Prinz Vlad III. der Wallachei

Vlad_Tepes_002Im Osmanischen Reich war er unter dem Namen „Vlad der Pfähler“ bekannt, im Westen wird sein Namen mit einer Fabelfigur verbunden. Sein Vater Prinz Vlad II. trat dem Orden der Drachen bei und wurde daher bekannt als Vlad Dracul (rumänisch „Drache“). Sein Sohn Vlad III. war daher der „Sohn des Drachen“ – oder Vlad Draculea. Nein, er war nicht untot. Er war auch kein bluttrinkendes Phantom. Aber er war die Inspiration für Bram Stokers weltberühmten Roman.

Geboren wurde Vlad Dracula in Transylvanien im Jahr 1431. Kurz nach seiner Geburt trat der Vater dem Orden der Drachen bei. Als der Junge selbst gerade fünf Jahre alt war, wurde auch er zum Mitglied. Dieser Orden war von Kaiser Sigismund des Heiligen Römichen Reichs ins Leben gerufen worden, um Ungarn und das Christentum vor den im Balkan vordringenden Osmanen zu schützen.

Im Jahr 1442 fiel Vlad II. Dracul Thron den internen Machtkämpfen unter dem Adel zum Opfer. Er schloss eine Allianz mit den Osmanen, um seine Macht zurück zu gewinnen. Die Osmanen verlangten von ihm, er müsse dafür seine zwei jüngsten Söhne – Radu und Dracula – als Faustpfand zu ihnen senden.

Der junge Vlad Dracula erwarb sich am Hof des Sultan einen Ruf als frech und eigensinnig, wofür er oft geschlagen wurde. Sein Bruder, Prinz Radu, war das genaue Gegenteil. Er war ergeben, konvertierte zum Islam und diente am Ende Sultan Mehmed II. als Offizier.

Mit den Jahren entwickelte der junge Dracula einen immensen Hass auf die Türken. Sein Bruder war Günstling des Sultans geworden und sogar sein Vater hatte ihren Orden verraten. Doch während dieser Zeit wurde er nicht in irgendeinem Kerker gehalten. Die Osmanen brachten ihm Türkisch, Persisch und die Kunst der Kriegsführung bei. Man gab ihm auch Koranunterricht.

János Hunyadi
János Hunyadi

Mit Hilfe des Osmanischen Reichs konnte sein Vater Vlad II. seine Macht wiederherstellen. Doch der berühmte ungarische Adelige Janos Hunyadi (genannt „Der weiße Ritter“) führte eine Armee gegen ihn an und tötete Vlad Dracul und seinen ältesten Sohn Mircea.

Nun griffen die Osmanen ihrerseits ein. Sie platzierten Vlad Dracula als Fürsten der Wallachei. Natürlich in der Hoffnung, dass er ihnen ein getreuer Vasall sein würde. Doch auch Dracula wurde bald von Hunyadi vertrieben. Er musste nach Moldawien und später nach Ungarn flüchten, wo sein großer Hass auf die Türken, aber auch seine Kenntnis ihrer Kultur und Sprache, Hunyadi dazu veranlasste, ihn als Berater aufzunehmen.

Nachdem der Sultan Mehmed II. das lang verfolgte Ziel der Eroberung Konstantinopels endlich in die Praxis umgesetzt hatte, war man in Ungarn alarmiert. Man erachtete es nur noch als eine Frage der Zeit, ehe die Osmanen über den Balkan nach Norden vorstossen würden. Hunyadi führte seine Truppen in Richtung Belgrad, wo er nach einigen Schlachten allerdings der Pest zum Opfer fiel.

Dracula stellte währenddessen die Macht seiner Familie in ihrer Heimat Wallachei wieder her. Viel mag von der Wallachei damals nicht übrig gewesen sein, nachdem sie so viele Male geplündert und von so vielen verschiedenen Armeen verwüstet worden war.

Dracula ließ neue Dörfer anlegen, regte eine stärkere Bearbeitung des Bodens an und etablierte Handelsbeziehungen mit allen umliegenden Ländern. Die Burg Poenari wurde wieder aufgebaut, Klöster und Kirchen gefördert (u.a. das Kloster Snagov) und die Macht des Landadels beschränkt. Er griff auch zu harten und brutalen Strafmaßnahmen wie dem Pfählen, nachdem die anarchischen Zustände der letzten Jahre zu hoher Kriminalität geführt hatten. Er verstand, dass nur eine wirtschaftlich gesunde Wallachei sich gegen seine zahlreichen Feinde würde wehren können. Die einfache Landbevölkerung sah in ihm einen Garanten für Ordnung und Ehrlichkeit.

Neuer militärischer Konflikt mit den Osmanen

Der Krieg war in der Wallachei niemals fern und nachdem er seine Autorität gefestigt und die wirtschaftliche Lage stabilisiert war, stellte Vlad Dracula eine Armee auf. Später schloss er sich König Matthias Corvinus von Ungarn (Sohn des Janos Hunyadi) in dessen Kampf gegen das Osmanische Reich an.

Vlad Dracula empfängt die osmanischen Gesandten
Vlad Dracula empfängt die osmanischen Gesandten

Zuvor waren im Jahr 1459 am wallachischen Hof osmanische Gesandte eingetroffen, die von Dracula ausstehende Tributzahlungen in Höhe von 10.000 Dukaten verlangten. Außerdem forderten sie eine „Knabenlese“ von 500 Jungen, die man ihnen zur Ausbildung als Janitscharen überlassen sollte. Dracula dachte gar nicht daran, darauf einzugehen, sondern ließ die gesamte Gesandschaft kurzerhand umbringen.

Inzwischen hatte auch der Sultan von Vlads Verrat und seinem Bündnis mit Ungarn erfahren. Doch er beschloss, sich unwissend zu geben. In einem Briefwechsel kündigte der Sultan an, Vlad militärische Unterstützung und einen Berater gegen die vorrückenden Ungarn zukommen zu lassen. Natürlich wusste er bereits von Vlads Seitenwechsel. Doch er wollte ihn in Sicherheit wiegen. In Wirklichkeit sandte der Sultan eine 1.000 Mann starke Kavallerieinheit mit dem Befehl aus, Vlad zu ergreifen und nach Konstantinopel zu bringen.

Vlad erfuhr von der anrückenden Einheit. Er stellte seinen Fallenstellern selbst eine Falle, an einer engen Schlucht des Giurgiu Passes. Die türkische Streitmacht wurde dabei vollständig zerstört. Danach sollen Vlad und seine Leute sich die Kleidung der Türken übergezogen und zur türkischen Festung bei Giurgiu vorgestossen sein, wo Vlad den Wächtern in türkischer Sprache befahl, die Tore zu öffnen. Durch diesen Trick gelangten sie in das Innere der Festung, die sie im anschließenden Kampf vollständig zerstören.

In der Folge führte Dracula eine brutale Kampagne entlang der Donau an. Er vernichtete den Gegner und – laut eigener Aussage – massakrierte Türken und Muslime, wo immer er sie fand. Wer den Kampf überlebte, wurde geköpft oder verbrannt. Die christliche Bevölkerung wurde verschont.

Osmanische Reaktion auf den Verrat

Der Sultan war außer sich vor Wut. Mehmed II. ließ eine Armee für eine Strafexpedition speziell gegen Dracula aufstellen. Als diese die Wallachei betraten, trauten sie ihren Augen kaum. Vor ihnen lag ein „Wald“ von auf Pfählen aufspießten osmanischen Soldaten der letzten Schlachten. Dieses schauerliche Spiel sollte ihnen zeigen, was sie erwartete. Die Vorliebe Vlad Draculas für das Pfählen seiner Gegner führte zu seinem Spitznamen „Vlad der Pfähler“ unter den Osmanen.

Gemälde des Nachtangriffs
Gemälde des Nachtangriffs

Auch der Sultan war beeindruckt. Doch die Osmanen ließen sich davon nicht abhalten und marschierten weiter. In einer Reihe verwegener Angriffe gelang es Dracula der osmanischen Armee massive Verluste beizubringen. Berühmt ist dabei sein nächtlicher Angriff auf das Lager des Sultans, das er zuvor selbst in Person (er sprach hervorragend türkisch) ausgespäht haben soll. Sein Sieg wurde auf dem gesamten Balkan gefeiert, sogar in Rom und Genua war es Tagesthema.

Dracula sollte noch weitere Siege erringen, auch gegen seinen eigenen Bruder Radu, der dem Sultan diente. Am Ende musste sich der Sultan mit seiner Armee zurückziehen – vorerst.

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Doch viele der kleinen Landadeligen der Wallachei wurden unzufrieden. Es schien höchst unwahrscheinlich, dass sich die Wallachei auf Dauer gegen das mächtige Osmanische Reich behaupten könne. Zudem hatte Dracula ihre Rechte und ihren Einfluss seit seiner Regentschaft massiv beschnitten. Man beschloss Dracula abzusetzen, sogar wenn man dafür insgeheim eine Allianz mit dem Osmanischen Reich schließen müsse.

