Kaiserin Marie-Claire von Haiti

marie-claire-und-mannDie erste Kaiserin des unabhängigen Haiti wurde im Jahr 1758 als Marie-Claire Heureuse Felicite im Ort Leogane geboren. Ihre Eltern waren Bonheur Guillaume und Marie-Elisabeth Sainte-Lobelot, zwei arme aber freie schwarze Haitianer. Ihre Tante Elise Lobelot leitete einen Dominikanerorden und wurde mit der Erziehung der jungen Marie-Claire betraut. Es ist unzweifelhaft ihrer guten Erziehung zu danken, dass aus dem Kind eine gutherzige und mitfühlende Frau wurde.

Marie-Claire verbrachte eine ziemlich gewöhnliche Kindheit im Haiti jener Tage, das zu den einträglichsten französischen Kolonien zählte. Noch in jungen Jahren heiratete sie den französischen Stellmacher (Handwerker der Räder, Wagen und landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellt) Pierre Lunic. Über diese Ehe ist praktisch nichts bekannt. 1795 verstarb ihr erster Ehemann und ließ Marie-Claire als Witwe zurück.

Revolution auf Haiti

Dies war eine bedeutsame und traumatische Zeit für Haiti. In jenen Tagen erhoben sich die Sklaven zur Revolte gegen die Franzosen. Die traditionelle Geschichte erzählt von einem Voodoo Priester, der seine Landsleute im Sommer 1791 zur Rebellion aufruft. Viele französische Plantagen gehen daraufhin in Flammen auf und die Rebellion breitet sich mit ungeheurer Geschwindigkeit auf der Insel aus. Die Franzosen wehren sich verbissen und versuchen ihre Kolonie zu retten, die Haitianer kämpfen mit nicht weniger Eifer gegen die Herrschaft des weißen Mannes.

Marie-Claire pflegt einen Kranken
Marie-Claire pflegt einen Kranken

Es war zu jener Zeit im Jahr 1800 als Marie-Claire ihren zweiten Mann bei der zermübernden Belagerung der Stadt Jacmel traf. Sie kümmerte sich dort um die Armen, Hungernden und Leidenden der Stadt und arrangierte ein Treffen mit einem der belagernden Kommandaten, Jacques Dessalines. Sie wollte ihn überzeugen, einen humanitären Korridor zu öffnen, so dass sie den einfachen Einwohnern Hilfe zukommen lassen könne.

Dessalines stimmte dem Vorhaben zu und Marie-Claire leitete eine Gruppe Freiwilliger in die umkämpfte Stadt. Sie verteilte Nahrung, Kleidung und Medizin unter den Bedürftigen. Ohne Zeit mit Formalitäten zu verschwenden, bereitete sie das Essen einfach auf der Straße zu und gab es den verwundeten und hungernden Massen. Die Menschen waren dankbar und Marie-Claire wurde zu einer Berühmheit, zu einem Engel der Barmherzigkeit, den man niemals vergessen werde.

Kommandant Dessalines vergaß die Frau auch nicht. Am 21. Oktober 1801 heirateten die beiden. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie viel Wahlfreiheit sie bei dieser Entscheidung hatte. Das Ehepaar hätte unterschiedlicher nicht sein können. Sie war elegant, freundlich, warm, mitfühlend und geduldig. Ihr Ehemann hingegen großspurig und schwülstig mit einem Hang zur Gewalt. Zudem war er als Schürzenjäger verschrien.

Dennoch machte Marie-Claire daraus niemals einen Skandal und umsorgte sogar liebevoll die zahlreichen Kinder, die ihr Ehemann mit anderen Frauen gezeugt hatte.

Befehl zur Vernichtung der weißen Bevölkerung

Im Frühjahr 1804 befahl Jacques Dessalines (der anders als seine Frau einst ein Sklave war) die Vernichtung der gesamten weißen Bevölkerung Haitis. Ursprünglich sollten nur alle weißen Männer über einem gewissen Alter hingerichtet werden, doch später wurde dies auf Frauen und Kinder ausgeweitet. Lediglich einige Frauen, die einen schwarzen Ehemann hatten, wurden verschont. Dessalines vertrat die Ansicht, dass dies zur Sicherheit des Landes erforderlich sei. Sonst würden die Franzosen zurückkehren und die weiße Herrschaft wiederherstellen, fürchtete er.

Kaiserin Marie-Claire war verbittert über diese Entscheidung und machte daraus auch keinen Hehl. Sie hatte bereits bewiesen, dass ihr Mitgefühl unabhängig von Hautfarben war und sie sich für alle Leidenden einsetzt. Seit ihrer Kindheit war sie im Grunde eine Krankenschwester und Lehrerin und sie war im Geist des Mitgefühls für jeden Leidenden erzogen worden. Egal welcher Rasse er angehörte, welches Alter er hat oder ob er Mann bzw. Frau sei.

