König Zahir Shah von Afghanistan

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Der letzte König Afghanistans wurde als Mohammed Zahir Shah am 15. Oktober 1914 in Kabul geboren. Er gehörte dem Haus der Barakzai an, die in Afghanistan seit dem Fall des Durrani Reichs 1826 die Macht ausübten. Seinerzeit folgte dem Fall der Durrani eine Periode des Chaos im Land, bei der Afghanistan in rivalisierende Stämme zerfiel. Eine Situation, die uns heute sehr bekannt vorkommt.

Aus diesem Chaos erwuchs Dost Mohammad Khan als Emir von Afghanistan. Zwar verlor er im 1. Anglo-Afghanischen Krieg mit den Briten den Thron kurzzeitig, kehre danach jedoch zurück und seine Familie würde bis zum Ende der Monarchie 1973 über das Land herrschen.

König Nadir Shah
König Nadir Shah

Das Emirat Afghanistan wandelte sich schließlich unter seinem Nachfolger Amanullah Khan in ein Königreich. Er verminderte den britischen Einfluss in Afghanistan und startete eine radikale Reformierung des Landes, was in der Folge jedoch zu fortwährenden Konflikten führte.

1929 bestieg schließlich Mohammed Nadir Shah als vorletzter König den Thron. Er hatte zwar die Unterstützung der Briten, aber rang mit radikalen Stammesführern, Druck seitens der Sowjetunion und wiederkehrenden Revolten. 1933 fiel er einem Mordkomplott zum Opfer. Afghanistan bekam mit seinem erst 19-jährigen Sohn Mohammed Zahir Shah einen neuen König.

1933: König Zahir Shah besteigt den Thron

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König Zahir Shah

Mohammed Zahir Shah war ein gebildeter und vorausdenkener Mensch. Unter seiner Regentschaft sollte Afghanistan zur Ruhe kommen und internationale Anerkennung erwerben. Afghanistan trat zunächst dem Völkerbund bei, etablierte diplomatische Beziehungen vielen Staaten und unterzeichnete Handelsverträge mit einer Vielzahl von Ländern, vom japanischen Kaiserreich bis nach Europa.

Als in Ost-Turkestan (Xinjiang) eine uigurische Rebellion gegen die Chinesen losbrach, unterstützte er die muslimischen Rebellen mit Kontingenten afghanischer Freiwilliger. Die Rebellion wurde allerdings durch die Übermacht der Republik China geschlagen und alle afghanischen Freiwilligen hingerichtet.

Innenpolitisch bewies König Zahir Shah zunächst ein glücklicheres Händchen. Im Gegensatz zu seinem Vater und Großvater ging er bei seinen Reformen wesentlich behutsamer vor. Dabei kämpfte er stets mit einer chronisch leeren Staatskasse und einer praktisch nicht vorhandenen Infrastruktur. Nach Ende des 2. Weltkriegs wurde in Jalalabad die heute zweitgrößte Universität des Landes gegründet, nachdem unter seinem Vater bereits die Kabul University entstand, die König Zahir Shah weiter ausbaute.

Um 1950: Männer und Frauen fahren gemeinsam im Bus
Kabul um 1950: Männer und Frauen fahren gemeinsam Bus

Es wurden zahlreiche Bewässerungsanlagen angelegt, um den Ernteertrag zu steigern und der Bau von Straßen und Eisenbahnlinien fortgesetzt. So wurden Nord- und Südafghanistan durch den Bau eines Tunnels durch den Salang Pass endlich miteinander verbunden. Auch Flughäfen wie der Airport in Kabul, in Mazar-e-Sharif, in Herat oder Kandahar wurden erbaut. Zu dieser Zeit holte Afghanistan mit großen Schritten auf den Rest der Welt auf. Auch Touristen und ausländischen Spezialisten öffnete sich das Land – einer Tatsache, der wir heute viele spannende Fotos und Erfahrungsberichte zu verdanken haben.