Von allen Seiten von Gegnern umzingelt sah Dracula seinen einzigen Ausweg darin, den König von Ungarn um Hilfe zu bitten. Doch statt Unterstützung zu erhalten, ließ ihn Matthias Corvinus anklagen und ins Gefängnis stecken. Die Anklage lautete auf Verrat. Der Grund hierfür war ein gefälschter Brief, in dem Dracula angeblich einer Allianz mit dem Sultan zugestimmt habe. Das dies kaum wahr sein konnte, wusste in der Wallachei praktisch jeder – der Hass Draculas auf die Türken war legendär.

Einige wenige loyale Landadelige erhoben Einspruch beim ungarischen König und so wurde Dracula nicht hingerichtet, wie es bei Verrat üblich gewesen wäre. Doch er musste am ungarischen Hof verbleiben. Mit den Jahren vertrugen sich Dracula und Matthias Corvinus und am Ende heiratete Dracula sogar eine Kusine des Königs (Ilona Szilágyi) um das Jahr 1465 herum, die ihm zwei Söhne gebar. Aus einer ersten Ehe mit einer verstorbenen transsylvanischen Adeligen unbekannten Namens hatte er noch einen Sohn namens Mihnea.

Erst im November 1476 beschloss der ungarische hohe Rat die Wiederherstellung des Prinzen Dracula. Mit ungarischer Unterstützung ritt er in seine Heimat um seinen Thron wiederherzustellen. Doch nur zwei Monate nachdem er seine Herrschaft wieder antritt, wurde er bei einem Kampf mit den Türken in der Nähe von Bucharest getötet.

Prinz Vlad Dracula besitzt ganz offensichtlich den dunkelsten und schrecklichsten Ruf unter allen Adeligen. Zu größten Teilen aufgrund der fiktiven Geschichte eines Vampirs mit seinem Namen. Doch es ist schwer zu sagen, wie viele der reißerischen Geschichten um seine Morde, Exekutionen und Pfählungen tatsächlich wahr sind. Wie ersichtlich war er von Feinden umzingelt, sogar Feinden in der eigenen Familie, unter den ungarischen Adeligen und natürlich den Osmanen. Viele der Geschichten könnten einfach erfunden oder weit übertrieben sein, um eigene unehrenhafte Aktionen nachträglich zu rechtfertigen.

Der einzige Ort der Welt wo Prinz Dracula übrigens keine negative Konnotion besitzt, ist in Rumänien. Dort wird er herzlich als Nationalheld gefeiert. Ein harter Mann, sogar ein brutaler Mann, der in brutalen Zeiten lebte und gegen ihre Unterdrückung durch das Osmanische Reich kämpfte. Auch seine Verbindung mit dem berühmten Vampir wird oft mit Humor gesehen und Rumänen freuen sich vampirbesessene Touristen nach Transylvanien zu den originalen Schauplätzen des „echten Dracula“ zu führen.

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König Richard II. von England

richard2Richard von Bordeaux (wie er oft auch genannt wird) wurde am 6. Januar 1367 geboren. Er war der Sohn des legendären „schwarzen Prinzen“, Enkel des großen König Edward III. und besaß eine beeindruckende Ahnenlinie. Die Erwartungen an ihn waren riesig, als er mit gerade einmal 10 Jahren im Jahr 1377 den englischen Thron bestieg, nachdem sein Vater und älterer Bruder verstarben.

Die klassische englische Geschichtsschreibung berichtet ab hier wenig schmeichelhaft von Richard II. und doch stellt sich die Frage, wie viel Kritik an dem jungen König gerechtfertigt ist? Insbesondere für Dinge, die außerhalb seiner Kontrolle lagen?

Auch ist der Vergleich mit seinem Vorgänger König Edward III. ungerechtfertigt. Dieser war ein außerordentlicher König, ein Koloss der englischen Geschichte. Im direkten Vergleich mit ihm konnte ein Richard II. niemals mithalten. Insbesondere da auch – so groß er war – bei Edward III. bald eine gewisse Idealisierung eintrat, die über seine (wenigen) Schwächen generös hinwegsah und seine großen Taten noch ein wenig größer erscheinen ließ. Er wurde sogar zum größten englischen Monarchen seit König Artur (der mit der Tafelrunde) erklärt. Und die Konsequenzen seiner Fehlentscheidungen lastete man einfach Richard II. an.

So errang Edward III. glorreiche Siege über die Franzosen. Aber er war in seinen letzten Jahren stark unter dem Einfluss seiner Geliebten Alice Perrers und eigennützigen Beratern, was effektiv den Kontrollverlust über sein Reich bedeutete. Die Konsequenzen daraus sollten sich bald zeigen.

König mit nur 10 Jahren

richard-koenig-von-englandDer Kinder-König Richard II. bestieg also den Thron eines Landes, das von internen Streitigkeiten und Argwohn befallen war. Als Vormund des jungen Richard II. agierte sein mächtiger Onkel, John von Gaunt, der eine prächtige Krönungszeremonie für den Jungen ausrichten ließ und die Heiligkeit der Monarchie betonte.

Damit sollte jeder verstehen, dass die Krone zu ehren sein, egal ob der Träger ein heroischer Eroberer wie Edward III. oder ein unerfahrener Jüngling war, den viele in Richard II. sahen.

Die Hoffnung John von Gaunts auf Einheit im Reich sollte sich bald als naiv erweisen und der junge Richard II. wurde direkt in den Strudel von Intrigen und Gefahren gezogen. In der Vergangenheit hatte England Kriege zwischen den einzelnen Lords stets verhindern können, indem man gemeinsam Frankreich angriff.

Doch als der König alt und schwach wurde und schließlich starb, um von einem 10-jährigen Jungen ersetzt zu werden, entbrannten die inneren Streitigkeiten erneut. Auch die Franzosen überfielen wieder englische Besitzungen und ein Klima des Misstrauens gegenüber der Aristokratie und der königlichen Führung breitete sich rapide im Reich aus.

Krönung König Richard II.
Krönung König Richard II.

Der Pomp der Krönungszeremonie war eine Reaktion darauf, es sollte den Primat der Krone festschreiben. Und König Richard II. ließ sich mit Eifer darauf ein. Bis zur Herrschaft der Stuarts würde kein englischer Monarch mehr derart an der Idee eines „göttlichen Rechts der Könige“ festhalten, wie dies Richard II. tat.

Der König war in der Obhut seiner Mutter, Joan von Kent, aufgewachsen. Doch den größten Einfluss auf ihn übte sein Kämmerer, der Earl von Oxford aus. Als Richard II. den Thron bestieg, wurde mit viel Fingerspitzengefühl ein Regierungsrat gebildet, den keiner der Fürsten dominieren sollte. Doch der Rat war im Grunde machtlos und es war John von Gaunt, der die politische Szene dominierte.

Der Bauernaufstand von 1381

An den Grenzen des Reiches kam immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. John von Gaunt war gerade in Schottland zu Friedensverhandlungen und die englische Armee auf Frankreich, Wales und Schottland aufgeteilt, als im Jahr 1381 eine Bauernrevolte losbrach. Und es war keine Armee zur Hand, die London hätte schützen können.

Der Regierungsrat bewies einmal mehr seine Unfähigkeit indem er auf die Gefahr nicht klar reagierte, während der König im verbarrikadierten Tower of London saß und zusah, wie ein Mob die Stadt brandschatzte.

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König Richard II.

Irgendwann hielt es ihn nicht mehr im Tower und der 14-jährige König Richard II. rief ein paar verbliebende Adelige zusammen und ließ die Pferde satteln. Er wollte mit dem Anführer der Rebellen sprechen. Sie ritten nach Mile End aus und fanden den Sprecher der Aufständischen, einen Waliser namens Wat Tyler. Die Konfrontation mit Tyler sollte für Richard das erste, aber nicht das letzte, dramatische Ereignis seiner Regierungszeit werden.

Wat Tyler präsentierte dem König selbstbewußt die Forderungen der Aufständischen: neben einer Generalamnestie für alle Rebellen verlangte man niedrige Steuern für Land und die vollständige Abschaffung der Leibeigenschaft in England. Das waren ziemlich radikale Forderungen.

Mit dem Segen des Regierungsrats, der allem zuzustimmen bereit war, willigte Richard II. ein. Damit war das Vorhaben der Rebellen gelungen und viele zogen nach Hause ab. Doch wie so oft verblieb ein harter Kern Rebellen, deren natürliche Neigung es war, niemals zufrieden zu sein. Wenn der Gegner allen Forderungen zustimmt, dann präsentiert man eben einfach eine neue Liste Forderungen. Dieses unversöhnliche, radikale Element verblieb als Bedrohung und zog nicht ab. Es gab keine andere Möglichkeit als ihnen mit Gewalt beizukommen.