Kaiser Jacques I. von Haiti
Kaiser Jacques I. von Haiti

Als die Massaker an der weißen Bevölkerung begannen, flehte sie ihren Mann auf Knien an, davon abzulassen, was Dessalines aber nur zu einem weiteren seiner Wutausbrüche veranlasste. Auch wenn er nicht nachgeben würde – sie würde tun was sie konnte, um Leben zu retten. Sie versteckte sogar einen unglückseligen Franzosen zeitweise unter ihrem Bett, bevor er außer Landes geschmuggelt werden konnte.

Nach Ende der Massaker wurde Jacques Dessalines am 8. Oktober 1804 in der Kirche Champ-de-Mars schließlich zu Kaiser Jacques I. von Haiti gekrönt. Seine Frau Marie-Claire wurde zur Kaiserin. Begleitet von den Hoffnungen, dass dies der Beginn einer glorreichen Ära für das unabhängige Haiti sein würde.

Zunächst wurden die Plantagen wieder in Betrieb genommen, waren sie doch die einzige Einnahmequelle der Insel. Diesmal allerdings ohne Sklaven und mit angestellten Arbeitern. Diese merkten allerdings bald, dass sich an den Arbeitsbedingungen nicht viel verändert hatte. Dazu kamen erbitterte Streitigkeiten in der Führungsebene der neuen Regierung.

Bald schon wurde ein Komplott geschmiedet und nach nur zwei Jahren auf dem Thron erschoss man Jacques I. bei einem Staatsstreich im Jahr 1806. Kaiserin Marie-Claire, die stets nur das Beste für alle um sie herum wollte, wurde verjagt und geriet in Vergessenheit. Sie lebte in Armut und bekam wenig ihrer geschenkten Güte zurück.

Ihr Leben nach dem Staatsstreich

Doch sie behielt ihre Prinzipien und Werte bei. König Henri I. von Haiti, einer der Anführer im Staatsstreich gegen ihren Mann, bot ihr an, an seinen Hof zu kommen und dort zu leben. Doch Marie-Claire lehnte ab. Erst 1843 bot ihr die Regierung eine bescheidene Pension an. Nicht für ihre Dienste als Kaiserin, sondern als Entschädigung für die Güter Jacques I., die damals entschädigungslos konfisziert wurden.

Kaiser Faustin I.
Kaiser Faustin I.

Jahre später kam der vom Präsidenten zum Kaiser gewandelte Faustin I. an der Macht. Er war ein Bewunderer der Stärke und Entschlossenheit von Kaiser Jacques I. und wollte seine Erinnerung ehren. Das umschloss auch die Ehrung seiner Ehefrau. Er bot Marie-Claire eine große Summe Geld, die ihre Lebenssituation erheblich verbessert hätte. Marie-Claire hatte jedoch keine so guten Erinnerungen an ihren zweiten Ehemann. Sie empfand es unmoralisch, Geld allein aufgrund ihrer Beziehung zu jemanden zu erhalten, dessen Wirken sie verabscheut hatte. Sie lehnte das Geld daher dankend ab und lebte stattdessen den Rest ihres Lebens mit ihrer Enkeltochter in ärmlichen Verhältnissen, ehe sie am 8. August 1858 im Alter von 99 oder gar 100 Jahren verstarb.

Viele Jahre später wurden Kaiser Jacques I. und Kaiserin Marie-Claire „wiederentdeckt“. Besonders in der Pop-Kultur wurden und werden sie vielfach als ein idealisiertes Paar dargestellt. Etwas, wogegen sich Marie-Claire zu ihren Lebzeiten sicherlich verwahrt hätte.

Als erster Kaiser ist Jacques I. heute in Haiti als Nationalheld und Gründervater gefeiert. Seiner weniger angenehmen Seiten und Befehlen erinnert man sich selten. Kaiserin Marie-Claire wird hingegen völlig zurecht für ihre bewundernswerten Qualitäten verehrt. Sie verdient den Respekt und Würdigung ihrer Person für ihre Gutherzigkeit, ihr Mitgefühl und ihre Barmherzigkeit mit all jenen in Not, mit all jenen die aus irgendeinem Grund litten.

Vermächtnis der Marie-Claire Heureuse Félicité

Heute existiert in Haiti eine Stiftung mit dem Namen Marie-Claire Heureuse Félicité Bonheur Dessalines, auch bekannt als die Fondasyon Félicité (FF). Sie wurde 1999 von der Historikerin Dr. Bayyinah Bello gegründet und setzt sich für humanitäre und soziale Verbesserungen auf der Insel ein.

Nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010 fand sich die gemeinnützige Organisation „Freunde der Stiftung Félicité“ zusammen, die sich für den Wiederaufbau Haitis einsetzen.

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