Die kurze Geschichte des Königreichs Finnland

finnland-flaggeDie kurze Geschichte des kurzlebigen, in weiten Teilen nur nominell bestehenden, Königreich Finnland geht bis auf das Jahr 1809 zurück. In jenen Jahren der Napoleonischen Kriege wurde das Großfürstentum, dessen Großherzog bisher der König von Schweden war, durch Russland annektiert.

Für das folgende Jahrhundert war Finnland eine autonome Region des Russischen Reichs und zunächst waren die Beziehungen zwischen Finnen und Russen auch gut und für beide Seiten von Gewinn. Die Finnen bewiesen ihre Loyalität dem Zaren gegenüber und erhielten dafür ein hohes Maß an nationaler Selbständigkeit. Finland besaß plötzlich eine eigene Regierung und es kam zu so etwas wie einer nationalen Wiederbelebung.

Die Beziehungen litten in den Folgejahren, als man in Russland Zugeständnisse der Finnen und eine Angleichung an den Rest des Russischen Reichs verlangte. Was in Finnland für Unmut sorgte. Doch der Unmut war nie so groß und die Jahre der ungeliebten Schwedenherrschaft noch in Erinnerung. Finnland blieb bis zum Sturz von Zar Nikolai II. ein Teil des Russischen Reichs.

Finnische Weißgardisten
Finnische Weißgardisten

Viele in Finnland fühlten, dass Finnland ohne Zaren nun auf sich alleine gestellt sei und seinen eigenen Weg gehen müsse. Doch die provisorische Regierung Kerenskys sah Finnland weiterhin als Teil von Russland an und sandte die Armee aus, um Finnland zu besetzen. Als es in Russland schließlich zum Bürgerkrieg zwischen Bolschewiken und Weißgardisten kam, erklärte Finnland seine Unabhängigkeit. Doch der Konflikt sollte in Kürze auch Finnland erreichen.

Anfänglich besaßen die Sozialdemokraten die meisten Sitze im finnischen Parlament, doch dann trat eine zunehmende Radikalisierung ein. Es gab die sozialistische Fraktion, die sich der entstehenden Sowjetunion anschließen wollte und die Nicht-Sozialisten, die eine vollständige Unabhängigkeit Finnlands wünschten. Rote und weiße Finnen kämpften in ihrem eigenen Land und teilweise auch Seite an Seite mit ihren russischen Gegenparts. Finnland drohte an die sozialistische Diktatur in Russland zu fallen.

In ihrer Suche nach Hilfe wandten sich die Finnen an das kaiserliche Deutschland. 1917 und 1918 waren ereignisreiche Jahre im Baltikum. Die Deutschen hatten immer noch große Militärverbände in der Gegend und halfen den weißen Finnen im Kampf gegen die Sozialisten. Die roten Finnen litten auch unter dem Rückzug der Sowjets, die sich auf den Kampf im russischen Kerngebiet konzentrierten.

Das Deutsche Reich sah die Gelegenheit zur Unterstützung eines unabhängigen Finnland, es vor dem sozialistischen Republikanertum zu schützen und um seinen Einfluss in der Region zu festigen. Finnland würde als eine Art Pufferstaat zwischen den Sowjets und dem kriegsmüden Deutschen Reich dienen. Auf gleiche Weise verfuhr man übrigens auch im Baltikum mit der Etablierung von unabhängigen Monarchien (Königreich Litauen und das Vereinigte Baltische Herzogtum).

Naturgemäß hatte Deutschland seit dieser Hilfe im Kampf um Unabhängigkeit eine exzellente Beziehung mit dem neuen Finnland. Später, in den Tagen des 2. Weltkriegs, würden viele Finnen sagen, dass Deutschland „der einzige verbliebene Alliierte von uns ist“. Trotz der schwierigen Lage gegen Ende des 1. Weltkriegs wurden Finnen von der Deutschen Armee ausgebildet, mit Waffen und Ausrüstung ausgestattet und sogar mit Truppen unterstützt. Ohne diese Unterstützung wäre Finnland womöglich einfach ein weiterer Staat der UdSSR geworden.