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Richard und inmitten der Rebellen

Also wurde ein weiteres Treffen vereinbart. Nachdem er beim König zuletzt alle seine Forderungen durchgedrückt hatte, war Wat Tyler das Ebenbild der Arroganz. Er behandelte den König mit der größtmöglichen Frechheit, im Gedanken daran, dass dieser schließlich keine schützende Armee in der Nähe habe.

Vor Wut über dieses Verhalten zogen einige Begleiter des Königs ihre Waffen und töteten Tyler. Es ist bis heute umstritten, ob dies auf Befehl des Königs erfolgte. Der rebellische Mob war jedenfalls außer sich vor Wut und wollte ein Exempel statuieren. In einem ihm selten angerechneten Akt des Mutes ritt König Richard II. in ihre Mitte und überzeugte sie, ihre Waffen ruhen zu lassen.

Die Rädelsführer wurden später verhaftet, den Rest sandte man ungeschoren nach Hause. Die Rebellion war vorbei, die Krise beendet. Fast keine der beim ersten Treffen zugesagten Rebellenforderungen wurden später umgesetzt. Was den Regierungsrat anging, war dies ohnehin nur ein Treffen um Zeit zu gewinnen. Der König, jung und leicht zu beeindrucken, nahm aus den Ereignissen die Erkenntnis mit, dass Irreführung ein essentielles Werkzeug in der Politik sei und das die Leute am Ende der Krone doch immer treu sein werden.

Mit Blick auf beides lässt sich heute sagen, dass diese Erkenntnisse ihm später sehr schadeten. Es setzte sich auch in Richards Kopf die Vorstellung durch, dass er von Gott geschützt und geleitet werde.

Streit mit dem Adel über die Königsrolle

Als er in den folgenden Jahren zunehmend versuchte die Macht des Königs wiederherzustellen, bildeten sich zwei Fraktionen im Reich. Die Fraktion des Königs unterstützte seinen Machtanspruch als alleinigen Herrscher, die Fraktion des Adels wollte die Macht in die Hände der Aristokratie legen und billigte dem König in der Hauptsache zeremonielle Aufgaben zu. Anführer letzterer Gruppe war insbesondere der Earl von Arundel, während Sir Michael de la Pole als Repräsentant der Freunde des Königs galt.

König Richard II. war ein kultivierter Mensch, ein Liebhaber der Kunst und Musik. Er wollte beides als Mittel nutzen, um die Monarchie zu glorifizieren. Gab er jedoch Geld dafür aus, so bezichtigte man ihn der Verschwendung und Faulheit. Seine aristokratischen Kritiker warfen ihm diese Liebe für die schönen Künste vor, in ihren Vorstellungen sollte der König besser den Franzosen und Schotten die Schädel abschlagen.

Vielleicht angestachelt durch diese Kritik begab sich Richard II. mit einer Militärexpedition nach Schottland. Doch das Resultat war ein Desaster und bewies, dass er zwar unzweifelhaft ein tapferer Mann war, doch kein militärischer Anführer. Seine Armee stolperte einige Tage umher, fand keinen Feind vor und zog daraufhin kampflos wieder ab, was sie zum Ziel des Spotts werden ließ.

John von Gaunt
John von Gaunt

Richard II. stritt sich mehrere Male mit seinem Onkel John von Gaunt, aber es war niemals so heftig wie einige später behaupteten und sein mächtiger Onkel blieb seinem Neffen und König gegenüber stets loyal. So lange John von Gaunt im Land war, wussen die Feinde des Königs, dass sie keine Chance hatten.

Doch die Situation änderte sich, als John von Gaunt 1386 England im Versuch verließ, die Krone von Kastillien in Spanien für sich zu gewinnen. Gaunts Schiff war kaum hinter dem Horizont verschwunden, als die Fraktion um den Earl von Arundel vom König forderte, er müsse seinen Freund Sir Michael de la Pole als Kanzler entlassen.

Richard II. reagierte höchst verärgert und emotional darauf. Er sagte, er würde ihren Wünschen nicht einmal nachgeben, wenn sie ihn um die Entlassung eines einfachen Kochs bitten würden. Doch als Arundel und Thomas von Gloucester daraufhin Andeutungen machten, der König müsse möglicherweise dann ebenfalls gehen, gab Richard II. nach und ließ Pole anklagen.

Natürlich hatte er keine Intention dies das Ende sein zu lassen und bemühte sich um Unterstützung loyaler Adelige, während er die Rechtmäßigkeit der Klage gegen seinen Freund angriff. Seine Feinde wussten, dass ihre Chancen niemals mehr besser stehen würden, und bereiten den Krieg vor. 1387 sammelten Arundel, Gloucester und der Earl von Warwick ihre Truppen nördlich von London. Sie gaben sich den wohlklingenden Namen Lords Appellant (wörtl. „beschwerdeführende Fürsten“).

Die Lords Appellant werfen dem König den Fehdehandschuh hin
Die Lords Appellant werfen dem König den Fehdehandschuh hin

Ohne ausreichend eigene Streiter hatte der König keine Chance auf Gegenwehr. Er musste ihren Forderungen nachgeben und fünf Vertraute einsperren. Zwar willigte er ihren Forderungen ein, doch er führte sie nicht aus. Einer von ihnen, Robere de Vere, Earl von Oxford, entkam in den Norden und sammelte dort eine loyale Armee für den König. Sie wurde allerdings im Dezember 1387 bei der Schlacht von Radcot Bridge geschlagen.

Alle Freunde und Unterstützer des Königs waren ab sofort der Vergeltung durch die rebellischen Lords ausgesetzt. Sie führten eine Kampagne gegen die Mitglieder des königlichen Hofs durch, mit teils abenteuerlichen Anschuldigungen und brachten jeden um, der den König unterstützte oder ihm freundlich gesinnt war. Sie sollten als das erbarmungslose Parlament von 1388 (“The Merciless Parliament of 1388″) in die Geschichte eingehen.

Brodelnd vor Wut musste Richard II. abwarten. Erst im darauffolgenden Jahr wurde er 22 Jahre alt und galt dann als Erwachsener, der allein regieren könnte. Er beschloss auf Zeit zu spielen und auf die Rückkehr seines mächtigen Onkels John von Gaunt aus Spanien zu hoffen, der tatsächlich 1389 zurückkehrte. 1394 befriedete Richard II. die Situation in Irland, 1396 unterzeichnete er einen haltenden Waffenstillstand mit Frankreich. Dies beweist, dass Richard II. im Gegensatz zu dem von seinen Kritiker erhobenen Vorwurf durchaus Qualitäten als Staatsmann besaß.

weisser-hirschIm Jahr 1382 heiratete er Anna von Böhmen und nach ihrem frühen Tod Isabella von Frankreich. Während dieser ganzen Zeit baute er still und heimlich eine Armee mit Truppen aus Irland, Wales und Cheshire auf, deren Wappen ein weißer Hirsch sein würde.

1397 ging er in die Offensive. Bei einem Überraschungsangriff gelang es Arundel, Gloucester und Warwick zu verhaften. Gloucester wurde in Calais getötet, doch die anderen Anführer wurden angeklagt. Die Dinge hatten sich um 180° gedreht seit jenen Tagen, in denen sie selbst so vorgegangen waren. Arundel wurde getötet und Warwick ins Exil auf die Isle of Man verbannt, nachdem er alles zugegeben hatte. Es sah danach aus, als hätte König Richard II. einen brillianten Triumph errungen und seine Macht gefestigt.

Richards Jahre der absoluten Herrschaft

Nun hatte Richard II. die absolute Macht in England inne. Und für diese Periode seiner Herrschaft wird er gewöhnlich am stärksten kritisiert. Unter dem Eindruck der überwundenden Rebellion verteilte Richard II. das Land seiner ehemaligen Feinde unter Angehörigen und Freunden auf. Er gab Geld großzügig aus und verlangte von jedem die Unterordnung unter seine Autorität. Wer dies nicht tat, musste Strafzahlungen leisten, die immer häufiger auch für kleine „Vergehen“ eingetrieben wurden.

richardus-koenig-englandDie Dinge wurden auf die Spitze getrieben, als John von Gaunt im Frühjahr 1399 verstarb. Statt Nachsicht und Gnade zu zeigen, ließ König Richard II. dessen Sohn Henry von Bolingbroke (der spätere König Henry IV.) ins Exil senden und seinen Besitz einziehen. Henry hatte es schon früher gewagt, sich in Opposition zu Richard zu begeben.