Afghanistan erhielt eine neue Verfassung und wurde zu einer funktionsfähigen konstitutionellen Monarchie. Der König ging in der Folgezeit noch weiter und führte neben der Gleichberechtigung der Frau auch das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter ein.

Der Widersacher im eigenen Palast

Nicht jeder war damit einverstanden. Nicht nur in den ländlichen Regionen kam es immer wieder zu Konflikten, auch im königlichen Palast selbst. Mohammaed Daoud Khan, ein Cousin des Königs, diente in den 1950er Jahren als Premierminister. Nach einigen Misserfolgen und Alleingängen entließ ihn der König schließlich aus dem Dienst.

Daoud Khan
Daoud Khan

Daoud Khan war jedoch ein Mann mit großen Ambitionen, womit er am Ende zum Ruin seines Landes beitrug. Obwohl es in seinem eigenen Land noch viel Arbeit zu tun gab, sah er über die Grenzen hinaus und träumte von der Schaffung einer großen Nation aller Pashtunen. (Die Pashtunen sind die dominante ethnische Gruppe Afghanistans)

Es lebten aber auch viele Pashtunen im damals noch jungen Nachbarstaat Pakistan. Der Paschtunen-Nationalismus des Daoud Khan beunruhigte die pakistanische Führung. Obwohl das arme Königreich nicht gerade in Geld schwomm, versorgte Daoud Khan heimlich paschtunische Milizen an der Grenze zu Pakistan mit Geldern und stachelte einen Konflikt mit Pakistan an.

Die Reaktion der Gegenseite überraschte kaum – Pakistan schloss die Grenze zu Afghanistan und kündigte den Handel mit Afghanistan auf. Für Afghanistan war dies eine strategische Katastrophe, denn nun verblieb nur noch die Sowjetunion als bedeutender Wirtschaftspartner. Die Sowjets widerrum waren allzu bereit Daoud Khan zu unterstützen, stellten dabei allerdings sicher, Afghanistan immer abhängiger von sich zu machen. Die Sowjetunion verlangte Jahr für Jahr mehr Einfluss. Der König, stets darauf bedacht Afghanistan im Kalten Krieg neutral zu halten, war sehr unglücklich darüber.

Schließlich brach der schwelende Konflikt an der afghanisch-pakistanischen Grenze aus. Es kam zu offenen Gefechten, die nicht gut für die afghanische Seite liefen. Dazu kam eine wachsende Unzufriedenheit der anderen Stämme mit dem Regime des Daoud Kahn, das ausschließlich von Paschtunen dominiert wurde. Der König entließ ihn 1963 und bemühte sich, die Stämme an einen Tisch zu bringen. Mit einer neuen Verfassung wurde festgelegt, dass Mitglieder der Königsfamilie keine Position mehr im Ministerrat bekleiden dürfen. Er bemühte sich auch um den Wiederaufbau guter Beziehungen mit Pakistan und schaffte tatsächlich, dass die Grenze wieder geöffnet wurde.

Daoud Khan plant seine Rache

Daoud Khan war damit natürlich nicht nicht zufrieden. Er hegte einen Groll gegen den König, der ihn abgesetzt hatte und wollte die Macht zurückerlangen. Er nahm sich fest vor die Monarchie dabei abzuschaffen, so das ihn nicht wieder ein König aus seinem Amt fortjagen könne.

Flagge der volksdemokratischen Partei
Flagge der volksdemokratischen Partei

Es ist auch wert der Tatsache Beachtung zu schenken, dass – obwohl sie niemals annährend die Mehrheit hatten – Daoud Khan während seiner Regierungszeit von der demokratischen Volkspartei Afghanistans unterstützt wurde. Dabei handelte es sich um die kommunistische Partei Afghanistans, die ihrerseits von der Sowjetunion stark gefördert wurde.

Die Sowjetunion verfolgte wie überall auch mit Afghanistan das Interesse, eine sozialistische Marionette zu schaffen und war nicht unglücklich darüber, dass die Misserfolge des Daoud Khan das Land in immer stärkere Abhängigkeit zur Sowjetunion brachten.