Prinz Friedrich Karl von Hesse-Kassel
Prinz Friedrich Karl von Hesse-Kassel

Mit Blick auf die deutsche Hilfe kam es nicht unerwartet, dass Finnland eine Monarchie werden würde und womöglich gar ein deutscher Adeliger den Thron besteigen würde. Der bevorzugte Kandidat war Prinz Friedrich Karl von Hesse-Kassel. Er war mit Prinzessin Margarete von Preußen verheiratet, der Schwester von Kaiser Wilhelm II.

Ein finnischer Abgeordneter des Parlaments schlug vor, der neue potenzielle Monarche solle als „König Kaarle I. von Finnland und Karelien, Herzog von Aland, Großherzog von Lappland, Fürst von Kaleva und dem Norden“ regieren. Nachdem die Sozialisten besiegt waren, wurde der hessische Prinz am 9. Oktober 1918 auch formell zum König von Finnland gewählt.

Republikanische Schwarzmaler versuchen dieses Ereignis natürlich als eine Art Übernahme Finnlands durch Deutschland darzustellen. Statt der Unabhängigkeit wäre Finnland doch nur ein deutsches Protektorat geworden. Doch das ist nicht wahr. Die Wahl des hessischen Prinzen Frederik Kaarle war sogar eine sehr kluge Wahl für ein neues Land. Da der König Deutsche wär, hätten die Deutschen genug Vertrauen zu den Finnen sich selbst zu regieren, ohne Angst haben zu müssen, dass die Finnen zu ihren Feinden werden könnten. Hätte sich Finnland für einen feindlich gesinnten Anführer entschieden, so hätte das Land sofort ihren besten Verbündeten verloren und die Dinge wäre an der Kriegsfront sicherlich andes verlaufen. Finnland wäre womöglich besetzt und annektiert worden.

Doch Deutschland war auf diese Weise mit einem unabhängigen, sich selbst regierenden Finnland sehr zufrieden. Man wusste, dass der Monarch über Familienbande mit dem Kaiser verbunden war und als ein Resultat konnte Finnland auf deutsche Hilfe hoffen, sollte es zu Streitigkeiten mit Nachbarländern wie Russland oder Schweden kommen. Dies war auch sehr realistisch. Denn Finnland wusste, ähnlich wie die baltischen Staaten, dass sie in einer gefährlichen Lage zwischen Deutschland und Russland befanden. Sie würden sich niemals gegen beide durchsetzen können und mussten sich daher für eine Seite entscheiden. Insbesondere als die Bolschewiken die Macht in Russland übernahmen und anfingen Menschen zu massakrieren und Minderheiten zu unterdrücken, war die Wahl nicht schwer.

Carl Gustaf Mannerheim - designierter Regent des Königreich Finnlands
Carl Gustaf Mannerheim – designierter Regent des Königreich Finnlands

Als Regent für das neue Königreich Finnland wurde niemand geringeres als der berühmte finnische Offizier Carl Gustaf Mannerheim ausgewählt, der später noch im Winterkrieg gegen die Sowjets von sich Reden machen sollte. Mannerheim wart nicht begeistert über die Wahl von Prinz Friedrich Karl – aus Angst vor der Reaktion der Alliierten.

Bedauerlicherweise hatte er recht und mit der Niederlage des Deutschen Reichs war auch die Monarchie in Finnland verdammt, bevor der König überhaupt offiziell den Thron besteigen konnte. Die Alliierten machten sofort klar, dass sie keinen hessischen Prinzen als König von Finnland akzeptieren würden und der finnische Premierminister Lauri Ingman (ein Monarchist) wurde mit der Aufgabe betraut, Prinz Friedrich Karl den Thronverzicht zu erklären. Würde er dies nicht tun, so würden die Alliierten die Unabhängigkeit Finnlands nicht anerkennen.

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Die finnische Krone

Am 14.11.1918 gab Prinz Friedrich Karl eine formelle Erklärung ab, in der er auf den finnischen Thron verzichtete. Noch bevor er überhaupt den Thron bestiegen hatte. In den darauf folgenden parlamentarischen Wahlen in Finnland gewannen die Republikaner die Mehrheit der Sitze. Eine neue Verfassung wurde erarbeitet und eingeführt, natürlich eine republikanische Verfassung und seit jenen Tagen ist Finnland eine Republik.