Diese Handlung schadete letztlich Richard mehr als seinen Gegnern. Er zog sich den Hass des Hauses Lancaster zu und die Elite des Landes blickte nervös auf ihr eigenes Eigentum. Als Richard II. zur Bekämpfung einer Rebellion in Irland weilte, holte man Henry von Bolingbroke zurück nach England. Dieser meldete daraufhin Anspruch auf den Thron an. Mächtige Adelige schlugen sich sofort auf seine Seite. Doch der König und seine Getreuen waren in Irland und der einzige Verteidiger in England war des Königs unglückseliger Onkel Edmund von York. Dieser erwies sich als schwaches Hindernis und Richards Schar an Unterstützern schmolz immer stärker zusammen.

König Richard II. eilte zurück nach England und landete im nördlichen Wales, wo er treue Unterstützer vermutete. Doch viele zeigten ihm plötzlich die kalte Schulter. Er war innerhalb kürzester Zeit machtlos geworden, wurde schließlich gefangen genommen und zum Tower von London gebracht, später zu Schloß Pontefract der Lancaster im Norden Englands.

Gefangennahme Richard II.
Gefangennahme König Richards II.

Überall als Sieger gefeiert rief sich Bolingbroke zum neuen König aus und gedachte daran, die Situation des Fall von Edward II. zu wiederholen. Doch Richard II. war nicht wie Edward II. und lehnte eine Abdankung ab, als man ihn dazu aufforderte. Selbst wenn er dies getan hätte, wäre nicht Bolingbroke sein Thronfolger gewesen, sondern der noch junge Earl von March.

Nachdem einige verbliebene Unterstützer König Richards einen vergeblichen Mordanschlag auf Bolingbroke versuchten, entschied dieser, dass der lebende König Richard II. eine zu große Gefahr für ihn sei. Am 14. Februar 1400 wurde König Richard II. im Alter von nur 33 im Schloss Pontefract umgebracht.

England nach König Richards Tod

Bolingbroke übernahm die Macht, erklärte sich selbst zu König Henry IV von England, Irland und Frankreich. Doch er würde zeitlebens nicht mehr den Makel des Königsmörders loswerden. Erst mit der Herrschaft von König Henry V. würden die Lancasters mit diesem Kapitel abschliessen, als der König den Leichnam Richard II. exhumieren und offiziell in der königlichen Gruft in Westminster Abbey beisetzen ließ.

Es ist wahr, dass König Richard II. in einigen Situation sehr unklug reagierte. Seine Zeit der absoluten Macht verprellte viele seiner einstmaligen Getreuen. Doch es ist unfair nur Richard II. die Schuld an den vielen Schwierigkeiten Englands zur Zeit seiner Regentschaft (und danach) zu geben. Er war niemals gezielt auf seine Rolle vorbereitet worden und hatte kaum Zeit, um wirklich erwachsen zu werden. Mit 10 Jahren zum König ernannt, mit 22 Jahren die vollständige Macht übernommen, mit 33 Jahren ein toter König. Viele, wenn auch nicht alle, seiner negativen Eigenschaften waren das Resultat der Einflüsse seiner Umwelt und seiner (wenigen) eigenen Erfahrungen. Es herrschaft kein Zweifel, dass seine Feinde gnadenlos und nur in ihrem Eigeninteresse und nicht dem des Reiches handelten.

Seine Reputation leidet auch (unfairerweise) unter den erfolgreicheren (und älteren) Königen vor und nach ihm. Ihm die Schuld für den späteren englischen Bürgerkrieg („War of the Roses“) in die Schuhe zu schieben, entbehrt jedoch jeder Grundlage. Richard II. war kein großer Krieger, aber ein gebildeter Mann, ein großer Patron der Künste und ein Unterstützer der Religion, wie er z.B. mit seinem entschiedenen Vorgehen gegen die häretischen Lollarden bewies.

Er besaß mit Sicherheit ein überzogenes Selbstbild, aber darin unterschied er sich kaum von den späteren Monarchen der Tudor-Ära, die wiederum so oft gefeiert wurden. König Richard II. wird vermutlich auch in Zukunft auf der Liste der „schlechten Könige Englands“ verblieben, auch wenn dies bei Blick auf die Fakten ungerechtfertigt oder zumindest in großen Teilen ungerechtfertigt erscheint.

Königin Suriyothai von Siam

suriyothaiEine der berühmtesten Königinnen, wenn nicht sogar DIE berühmteste, Thailands ist Königin Suriyothai von Siam. Sie lebte während der glorreichen Ayutthaya Periode (ca. 1351 bis 1767) Thailands und ihr Ruhm ist wohlverdient. In der Person der Sri Suriyothai hatte das Königreich Siam eine Königin vom Format der Trung Schwestern Vietnams, Isabella von Kastillien, Eleanor von Aquitanien oder Boudica der Kelten.

Sri Suriyothai zeigte sich als Königin umsichtig und mitfühlend, aber war auch nicht verlegen,  schwerwiegende Entscheidungen zu fällen. Und als der Krieg die Existenz ihres Königreichs bedrohte, schnallte sie sich eine Rüstung um, bestieg ihren Kriegselefanten und ritt auf ihm in die Schlacht.

SuriyothaiboxEine beeindruckende Statue sowie eine Stupa (buddhistisches Monument) wurde ihr zu Ehren errichtet und bis heute wird sie als eine der größten Heldinnen Thailands verehrt. Im Jahr 2001 wurde ihr Leben unter dem Titel „Die Legende der Suriyothai“ verfilmt. Es sollte mit Kosten von ca. 350 Milllionen Baht der teuerste je produzierte thailändische Film aller Zeiten sein. Interessantes Detail: zu großen Teilen wurde der Film durch Mittel Ihrer Majestät Königin Sirikit finanziert. Er ist auch in Deutschland erschienen, allerdings stark geschnitten und laut einigen Beurteilungen mit einer schrecklichen deutschen Synchronisation.

Unbekannte Herkunft und Jugend

Bedauerlicherweise gibt es heute keine Aufzeichnungen über die frühen Jahre der Königin Suriyothai. Wo und wann sie genau geboren wurde ist ungewiss. Aufgrund der unklaren Faktenlagen existieren bis heute verschiedene Versionen. Die bekannteste Variante spricht von ihr als einer Adeligen niederen Ranges, die trotz ihrer Liebe zu einem anderen Prinzen den künftigen König Maha Chakkraphat heiratete.

Die Geschichte mag wahr sein oder auch nicht – aber wenn sie es ist, dann unterstreicht sie das enorme Pflichtgefühl der Sri Suriyothai. Obwohl ihr Ehemann nicht ihre „erste Wahl“ war, gab sie alles für ihren Mann. Wenn es nicht wahr ist, so liefern spätere Ereignisse doch ein klares Zeugnis von einer tiefen Verbindung mit ihrem Mann. Es ist anzunehmen, dass Königin Suriyothai eine starke und unabhängige Frau war. Sie hatte feste Prinzipien, ein unerschütterliches Pflichtgefühl und war äußerst mutig.

Das Thai Königreich Ayutthaya

Um Königin Suriyothais Leben besser verstehen zu können, ist ein Blick auf die historische Situation des Königreichs Siam (oder Königreich Ayutthaya in der Selbstbezeichnung, benannt nach der gleichnamigen Hauptstadt) notwendig. Zu jener Zeit war Ayutthaya eine der dominanten Mächte in Südostasien. Zu seinem Höhepunkt vereinte es die Ländereien des heutigen Thailand, Laos, Kambodscha und Teile Südchinas, Nord-Malaysias und des östlichen Burma.

Die größte Gefahr ging von Ayutthaya seinerzeit nicht vom benachbarten Vietnam aus, wo die Schwäche der Le Dynastie das Land ins Chaos stürzte, sondern vom Königreich Burma im Westen. In den frühen Jahren des 16. Jahrhunderts entwickelte die dort herrschende Taungu-Dynastie das so genannte Zweite Birmanische Reich zur stärksten Macht Südostasiens. Eroberung lautete die Devise jener Zeit und es sollte nicht lange dauern, ehe sie ihre Armeen Richtung Siam aussandten.

In Ayutthaya war es um die Stabilität nicht gut bestellt. Der junge König Yodfa war im Grunde nur ein Strohmann, seine Mutter Königin Sudachan war die wahre Herrscherin. Es wird vermutet, dass sie ihren eigenen Sohn vergiften ließ, um ihren Geliebten als König Khun Worawongsathirat auf dem Thron zu installieren.

Sri Suriyothais späterer Ehemann König Maha Chakkraphat war der Cousin des getöteten König Yodfa. Für einen möglichst glatten Übergang der Macht  bot man Maha Chakkraphat an, ihn zum Mitregenten zu ernennen. So würde er hoffentlich keinen „Ärger“ machen. Doch Suriyothai und er befürchteten, er würde dann als nächstes einem Mordkomplott zum Opfer fallen. Um die wahre königliche Linie zu erhalten, überzeugte Sri Suriyothai ihren Mann davon, einem buddhistischen Kloster beizutreten, wo ihn kein Auftragsmörder je belangen würde.