Das kommunistische Gift war bereits tief nach Afghanistan eingedrungen und Daoud Kahn würde ihnen den Weg zur Macht ebnen, auch wenn er zu ignorant war, dies zu realisieren.

Ein Staatsstreich entmachtet den König

Wie in so vielen Fällen, von Russland über China bis hin zu Kambodscha, so waren es auch hier nicht Kommunisten, welche die Monarchie stürzten und die Macht übernahmen. Dazu fehlt ihnen in der Regel die Stärke. Stattdessen dient immer ein vermeintlich moderates Regime als Steigbügelhalter. Dann kommen die Kommunisten, eliminieren dieses junge, moderate Regime und beanspruchen die absolute Macht für sich selbst.

Zentrum der Intrige: Der Königspalast in Kabul (c) Dr. William Podlich
Drinnen war man unvorbereitet: Königspalast in Kabul (c) Dr. William Podlich

So lief es auch in Afghanistan. Auf feige Art und Weise bereitete Daoud Kahn die Rache an seinem Cousin, dem König, vor. Als der König 1973 zu einer Augenoperation nach Italien reiste, sah er den Moment gekommen und startete einen Staatsstreich. Daoud Kahn erklärte sich zum neuen Präsidenten und das Land zur Republik Afghanistan.

Daoud Khan begann augenblicklich mit der Konsolidierung der Macht in seiner Person und befahl die Ermordung von potentiellen Rivalen. Er etablierte einen Ein-Parteien-Staat, regiert von seiner Nationalen Revolutionspartei. Jegliche politische Opposition wurde verfolgt, inklusive seiner alten kommunistischen „Freunde“ der demokratischen Volkspartei. Die Beziehungen zur Sowjetunion kühlten sich deutlich ab und Daoud Kahn versuchte weitgehend erfolglos neue ökonomische Beziehungen mit Indien und dem Iran anzuknüpfen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass Moskau schon bald eine Verschwörung gegen den abgefallenen Weggefährten schmiedete.

Staatsstreich Nr. 2 und sowjetische Intervention

Alte Feindschaften kochten wieder hoch. Die islamischen Fundamentalisten erhielten Hilfe von Pakistan, das Daoud Khans frühere Aktionen gegen sie nicht vergessen hatte. Die Sowjetunion half bei der Vereinigung aller kommunistischer Kräfte des Landes in der demokratischen Volkspartei (außer den Maoisten natürlich) und 1978 wurde Daoud nach nur 5 Jahren an der Macht schließlich bei einem Staatsstreich der Kommunisten erschossen. Der König musste all dies aus dem Exil in Italien mitansehen, ohne Eingreifen zu können.

Im nunmehr kommunistischen Afghanistan begann das übliche sozialistische Programm: Enteignungen (getarnt als „Landreform“), Abschaffung der Traditionen und die Einführung des Atheismus als Staatsräson. Dies konnte in einem tiefgläubigen muslimischen Land natürlich nicht gut gehen. Praktisch sofort formierten sich anti-kommunistische Truppen. Die neuen roten Herrscher Kabuls riefen daraufhin die Sowjetunion zur Hilfe, die 1979 das Land besetzte.

Es dürfte bekannt sein, was nun folgte – der Sowjetarmee gelang es, die Kontrolle über die meisten Städte zu erlangen, hatte in den ländlichen Regionen aber praktisch keinen Einfluss. Eine hauptsächlich muslimische Guerilla bekämpfte, unterstützt von den USA, die Fremden im eigenen Land. Der Konflikt sollte sich bis 1989 hinziehen, ehe die Sowjetunion schmachvoll den Rückzug nach Norden antreten musste.