Kaiser Minh Mang von Vietnam

vu-chua-phuc-dung-2Der zweite Kaiser der Nguyen Dynastie Vietnams wurde als Prinz Nguyen Phuc Dam am 25. Mai 1792 in Gia Dinh geboren. Er war der vierte Sohn des künftigen Kaisers Gia Long und seiner Gemahlin Thuan Thien. Er sollte ursprünglich nicht den Thron besteigen, doch sein Bruder Prinz Canh verstarb ein Jahr bevor die Nguyen Dynastie Vietnam 1802 wiedervereinte.

Der Kronprinz war in jungen Jahren nach Frankreich gesandt worden, wo er eine westliche Bildung erhielt. Er interessierte sich auch sehr für das Christentum, wurde aber niemals getauft. Diese Ausbildung der Kronprinzen war Teil der angedachten Allianz zwischen Frankreich und Nguyen Dynastie, die allerdings aufgrund der Französischen Revolution niemals richtig in Kraft trat.

Ein französischer Missionar half seinem Vater, Kaiser Gia Long, einmal und rettete ihm dabei das Leben. Woraufhin der Kaiser versprach, er werde das Christentum immer respektieren und die Freundschaft dieses Mannes, des Bischofs von Adran, nie vergessen.

Als der Bischof jedoch verstarb, wurde Kaiser Gia Long mit den Jahren immer misstrauischer gegenüber französischen Versuchen, Gelder für Dienste einzutreiben, die sie niemals geleistet hatten. Mit Blick in die Zukunft sah er zwei Lager, zwischen denen sich Vietnam entscheiden müsse: Der Westen mit seinen Innovationen oder China mit seiner langen Tradition. Er traf seine Wahl mit der Ernennung seines Sohnes Prinz Nguyen Phuc Dam als klaren Vertreter des traditionellen, pro-chinesischen Standpunkts.

Thronbesteigung als Kaiser Minh Mang

vua_Minh_Mang_004aEinige Jahre später verstarb der Kaiser und sein Sohn wurde zu Kaiser Minh Mang von Dai Nam (der „große Süden“). Er war gerade einmal 29 Jahre alt, aber bereits sehr gebildet im traditionellen Konfuzianismus und hatte feste Ansichten und Meinungen. Man konnte darauf setzen, dass er sich für die traditionell engen Bindungen mit China einsetzen werde, westlichen Einfluss begrenzen und die konfuzianischen Werte der vietnamesischen Monarchie betonen werde.

Missionare berichteten bald davon, dass sich Kaiser Minh Mang positiv über die Japaner geäußert habe, welche das Christentum gewaltsam aus ihrem Land vertrieben und sich gegenüber der Außenwelt abschottet hatte. Die Sache war natürlich nicht so einfach, aber es gibt Zeugnis von der Mentalität Kaiser Minh Mangs. Er war gelehrt, konservativ und sehr argwöhnisch gegenüber allen ausländischen Einflüssen. Doch er war nicht dagegen neue Dinge zu erlernen, insbesondere westliche Technologie und Ideen weckten sein Interesse. Doch deren Einfluss musste streng reglementiert und nur wenigen Gelehrten zugänglich gemacht werden, die damit umzugehen wüssten. Ansonsten könnten diese große Schaden anrichten, wie er meinte.

Auf seine ausländischen Besucher wirkte er sehr hoheitsvoll. Einer Schilderung, der sich fast alle Besucher anschlossen. Sie beschrieben ihn auch als einen ruhigen und unglaublich höflichen Mann mit fast femininen Zügen in seinen Manieren. Und doch war er ein starker Herrscher. Er arbeitete ohne Unterlass und kein Detail war zu unwichtig, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Während seiner Regierungszeit würde Vietnam so etwas wie ein goldenes Zeitalter erleben, mit einer hochentwickelten Gesellschaft basierend auf dem konfuzianischen Moralkodex und einem Reich, dass Vietnam und große Teile von Laos und Kambodscha umfasste.