Eine Palastrevolte führender Adeliger brachte den Ursupator und Königin Sudachan später schließlich zu Fall und König Maha Chakkraphat bestieg gemeinsam mit seiner Frau, Königin Suriyothai, den Thron. Sie war ihm nicht nur eine gute Ehefrau, sondern stand ihm stets mit Rat zur Seite und sollte später sogar sein Leben retten. All diese Intrigen verdeutlichen aber die internen Querelen Siams zu jener Zeit, durch die Angreifer des mächtigen Burma geradezu eingeladen wurden.

Burma fällt in Ayutthaya ein

König Maha Chakkraphat war noch nicht lange auf dem Thron, als Siam schließlich im Jahr 1548 von birmanischen Truppen unter König Tabinshwehti angegriffen wurde. Dieser ambitionierte junge Monarch war praktisch seit 1534 unentwegt in Kriegen verwickelt und hatte eine lange Liste an siegreichen Feldzügen vorzuweisen.

Gemälde des König Tabinshwehti
Gemälde des König Tabinshwehti

Mit einer großen Armee, erfahrenen Kommandeuren und vielen modernen Waffen, die sie von portugiesischen Händlern gekauft hatten, kommandierte König Tabinshwehti die wohl furchteinflößendste Armee jener Region. Die kleinen Garnisonen an den Grenzen Siams wurden binnen kürzester Zeit überrannt.

Als König Maha Chakkraphat von der Bedrohung erfuhr,  befahl er seine Truppen bei Suphanburi im Westen Ayutthayas zu sammeln. Dort sollten sie sich auf die Begegnung mit dem Feind vorbereiten. In der Zwischenzeit drangen König Tabinshwehti und seine birmanischen Truppen immer tiefer ins Land ein. Die befestigte Stadt Kanchanaburi war von den Siamesen kampflos verlassen worden, weitere Eroberungen waren die Ortschaften Ban Thuan, Kaphan Tru und Chorakhe Sam Phan.

Da er vom geringen Widerstand überrascht war, beschloss der König von Burma seine Armee in drei Teile aufzuteilen, um das Land schneller erobern zu können. Die drei Teile wurden vom künftigen König Bayinnaung, dem Vizekönig von Prome und dem Gouverneur von Pathein angeführt.

Die Stadt Uthong war ihr nächstes Ziel und fiel nach kurzem Kampf, ebenso wie die Dörfer Don Rakhang und Nong Sarai. Nun waren die birmanischen Truppen kurz vor Suphanburi, wo die siamesischen Truppen verbissenen und entschlossenen Widerstand leisteten. Doch sie waren weit in der Unterzahl und mussten sich letzten Endes Richtung der Hauptstadt Ayutthaya zurückziehen. Der König von Burma verfolgte sie und schlug sein Lager im Norden Ayuttayas, in den Lumpli Ebenen auf. Der Entscheidungskampf stand bevor.

Trotz der Unterzahl beschloss der König von Siam die Schlacht zu riskieren. Er sammelte seine Truppen und ritt dem Feind entgegen, begleitet von seinen Söhnen. Was er nicht wusste – auch Sri Suriyothai und ihre Tochter Boromdilok ritten – in Männerkleidung verkleidet – auf einem eigenen Kriegselefanten in den Kampf. Die birmanische Armee war jene unter der Führung des Vizekönigs von Prome und wie üblich ritten der Vizekönig und der König von Siam jeweils an der Spitze ihrer Armeen, um sich beim Aufeinandertreffen in einem Duell zu messen.

Gemälde der Schlacht
Gemälde der Schlacht, Suriyothai schiebt sich zwischen Angreifer und ihren Mann

Die beiden Männer fochten einige Zeit, als plötzlich der Kriegselefant König Maha Chakkraphats von Panik ergriffen wurde. Der Elefant drehte sich und lief unkontrolliert auf dem Schlachtfeld umher. Der König geriet dadurch zum leichten Ziel.

Königin Suriyothai beobachtete das Unglück ihres Gemahls und ritt auf ihrem Elefanten zur Hilfe. Sie schob sich zwischen den König und seinen Verfolgern und rettete ihm so das Leben. Doch sie wurde selbst von einem Speer tödlich verwundet, der ihr Schulter und Brust aufrissen. Die Königin verstarb kurz darauf an ihren tödlichen Wunden. Dem König gelang es seine Truppen zu sammeln und sich geordnet nach Ayutthaya zurückzuziehen. Er würde später ebenfalls im Kampf um die Rückeroberung Siams fallen.

Das Vermächtnis der heldenhaften Königin

Königin Suriyothai hatte durch ihre heldenhafte Tat jedoch bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie gilt im Königreich Thailand noch heute als Inbegriff von Mut, Entschlossenheit und Selbstaufopferung und steht exemplarisch für Südostasien, wo Frauen wie Trieu Au oder die Trung Schwestern Vietnams für ihren Heldenmut in den Befreiungskämpfen gegen China verehrt werden.

Südostasien besitzt eine Tradition starker Kriegerfrauen, die an der Seite ihrer Männer kämpften oder sie nach ihrem Tod zu rächen suchen. Auch der tendenziell als „frauenfeindlich“ gehandelte Konfuzianismus stand hier offenbar nicht im Weg.

Bevor er verstarb, ließ ihr Mann zu Ehren Sri Suriyothais eine buddhistische Stupa (ein buddhistisches Monument zu ihrer Erinnerung) bauen. Heute befindet sich in der Nähe der alten Hauptstadt Ayutthaya eine Gedenkstätte mit einer großen Statue der tapferen Königin. Sie ist dort zu sehen, wie sie auf dem Elefanten in die Schlacht reitet. Ihre Geschichte und ihr Beispiel inspirierten Generationen nach ihr und werden dies ohne Zweifel auch in Zukunft tun.

Königin Alia von Jordanien

QueenaliaKönigin Alia al-Hussein von Jordanien war die dritte Frau von König Hussein von Jordanien und erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Sie stammte aus einer palästinenischen Familie, wurde jedoch in Ägypten (Kairo) am 25. Dezember 1948 geboren. Ihr Vater arbeitete dort zu jener Zeit als jordanischer Diplomat.

Durch die Arbeit des Vaters lernte Alia schon als Kind früh die Welt kennen: sie lebte in Ägypten, Großbritannien, Türkei, Italien und den Vereinigten Staaten. Am Hunter College in New York schloß sie ihr Studium in Politikwissenschaften und Public Relations ab. Als junge Frau liebte Alia den Sport und war begeisterte Skiläuferin. Später wollte sie ihrem Vater in den diplomatischen Dienst nachfolgen. Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan mit ihr.

Im Jahr 1971 kehrte sie nach Jordanien zurück, um eine Stelle bei der Royal Jordanian Airlines anzutreten. Sie arbeitete dort im Marketing an Strategien, um den Tourismus in Jordanien zu beleben. Später verantwortete sie auch die Durchführung der internationalen Wasserski-Meisterschaften in Aqaba 1972. Hier sollte sich erneut das Organisationstalent der jungen Frau zeigen.

Es war dort, als sie zum ersten Mal persönlich auf König Hussein traf. Der König war begeistert von der jungen Frau. Drei Monate später, am 24. Dezember 1972 heiratete das Paar in einer privaten Zeremonie, wodurch sie formell zu Königin Alia al-Hussein von Jordanien wurde. Sie sollte später das Vorbild einer modernen jordanischen Königin werden.

Mit ihrem Mann hatte Alia zwei Kinder, Prinzessin Haya und Prinz Ali. Ein drittes Kind, ein 5-jähriges palästinensisches Waisenkind, adoptierte das Paar. Die Königin ließ ein eigenes Büro für sich einrichten, von dem aus sie ihren Mann bei seinen Aufgaben unterstützte. Und sie leitete eigene Initiativen und setzte sich für diverse Programme ein. Jede Königin Jordaniens hat diese Aufgaben seitdem übernommen.

1977: König Hussein und Königin Alia treffen US-Präsident Gerald Ford mit Frau Betty
1977: König Hussein und Königin Alia (links) treffen US-Präsidenten Gerald Ford mit Frau Betty

Die meisten ihrer Initiativen betrafen Frauen und Kinder. Sie setzte sich für Bildung für alle Bevölkerungsschichten ein. Auch unterstützte sie Programme zur Kunstförderung an Schulen und gründete Organisationen, welche die Geschichte, Kultur und Traditionen Jordaniens erhalten und jüngeren Generationen vermitteln.

Sie leistete auch einen großen Beitrag zum Recht für Frauen, sich für das jordanische Parlament aufstellen lassen zu können. Dies war bis 1974 nicht möglich gewesen. All dieser Einsatz brachte ihr im Volk den Beinamen „Mutter der Armen“ ein.

