von der UN als „die vielleicht letzte Hoffnung für das friedliche Überleben der Menschheit“ sprach.

Von der ganzen Welt bewundert, hatte der Kaiser zu Hause mit Ärger zu kämpfen. 1966 setzte er doch das progressive Steuersystem durch, dass er so lange schon umzusetzen gedachte. Als Reaktion darauf brach in der Provinz Gojjam eine Rebellion aus. Auch der Sozialismus spie sein Gift und förderte Unruhe und Illoyalität allem gegenüber, worauf Äthiopien basierte – primär der Monarchie und der äthiopisch-orthodoxen Kirche.

000selassie5Die kommunistische Infiltration und Subversion nahm in den Folgejahren stetig zu. Gezielt wurde versucht, Unruhe zu schüren. Zahlreiche Vorhaben mussten zurückstehen, ehe nicht die linksradikalen Gruppierungen zerschlagen waren. Für diese Opposition gegenüber linkem Gedankengut erhielt der Kaiser zu Zeiten des Kalten Krieges die uneinschränkte Zustimmung der westlichen Welt. Bei seinem Volk begann mit jeder Verschärfung der Repressionen gegenüber linken Agitatoren jedoch seine Beliebtheit zu schwinden. Sie sank weiter ab, als es  im Norden des Landes durch Mißernten zu einer Hungersnot mit zehntausenden Toten kam. Ausländische Hilfe traf ein, doch korrupte lokale Amtsträger verhinderten oftmals die Auslieferung an die Hilfsbedürftigen. Die Sowjetunion nutzte dies schamlos aus und begann massiv Propaganda gegen den Kaiser zu verbreiten – mit dem Ziel, in Äthiopien ein sozialistisches Marionettenregime zu installieren.

Die Ölkrise des Jahres 1973 traf auch Äthiopien hart und die Kommunisten verstanden es, den Kaiser für jedes Unglück persönlich verantwortlich zu machen. Im Februar 1974 brach schließlich eine Revolution aus, bei der sich ein Großteil der Armee gegen den Monarchen erhob. Keine Konzessionsversprechen des Kaisers konnte den revolutionären Eifer bremsen und am 12. September 1974 wurde Kaiser Haile Selassie I. entthront und von Rebellenmilizen gefangen genommen. Der gestürzte Monarch starb im Jahr darauf am 27. August 1975. Angeblich durch Komplikationen in Folge einer Operation, auch wenn die meisten den Tod eher als Folge von Folter sahen.

Äthiopien nach der Monarchie

Wer der sozialistischen Propaganda von blühenden Landschaften nach Absetzung des Kaisers glaubte, musste am eigenen Leib erfahren, wie sehr man sie hintergangen hatte. Eine brutale sozialistische Diktatur wurde errichtet, die für Äthiopien Jahrzehnte Armut, Hunger und Unterdrückung bedeuteten.

Das sozialistische Regime wurde nach Jahrzehnten gestürzt, doch am Status Quo änderte sich wenig. Die selbe sozialdemokratische Koalitionspartei beherrscht das Land seit damals. Ein kostspieliger Krieg mit Eritrea führte zur weiteren Schwächung des Landes und internationale Beobachter kritisierten die allgemeinen Wahlen als offensichtlich gefälscht. Kritik an der Regierung wird mit Gefängnis und Folter bestraft.

Wenige Länder haben durch den Verlust der Monarchie derart viel verloren wie Äthiopien.