Der Kaiser lehnte alle Handelsbeziehungen mit Frankreich ab, sandte die ersten amerikanischen Vertreter in seinem Land ohne Audienz wieder zurück und erlaubte niemandem Geschäfte mit seinem Reich zu tätigen, wenn dieser sich nicht vietnamesischen Gesetzen und Bräuchen unterwerfen würde. Die Menschen aus Europa und Amerika, die er als Barbaren bezeichnete, sollten gemieden werden.

Auch wenn gewöhnlich seine antichristliche Einstellung beachtet wird, so war es auch gegenüber anderen ostasiatischen Religionen wie z.B. Buddhismus oder Taoismus wenig nachsichtig. Er glaubte an den Konfuzianismus und dessen Ziel der Harmonie wie es bereits seine Vorfahren taten. Religiöse Pluralität war mit diesem Modell nicht in Einklang zu bringen und wurde von ihm als Schwäche ausgelegt.

Minh_MangAuch tendierten einige dieser anderen Religionen zum Egalitarismus, indem sie keine Hierachieunterschiede zwischen den Menschen anerkannten oder sogar die Autorität des Kaisers in Frage stellen. Das Christentum, jene Religion aus dem Ausland, behauptete gar, dass auch der Kaiser als Sohn des Himmels ein Sünder sei, der nur durch Christus zum ewigen Leben gelange.

Als im Land eine Revolte gegen die Dynastie losbrach, war Minh Mang davon überzeugt, dass die Katholiken und ihre „perverse europäische Religion“ dahinter stecken müsse.

Der Kaiser lag mit seinem Argwohn nicht immer verkehrt, aber so eine Haltung kann in einer Art sich selbst erfüllender Prophezeihung enden. Der bekannte Soldat und Gelehrte Le Van Duyet hatte öffentlich Entscheidungen des Kaisers hinterfragt. Und daran erinnert, dass sein Vater einst versprochen hatte, das Christentum in seinem Reich zu respektieren. Sein adoptierter Sohn Le Van Khoi war ausgerechnet der Anführer der Revolte. Und so kombinierte der Kaiser, dass die Katholiken dahinter stecken und man diese aus dem Land zu vertreiben habe.

Ausgerüstet mit dieser Erkenntnis befahl Kaiser Minh Mang alle Ausländer und vietnamesischen katholischen Priester gefangen zu nehmen. Einige entkamen, aber nicht alle wie beispielsweise Vater Francois Isidore Gagelin, den man 1833 langsam zum Tod strangulierte.

Zur richtigen Einordnung ist jedoch zu wissen, dass dies kein riesiges Blutbad war. Über einen Zeitraum von 7 Jahren wurden ungefähr 10 Missionare exekutiert. Auch wenn die Hinrichtungen scheußlich waren, in der Hoffnung, andere Missionare damit abzuschrecken.

Ungeachtet dieser Tatsache war Kaiser Minh Mang kein grausamer oder bösartiger Mann. Er glaubte fest daran, dass er harte aber notwendige Entscheidungen zum Wohle seines Landes fällte und er hätte es vorgezogen, dies ohne Gewalt tun zu können. Die meisten Vietnamesen waren keine Christen und hatten keinen Kontakt mit der Religion und für den Kaiser war das Thema daher eher nebensächlich.

Ihn interessierte die traditionelle Kultur seines Landes. Er war ein sehr begabter Schreiber und Poet. Er hatte angeblich auch eine sehr große Anzahl an Konkubinen und soll 142 Kinder gezeugt haben. Man fragt sich, wie der Mann noch Zeit zum Regieren gefunden hat.