Bedauerlicherweise endete ihr Leben viel zu kurz. Königin Alia verstarb an den Folgen eines Helikopterabsturzes in Amman am 9. Februar 1977. Der Flughafen in der Hauptstadt Amman wurde daraufhin in „Queen Alia International Airport“ umbenannt. Es existiert heute noch eine lange Liste an gemeinnützigen Organisationen unter ihrem Namen, die sich für Bildung, Kunst und humanitäre Zwecke einsetzen und ein Zeugnis der großen Leidenschaft und dem Pflichtbewußtseins Königin Alias von Jordaniens sind.

Sultan Mehmed V. des Osmanischen Reichs

Sultan_Mehmed_V_of_the_Ottoman_EmpireMehmed V. Reshad war der 35. Sultan und Kalif des Osmanischen Reichs und wurde am 2. November 1844 im Topkapi-Palast in Konstantinopel geboren. Seine Eltern waren Sultan Abdulmecid I. und dessen albanische Frau Gülcemal Kadin Efendi. Sein Bruder war Sultan Abdul Hamid II, der zeitlebens Angst vor möglichen Ambitionen seines Bruders hatte und ihn daher ganze 45 Jahre seines Lebens unter strengem Hausarrest hielt.

Mehmed Reshad verbrachte diese Zeit im „goldenen Käfig“ mit dem Studium traditioneller persischer Poesie und wurde zu einem hervorragenden Poeten und Experten für persische Literatur.

Sultan Abdul Hamid II.
Sultan Abdul Hamid II.

Sein Leben der Abgeschiedenheit und des Literaturstudiums endeten 1909 abrupt, als sein Bruder Abdul Hamid II. von den „Jungtürken“ nach ihrer Machtübernahme zur Abdankung gezwungen wurde.

Am 27. April 1909 bestieg schließlich Mehmed Reshad den Thron als Mehmed V., Großsultan und Padishah des Osmanischen Reiches und Kalif des Islams. Die Jungtürken hatten seiner Ernennung zugestimmt, weil sie gehört hatten, dass Mehmed V. in seiner Abgeschiedenheit etwas wunderlich geworden sei. Er wäre, so hofften sie, leicht für sie zu kontrollieren.

So zeigte sich auch recht bald, dass die Jungtürken in Wahrheit die Macht ausübten und die Entscheidungen trafen. Einer ihrer Pläne war die Wiederbelebung des „Kranken Mannes Europas“ (Spitzename des Osmanischen Reichs) durch Infrastrukturmaßnahmen und einer Modernisierung des Militärs. Doch dafür brauchte es einen europäischen Partner.

Allianz mit dem Deutschen Reich

Mit dem russischen Imperium standen die Zeichen auf Krieg, ebenso mit den Briten im Süden und Westen des Reiches. Die Beziehungen zu Frankreich waren eher belastet und so blieb dem Osmanischen Reich im Grunde nur das aufstrebende Deutsche Reich als ernstzunehmender Partner.

Mehmed V. hatte bei dieser Entscheidung jedoch wenig Mitspracherecht, er übernahm in der Hauptsache zeremonielle Aufgaben. Diese Aufgabe erfüllte er sehr gut und galt als liebenswürdiger und vornehmer Mensch. Doch seine Befehle verfasste das Komittee für Einheit und Fortschritt. (İttihat ve Terakki Cemiyeti)

Einflussreich: Kriegsminister Enver Pasha
Kriegsminister Enver Pasha

Eine besonders einflussreiche Figur war dabei der Jungtürke Enver Pasha. Er war der Architekt der neuen Allianz zwischen dem Osmanischen und dem Deutschen Reich. Er trug sogar seinen Bart mit den Enden nach oben, wie es seinerzeit in Europa Mode war.

1911 überzeugte das Komitee Mehmed V. die osmanischen Ländereien im südlichen Balkan zu besuchen, um die schwierigen Beziehungen zu verbessern. Doch zu jener Zeit war der Nationalismus der Balkanvölker bereits entbrannt und in den beiden Balkankriegen 1912-1913 würden fast alle jene Territorien für die Osmanen verloren gehen.

1912 verlor man mit Tripoli die letzte nordafrikanische Besitzung an das Königreich Italien. Diese Rückschläge stärkten die Argumentation all jener, die eine schnellere Modernisierung und eine noch engere Bindung an das Deutsche Reich wünschten. Mit deren Wissen würde es möglich sein, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern und Briten und Russen in Schach zu halten, so hoffte man.

Grenzen Osmanisches Reich 1913
Grenzen Osmanisches Reich 1913 vor Kriegsausbruch

Am 02. August 1914 unterzeichneten das Osmanische und das Deutsche Reich einen Geheimvertrag (verfasst von Enver Pasha) und am 02. November 1914 befand sich der Mittlere Osten im Kriegszustand. Zur Überraschung vieler Beobachter kämpften die Osmanischen Truppen verbissen und brachten den Briten einige Niederlagen bei. Doch es war bereits nach kurzer Zeit absehbar, dass die Zeichen der Zeit gegen das Osmanische Reich standen.

Wie involviert Sultan Mehmed V in diese politischen Fragen war, lässt sich schwer sagen. Nominell besaß er große Macht, praktisch war diese äußerst begrenzt. Wie die meisten Monarchen in Europa, war auch Mehmed V. nicht vom Krieg begeistert. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er sein Reich aus dem Konflikt herausgehalten. Doch es ging nicht nach ihm, für ihn bestimmten andere.

Aufruf zum Jihad des Kalifen

Sultan Mehmed V.
Sultan Mehmed V.

Und diese anderen, die Jungtürken, entdeckten den Wert des Sultans für ihre Kriegsführung. Als Kalif des Islam war Mehmed V. eine muslimische Autorität und die britischen Monarchen hatten mehr muslimische Untertanen als irgendein anderer Monarch auf Erden.

Wenn es gelänge die Massen aus islamischer Solidarität zu einem Aufstand gegen die Briten zu veranlassen, dann könnte man die Briten aus der Region vertreiben.

So erklärte Sultan Mehmed V. als Kalif des Islam am 11. November 1914 formell den Jihad, einen Heiligen Krieg gegen die Alliierten. Es würde das letzte Mal sein, dass ein Jihad legal von jemandem erklärt würde, der auch die Autorität dazu besaß.

Zum Bedauern der türkischen Führung war das Echo des Aufrufs gering. Einige muslimische Soldaten der Britisch-Indischen-Armee in Singapore meuterten, doch allgemein wurde der Sultan weitgehend ignoriert. Und wo sich kleinere Gruppen Freiwilliger fanden, wurden diese von den alliierten Kräften meist schnell zerschlagen.

Das Deutsche Reich war sehr enttäuscht darüber und hatte sich mehr von den Muslimen in den französischen und britischen Kolonien Asiens und Afrikas erhofft. Später kam es sogar noch andersrum, als bei einer arabischen Revolution 1916 Araber gemeinsame Sache mit den Briten gegen ihre osmanischen Herrscher machten.

Während des Krieges wurde die Politik des Osmanischen Reichs von den Jungtürken Enver Pasha, Talat Pasha und Kemal Pasha dominiert. Sultan Mehmed V. blieben meist nur die, wie beschrieben, zeremoniellen Pflichten.

Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel
Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel

Wie beispielsweise den Empfang zu Ehren des Besuchs von Kaiser Wilhelm II in Konstantinopel am 15. Oktober 1917 auszurichten. Der Kaiser ernannte Sultan Mehmed V. ehrenhalber zum preußischen Feldmarschall und der Sultan erwiderte diese Ehre.

Zu jener Zeit lief der Krieg für die Osmanen bereits schlecht, die Verluste an Menschen und Material waren immens. Doch Sultan Mehmed V. würde das desaströse Ende nicht mehr erleben. Er starb am 3. Juli 1918 in Konstantinopel im Alter von 73 Jahren. Er wurde von seinem Bruder Mehmed VI. als Sultan beerbt, doch 6 Monate später war der Krieg beendet und Konstantinopel unter alliierter Okkupation. Die Pläne zur Aufteilung des Osmanischen Reiches in französische und britische Mandatsgebiete hatten begonnen.

Zar Alexander III. von Russland

Alexander_IIIZar Alexander III. von Russland war ein großer Mann. Sowohl in seiner Körpergröße, als auch charakterlich. In vielerlei Hinsicht war er das Sinnbild eines guten russischen Zaren. Seine massive, bärtige Erscheinung strahlte Stärke und Macht aus, aber unter dem beeindruckenden Äußeren befand sich ein bodenständiger Mann, ein gutherziger Familienmensch und ein Liebhaber der Musik.