König Zahir Shah im Exil

König Zahir Shah war die Rückkehr ins Land auch unter den Kommunisten verboten. Ein afghanischer Bürgerkrieg war jedoch das Letzte, was er wollte. Unter der Reagan Administration versuchten die USA den letzten König als Führer einer Exilregierung aufzubauen. Der König reagierte jedoch ablehnend, zu groß war die Angst, sich zu einer Marionette der USA zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die einflussreichsten Rebellenfraktionen jedoch ohnehin schon erklärt, dass sie für das postsowjetische Afghanistan eine islamische Theokratie statt einer Monarchie bevorzugten.

Der König hatte in jener Zeit wenig bis keinen Einfluss auf die afghanische Politik. Doch er war für viele immer noch eine ernstzunehmende Figur im politischen Spiels Afghanistans. 1991 wäre er beinahe einem Mordkomplott durch einen als portugiesischen Journalisten verkleideten Killer zum Opfer gefallen.

Ende des Kommunismus in Afghanistan

Die Ära des Kommunismus endete auch in Afghanistan im Chaos. Zwar gab es eine neue Regierung für die Republik, doch deren Macht beschränkte sich praktisch auf Kabul. Den Vakuum im Rest des Landes füllten die Talibanmilizen aus, die ihrerseits von Pakistan und Saudi Arabien unterstützt wurden. 1996 hatten die Taliban schließlich den Großteil des Landes unter ihre Kontrolle gebracht.

Nachdem die Taliban dem US-Ultimatum nach Auslieferung Osama Bin Ladens nicht folgten, wurde das Land 2001 durch U.S. und alliierte Kräfte invasioniert. Die Taliban wurden zerstört. Praktisch sofort schallten Rufe nach der Wiederherstellung der Monarchie auf. Nur der alte, aber noch rüstige König könne alle Afghanen einen! Für ihn sprach außerdem, dass er sich im Bürgerkrieg von keiner Seite hatte vereinnahmen lassen und dadurch von allen Beteiligten weitgehend akzeptiert wurde.

Der König im Alter
Der König im Alter

Dabei hatte der König durchaus durchblicken lassen, dass er sich eine Rückkehr zu einer konstitutionellen Monarchie vorstellen könne. In einem Interview sagte er:

„Ich hege keine Intention die Monarchie wiederherzustellen. Ich lege keinen Wert auf den Titel „König“. Die Menschen nennen mich Baba (Anm. Anrede eines alten und weisen Mannes) und ich bevorzuge diesen Titel. Sollte die Loya Jirga dies jedoch von mir verlangen, so werde ich die Verantwortung des Staatsoberhaupts übernehmen.“

Die US-Regierung Bush war jedoch gegen diese Bestrebungen, widerspricht die Wiederherstellung einer Monarchie doch fundamental der US-Staatsräson. Und so beschloss Washington stattdessen die Unterstützung des vermeintlich pro-amerikanischen Hamid Karzai als neuen Präsidenten der Republik Afghanistans.

In der Folge wurde dem König der Ehrentitel „Vater der Nation“ verliehen, den er bis zu seinem Tod im Alter von 92 Jahren im Jahr 2007 behielt. Es gibt gegenwärtig keine starken politischen Kräfte für eine Wiederherstellung der Monarchie. Einige favorisieren die gegenwärtige Republik, die meisten sind für eine islamische Theokratie und eine kommunistisch-maoistische Partei ist immer noch auf Ärger aus.

Abschließend muss man König Zahir Shah Respekt für seine Verdienste um Afghanistan zollen. Seine vier Jahrzehnte dauernde Herrschaft sollte eine der stabilsten und erfolgreichsten der afghanischen Geschichte sein. Es wäre interessant zu sehen, wo Afghanistan heute stünde, wäre es nicht zum Staatsstreich gegen ihn gekommen. Mit Sicherheit wäre die Situation im Land heute eine wesentlich bessere. Sein Fehler bestand darin, seinem engsten Kreis zu sehr zu vertrauen, hier insbesondere Cousin Daoud Khan. Als er den Fehler erkannte, war es bereits zu spät. In den Herzen seiner Untertanen wird er dennoch immer als Vater der afghanischen Nation und Regent einer besseren Zeit in Erinnerung bleiben.