Er war auch sehr an Architektur interessiert und hinterließ viele Monumente, die heute zu den kulturellen Schätzen Vietnams zählen, darunter der Mieu Temple erbaut im Jahr 1821 zu Ehren der zehn Nguyen Kaiser. Die beeindruckende Grabkammer zieht heute noch viele Besucher an. Es war auch er, der die neun riesigen Urnen außerhalb des Hien Lam Pavilion und Mieu Tempels in Auftrag gab. Diese hatten eine spirituelle Bedeutung. Sein Motto als Kaiser lautete „sich in die konstante Bewegung des Himmels einfügen“. Für ihn gab es eine kosmische Ordnung und Kaiser Minh Mang wollte sein Land in Harmonie damit sehen und tat alles dafür, während er alles was dies stören könnte entfernen ließ.

viet_vua_francartViel zu häufig wird die Außenpolitik von Kaiser Minh Mang grob vereinfacht als isolationistisch und antikatholisch dargestellt. Sie war aber viel komplexer als das. Die Französische Regierung war ja selbst gespalten in pro- und anti-katholische Kirche und der Kaiser versuchte Ärger mit den Franzosen zu vermeiden, ehe er eine günstige Situation dafür erblicken würde.

Sein Verlangen, dass Besucher die Gesetze und Bräuche des Landes zu respektieren haben war nicht unvernünftig und es ist wahr, dass sich manche Missionare womöglich etwas zu stark in die Politik einbrachten, als sie vielleicht hätten tun sollen.

Gern wird auch übersehen, dass Kaiser Minh Mang sehr gut über die Geschehnisse in der Welt informiert war und seine isolationistische Position mit den Jahren variierte. Er sah die erfolgreiche Intervention der Briten in China, der traditionell dominanten Macht Ostasiens, was ihn stark beunruhigte. Er befürchtete, die Franzosen könnten das selbe in Vietnam tun.

Er sandte Botschafter nach Paris aus, die einen Vertrag mit den Franzosen aushandeln sollten, aber durch die politische Situation in Frankreich kam es nicht dazu. Frankreich und Vietnam hätten sich hier friedlich einigen können.

Bald darauf verstarb Kaiser Minh Mang am 20. Januar 1841 im Alter von 49 Jahren. Seine Regierungszeit besitzt im Rückblick mehr Licht als Schatten. Er war sehr streng über die Einhaltung der konfuzianischen Ideale aber zeigte Verständnis für seine Landsleute, indem er beispielsweise die Zwangsarbeit stark einschränkte. Er hatte alle Revolten gegen ihn besiegt, ebenso wie einen Angriff aus Siam, die die Unruhe im Nachbarland auszunutzen gehofft hatten.

Der Große Süden (Dai Nam) hatte durchgehalten, vereint und sicher unter der Herrschaft von Minh Mang. Er hatte die Harmonie, die ihm so viel bedeutete, geschützt und viele seiner Entscheidungen würden noch lange Bestand haben, insbesondere unter seinem Sohn Kaiser Thieu Tri.

Die Verfolgung der Christen ist ein schwarzer Fleck, auch wenn es niemals so schrecklich war, wie dies manche Zeitgenossen geschildert haben mögen. Allerdings schuf es für Vietnam Probleme, die mit der Zeit immer größer würden. Allein dies kann man Kaiser Minh Mang vorhalten. Die späteren Probleme Vietnams sollten aus einer Vielzahl von Einzelfaktoren entstehen – interne Unruhen, die Christenverfolgung und der Isolationismus, der Vietnam bei der technischen Entwicklung immer weiter hinter andere Länder zurückfallen ließen.

Dies alles Kaiser Minh Mang anzulasten, ging jedoch zu weit. Nach seinem konfuzianischen Verständnis hatte er ohnehin alles richtig gemacht und fast alles war ihm gelungen. Er war ein sehr traditioneller vietnamesischer Monarch und nach der konfuzianischen Lehre der Autorität, Tugend und Pietät auch ein sehr erfolgreicher.

König Charles I. von England

charles-iEs sind paradoxerweise oft die anständigen Monarchen, die bei Revolutionen ihr Leben lassen. Dies war der Fall mit Zar Nikolai II. von Russland als auch mit König Ludwig XVI. von Frankreich. Und so war es auch bei König Charles I. von Großbritannien. Ein aufrechter und nobler Mann mit Prinzipien, der auf dem Thron der drei Königreiche saß.

Geboren wurde er in Schottland am 19. November 1600 als zweiter Sohn von König James I. von England (bzw. James VI. von Schottland) und Königin Anne von Dänemark. Er war ein kränkliches und gebrechliches Kind, aber sehr intelligent und talentiert in Fremdsprachen.