In der heutigen Geschichtsschreibung ist es modern, ihn als Monarchen zu porträtieren, unter dem es keinen „Fortschritt“ gegeben habe. Das ist sehr unwahr. Alexander III. war vielmehr exakt der Zar, den Russland zu jener Zeit benötigte. Er hatte die schrecklichen Folgen abrupter sozialer Veränderungen gesehen und stieg im richtigen Moment vorsichtig auf die Bremse, um die Stabilität in Russland zu erhalten und eine geordnete Entwicklung in die Moderne zu erlauben.

In mehrerer Hinsicht war er reaktionärer als sein Vater, aber er unternahm auch Initiativen, wie sie noch kein Romanow-Zar vor ihm unternommen hatte. Er war ein Mann mit Charakter und Prinzipien und besaß eine wahre Verbundenheit mit seinem Land und dessen Menschen.

Kindheit und frühe Jahre

Der spätere Zar aller Russen wurde als Alexander Alexandrowitsch Romanov am 26. Februar 1845 in St. Petersburg geboren. Seine Eltern waren Alexander II. und Maria von Hesse-Darmstadt. Er war nicht der älteste Sohn und anfänglich gab es wenig Aussicht für ihn, einmal den Thron zu besteigen. Ganz traditionell erhielt er daher eine militärische Ausbildung, in der Annahme, er würde später Karriere in der Armee machen.

Alexander-Maria
Zar Alexander III. mit Ehefrau Maria

Doch im Jahr 1865 verstarb überraschend sein älterer Bruder Nikolai. Der junge Alexander wurde zum russischen Kronprinzen. Im folgenden Jahr heiratete er Prinzessin Dagmar von Dänemark, die zur Orthodoxie konvertierte und sich fortan Maria Fjodorowna nannte. Eigentlich war sie seinem Bruder Nikolai versprochen. Noch auf dem Sterbebett trotzte er Alexander das Versprechen ab, dass er sie an seiner statt heiraten würde.

Maria Fjodorowna war eine kleine zierliche Frau, die in starkem Kontrast zu ihrem 1,92 m großen Ehemann stand. Beide hätten sich nicht unähnlicher sein können. Sie war hübsch und grazil, er war breit und hochragend, sie war höflich und charmant, er war reserviert und manchmal schroff und hasste den Snobismus und die Oberflächlichkeit der Salongespräche.

Und dennoch hatten die beiden die glücklichste Ehe. Hatte sein Vater die eine oder andere außereheliche Liebschaft, so war dies bei Alexander III. ganz anders. Vermutlich wäre er schon vor dem Gedanken zurückgeschreckt. Das royale Ehepaar war einander ergeben und diese enge Bindung sollte bis zum Ende ihrer Tage bestehen bleiben.

Noch bevor er den Thron bestieg, sammelte Alexander wertvolle Erfahrung in administrativen und militärischen Aufgaben. Er nahm an Sitzungen des Ministerrates teil und diente im Russisch-Osmanischen Krieg 1877-1878. So erhielt er tiefe Einblicke in die Funktionsweisen des russischen Staats and die Verpflichtungen eines Monarchen. Zu jener Zeit wurde auch sein ältester Sohn geboren, der spätere letzte Zar Nikolai II.

Bombenattentat auf den Zaren

Am 01. März 1881 kam es schließlich zu einem Bombenattentat auf seinen Vater, Zar Alexander II., durch Angehörige der linksradikalen Organisation „Volkswille“. Der beliebte Zar verstarb in Folge des Anschlags. Plötzlich war Alexander gefordert – und Russland würde seinen Zaren Alexander III erhalten.

Schon einen Monat nach dem Anschlag veröffentlichte er ein Manifest, das er mit Hilfe des bekannten Monarchisten Konstantin Pobedonostsew verfasst hatte. In diesem Manifest betonte er unter dem Eindruck des Anschlags auf seinen Vater, dass er alles dafür geben werde, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Russland sei eine Monarchie, errichtet auf den Grundsätzen der orthodoxen Kirche. Dies werde er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Keine Angriffe darauf würden unbeantwortet bleiben.

1883: Der Zar zerstreut Gerüchte im Gespräch mit Dorfältesten
1883: Der Zar zerstreut Gerüchte im Gespräch mit Dorfältesten

In der Folge erhöhte Alexander III. die Macht von lokalen Behörden, um entschieden gegen Umstürzler vorzugehen. Er ließ revolutionäre Schriften konfiszieren und stärkte die „Ochrana“ (Охрана), die Geheimpolizei des Zaren. All dies ist wahr. Aber jene, die dem Zaren diese Dinge vorwerfen, vergessen in der Regel sich die andere Seite der Medaille anzusehen. Alexander III. sah seinen Vater zahlreiche liberale Reformen umsetzen – und wurde dafür in Stücke gebombt.

Wäre sein Vater von konservativen oder reaktionären Elementen getötet worden, könnte man Alexander III. Angst unterstellen. Aber nein, er wurde von Revolutionären getötet, für die der Zar seine Änderungen nicht schnell genug durchgeführt hatte.

Dies war für Alexander III. die zentrale Lehre aus der Regierungszeit seines Vaters. Er begriff das fehlerhafte Paradigma liberaler Revolutionäre und ihrer radikalen Verbündeten. In ihrem Wahn ein Paradies auf Erden zu errichten (das sie nie erreichen können) werden sie in ihren zwecklosen Anstrengungen immer radikalere Änderungen fordern, um das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Gibt man einer ihrer Forderungen nach, werden sie nach mehr verlangen. Und noch mehr. Und noch mehr. Denn ihr endgültiges Ziel kann niemals erreicht werden. Alexander III. verstand dies und entschied sich früh dafür, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Mehr noch, er beschloss diesen Leuten entschieden entgegen zu treten.

Innenpolitische Weiterentwicklungen

Dies bedeutete nicht, dass der junge Zar allen Veränderungen gegenüber verschlossen gewesen wäre. Er brach z.B. mit der konservativen Fraktion, als er 1889 ein neues lokales Amt einführte, das eine faire Auslegung des geltenden Rechts gegenüber der Landbevölkerung zu prüfen hate. Was Alexander III. bedingungslos bekämpfte, war die Revolution und Subversion – wie es jeder gute russische Zar tat. Für ihn galt der alte Grundsatz Nikolai I. „Orthodoxie, Autokratie, Nationalität“ (russ. Правосла́вие, самодержа́вие, наро́дность).

Dafür wurde er insbesondere posthum viel kritisiert. Insbesondere lastet man ihm eine Diskriminierung von Katholiken und Juden vor. Dabei tolerierte Alexander III. sehr wohl religiöse Minderheiten. Aber er machte klar, dass es das Russische Imperium war und nicht-orthodoxe Religionen keine Bekehrungen durchzuführen haben. Diese Doktrin war seinerzeit in fast jedem anderen Land üblich. Ob katholisch, protestantisch, muslimisch, buddhistisch usw. Die Kritik daran kam erst später auf, nämlich als man im Westen aufhörte seine Religion Ernst zu nehmen und auf einmal Russland für das eigene alte Verhalten kritisierte.

Auch in säkularen Fragen warf man Alexander III. gern Dinge wie „Reformstau“ und „Rückständigkeit“ vor. Was wiederrum unwahr ist. Denn er war nie gegen Veränderungen. Er war nur gegen Veränderungen, welche die „Seele Russlands“ bedrohten. Als Teil einer Reihe von Reformen zur Verbesserung der Wirtschaft schaffte er beispielsweise die „Seelensteuer“ Peter des Großen im Jahr 1887 ab. Er verringerte auch die Steuerlast der Landbevölkerung und führte Gesetze zum Schutz vor Kinderarbeit ein. Kinder unter 12 Jahren zu beschäftigen war demnach verboten, Kinder unter 15 Jahren durften nur eine festgelegte Zahl von Stunden arbeiten.

In den sich entwickelnden Fabriken Russlands existierte zwar kein Streikrecht, aber der Zar führte das Amt des Inspektors ein, der Fabriken im Land auf Einhaltung der Arbeitsbedingungen zu prüfen hat. Wie immer wurden nicht alle Regeln sofort umgesetzt oder eingehalten und die Bürokratie kann nicht jedes Problem lösen. Aber es zeigte auch, dass der Zar sich Gedanken um sein Land und seine Probleme machte und diese lösen wollte.

Er schützte ferner die eigene Industrie durch Zölle vor billigen ausländischen Wettbewerbern, baute Eisenbahnlinien und aus der negativen Handelsbilanz seines Vaters wurde unter seiner Regierungszeit ein Handelsbilanzüberschuss. Russland modernisierte sich nicht so schnell, wie sich dies manche wünschten, aber es modernisierte sich ohne Zweifel.

Der „sanfte Riese“ im Privatleben

Im Privatleben war der strenge, bestimmte Alexander das, was man einen „sanften Riesen“ nennt. Während er bei öffentlichen Anlässen oft eher reserviert auftrat, war er im Kreis seiner Familie ein lustiger und zu Scherzen aufgelegter Familienmensch. Statt großer Bankette zog es vor, mit der Dienerschaft ihr einfaches, bodenständiges Essen in der Küche zu teilen und Gäste mit seiner großen körperlichen Stärke zu unterhalten. Beispielsweise indem er Schürhaken bizarr verformte oder seine Frau in einer Hand und seine Schwägerin in der anderen Hand bis auf Schulterhöhe anhob.

Alexander liebte die Natur. Für ihn gab es nichts Schöneres, als ein Stück Brot und Wurst in einen Sack zu werfen und in die wilde russische Natur loszuziehen. Am heitersten war Alexander mit kleinen Kindern. Oft ging er mit ihnen zum Eislaufen. Nicht ohne aber vorher das Eis auf seine Tragfähigkeit zu testen. Dabei ging er auf das gefrorene Wasser hinaus, winkte seinen kleinen Zusehern zu und begann so fest er konnte auf das Eis einzutreten. Normalerweise brach er dann durch das Wasser ein und der Zar und die Kinder würden in großes Gelächter ausbrechen – was das Ziel seiner Bemühungen war.

Von allen seinen sechs Kindern war ihm Erzherzog Michail sein Liebstes. Traurigerweise war von seinem Erben Nikolai (der spätere Zar Nikolai II.) immer etwas enttäuscht. Er befürchtete, dass Nikolai die Stärke und der Willen zum Regieren fehlte. Doch statt Nikolai deshalb noch stärker auf den Thron vorzubereiten, zog er es vor, ihn nicht mit Staatsangelegenheiten zu belasten. Dies führte dazu, dass der spätere Nikolai II. recht unerfahren war, als er den Zaren-Thron bestieg.

Neue Bündnispolitik von Alexander III.

In der Außenpolitik übernahm Alexander III. eine sehr aktive Rolle. Dazu war er auch gezwungen, denn zu Beginn seiner Regentschaft stand Russland aufgrund der Balkankrise diplomatisch isoliert dar. Im Juni 1881 unterzeichnete er den Dreikaiserbund, der das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland für drei Jahre zu Neutralität verpflichtete, sollte ein Mitglied in Kriege verwickelt werden. Und es schrieb den Status Quo im Balkan fest. 1884 erneuerte der Zar den Bund, obwohl er das Deutsche Reich nicht ausstehen konnte. Doch 1887 verweigerte er eine erneute Zustimmung. Dies hatte mit stark gegensätzlichen Interessen zwischen Russland und Österreich-Ungarn im Balkan zu tun. Und der Zar wusste, dass Deutschland im Zweifelsfall zu Österreich-Ungarn halten würde.

Das Deutsche Reich wollte sich nicht zwischen beiden Verbündeten entscheiden müssen. Doch als der pro-österreichische Ferdinand aus dem Hause Coburg-Gotha für den Thron des wiedererstandenen Bulgarien erwählt wurde, war der Zar verärgert und verlangte, dass sich das Deutsche Reich für eine Seite entscheiden müsse: Österreich-Ungarn oder Russland.

Wenig überraschend entschied sich das Deutsche Reich für Österreich-Ungarn. Es wurden Bemühungen angestellt, einige Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland aufrecht zu erhalten, doch am Ende gab Kaiser Wilhelm II. auch dieses Vorhaben entnervt auf. Russland war auf der internationalen Bühne wieder alleine, ohne Bündnispartner.

Das Resultat waren Verhandlungen und schließlich die Unterzeichnung eines der schockierendsten Bündnisse aller Zeiten. 1894 wurde Russland formell ein Verbündeter der Französischen Dritten Republik. Einige hatten schon lange dafür plädiert, war Frankreich doch mit großen Investitionen in Russland beteiligt. Doch mit dem neuen Bündnis erklärte sich Russland bereit, Frankreich beizustehen, sollten sie vom Deutschen Reich angegriffen werden. Das Gleiche galt natürlich umgekehrt auch für Russland.

Heutige Historiker weisen viel zu wenig darauf hin, was für ein verblüffendes Bündnis dies war. Die autokratische, tiefreligiösee absolute Monarchie Russlands tat sich mit Frankreich, der liberalsten, antiklerikalsten und revolutionärsten Republik Europas zusammen. Und beide schworen sich im Kriegsfall die Treue.

Sieht man auf die damaligen Spannung Russlands mit Großbritannien, so war Frankreich tatsächlich die einzig verbliebene Bündnisoption. Dennoch war es eine schockierende Wende des Schicksals. Frankreich war damals eine derart fanatische republikanische Gesellschaft, dass sogar das liberale Königreich Italien es als eine Bedrohung und Quelle subversiven Verhaltens einstufte. In Russland war es bis dato verboten, die französische Nationalhymne „La Marseillaise“ zu singen, feierte das revolutionäre Liedgut doch die gewaltsame Rebellion.

Ob dieses Bündnis letztendlich zum Vorteil Russlands war, ist bis heute Gegenstand hitziger Debatten. Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs würde das Bündnis seine Wirkung entfachen. Und während Russland davon profitierte, dass Deutschland an zwei Fronten kämpfen musste, so reichte es nicht das Russische Imperium zu schützen. Mehr noch, die Französische Republik war alles andere als betrübt, dass russische Imperium 1917 fallen zu sehen.

Doch all dies war noch viele Jahre in der Zukunft. Während der Herrschaft Zar Alexander III. gab es keinerlei Anzeichen von Verfall. Trotz einiger Rückschläge, die sich der Kontrolle des Zaren entzogen (z.B. eine schreckliche Missernte mit Hungersnot) war die Regentschaft des Zaren eine erfolgreiche. Auf dem Balkan war der Einfluss zwar nicht vergrößert worden, doch in Ost- und Zentralasien war Russland weiter auf dem Vormarsch. Dies war der Grund für die schlechten Beziehungen mit Großbritannien.

Mit der Ausbreitung der russischen Grenzen bis nach Afghanistan begannen sich die Briten ernsthafte Sorgen um ihr indisches Imperium zu machen. 1885 brachen Feindseligkeiten zwischen Russen und Afghanen aus und viele sorgten sich, dass nun auch Großbritannien in den Konflikt hineinstossen werde. Doch glücklicherweise wurde eine diplomatische Lösung gefunden. Alexander III. wollte zwar den russischen Einfluss vergrößern, doch er war kein Kriegstreiber und er wusste, dass sich Russland auf die Verbesserung der eigenen Wirtschaft und Lebensbedingungen konzentrieren musste, statt sich in ungewisse militärische Abenteuer zu verstricken.

Ein Vertrag mit China sicherte Russland einen Fuß in der Tür Turkestans und die Konstruktion der Trans-Sibirischen Eisenbahn begann. Letztere würde sich für die weitere Entwicklung des Imperium als ungeheuer wichtig erweisen.

Der verunglückte Zarenzug nahe Borki
Der verunglückte Zarenzug

Im Jahr 1888 kam es nahe der Stadt Borki zu einem ungeklärten Eisenbahnunglück. Der Zug der Zarenfamilie entgleiste und stürzte in Teilen einen Abhang hinunter. Bis Hilfe eintraf, stemmte der Zar alleine das einstürzende Dach des Speisewagens und rettete damit das Leben seiner Frau und Kinder. Es war der beeindruckendste Beweis seiner Stärke. Alle konnten gerettet werden. Doch danach war der Zar nicht mehr der gleiche, er litt anschließend zunehmend unter schrecklichen Rückenschmerzen und kränkelte öfter.

Ärzte stellten bei ihm Nierenprobleme (Nephritis) fest, doch zum Zeitpunkt der Diagnose war es für eine Heilung bereits zu spät. Er starb am 20. Oktober 1894 im Liwadija-Palast auf der Krim, umgeben von seiner hingebungsvollen Ehefrau und den Kindern, als der Patriarch, der er war.

Zar Alexander III. war kein perfekter Mann und behauptete dies auch nie zu sein. Sein größter Fehler war – aus heutiger Sicht – seinen ältesten Sohn Nikolai zu unterschätzen und ihn nicht mehr auf seine Aufgabe vorzubereiten. Seine Beziehung mit Michail war wesentlich stärker.

Letztes Familienfoto 1893
Letztes Familienfoto 1893

Auf der anderen Seite schaffte er es Russland nach dem schockierenden Zarenmord zu stabilisieren und etliche Dinge zu verbessern und weiter zu entwickeln. Er war ein sehr bodenständiger Mann, aber nicht naiv oder dplump. Und er war ein Förderer der Musik. Er spielte sogar selbst Musik und oft würde er bei Festlichkeiten gemeinsam eine Runde mit den engagierten Musikern spielen. Er war ein ergebener Ehemann und ein aufrechter Mann. Streng, wenn es nötig war, aber niemals gemein oder grausam. Alles in allem war Alexander III. ein großartiger Zar.