Henriette Marie de Bourbon
Henriette Marie de Bourbon

Im Jahr 1612 starb sein älterer Bruder Prinz Henry und der junge Charles wurde zum Thronfolger. 1616 erfolgte die Ernennung zum Prinzen von Wales. Laut Aussagen Dritter war er sehr höflich, würdig und hoheitsvoll trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,65 m.

Mit dem Tod seines Vaters am 27. März 1625 wurde er zu Charles I., König von England, Schottland, Irland und (zumindest nominell) Frankreich. Zwei Monate später heiratete er Prinzessin Henrietta Maria von Frankreich, die tiefreligiöse Schwester von König Ludwig XIII.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber mit der Zeit würde sich das Paar immer verbundener werden. Einzig die Religion (er: Anglikaner, sie: Katholikin) trennte beide. Er sandte die begleitenden katholischen Priester der Königin zurück nach Frankreich, woraufhin sie wiederrum ablehnte, seiner protestantischen Krönungszeremonie beizuwohnen. Übrigens geht der Name des US-Bundesstaats Maryland auf sie zurück.

Fünf der ältesten Kinder
Fünf der ältesten Kinder

Mit der Zeit wurden die religiösen Unterschiede zunehmend geringer, insbesondere nachdem König Charles I. den „High Church“ Anglikanismus entdeckte, der im Gegensatz zur „Low Church“ einen stärkerer Fokus auf traditionelle und vollkommene Riten legte und Katholiken als „Weg in die richtige Richtung“ erschien. Am Ende sollte das Paar gemeinsam neun Kinder haben.

Finanzielle Nöte des Reichs

Von Beginn an seiner Regierungszeit hatte Charles I. mit finanziellen Problemen zu kämpfen. England litt unter einer Inflation, worunter die Einkommen litten – auch die des Königs. Einige Fehlinvestitionen führten schließlich dazu, dass der König kaum mehr über das nötige Geld verfügte, um seine Verpflichtungen (z.B. Landesverteidigung) zu erfüllen.

Der König musste in dieser Lage dringend an frisches Kapital kommen. Er verkaufte die Mitgift seiner Frau, lieh sich Geld von der Elite seines Landes und ließ das so genannte „ship money“ einziehen, eine Steuer in Küstenregionen für die Navy. Das Parlament, dominiert von der reichen Elite, begann mehr und mehr zu grummeln. Dies insbesondere nachdem auch noch Kriege verloren gingen. Gier und Ehrgeiz kombiniert mit religiösem Fanatismus waren dabei, sich zu einem Sturm gegen die britische Krone zusammen zu brauen.

Streit mit dem Parlament

König Charles war – anders als zeitgenössisch gern dargestellt – alles andere als ein starrer, intoleranter Mann. Er gab in vielen Streitfragen dem Parlament nach. Als sie jedoch immer mehr und mehr Forderungen stellten, platzte ihm der Kragen und er löste das Parlament auf, um die nächsten elf Jahre in Frieden weiterzuregieren.

Charles I. als junger Prinz
Charles I. als junger Prinz

Mit Schottland kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die für England nicht gut verliefen. Am Ende musste Charles I. dem Druck nachgeben und das Parlament wieder einberufen. Die neuen Mitglieder lehnten es ab, tätig zu werden, ehe nicht ihre alten Forderungen von damals erfüllt würden. Charles hielt ein „Nein“ immer für ein „Nein“ und löste das Parlament daher kurzerhand wieder auf. Doch seine Truppen in Schottland wurden besiegt, was ihn in eine prekäre Lage brachte.
Das Parlament war noch unvernünftiger als zuvor und religiös noch intoleranter. Nicht nur Katholiken, sondern auch Anglikaner und insbesondere High Church Anglikaner wurden als „unzureichend protestantisch“ angegriffen.

Obwohl dies in der heutigen Geschichtsschreibung gern ignoriert wird, war König Charles I. bereit zu Verhandlungen und gab dem Parlament in fast allen Forderungen nach, um endlich einen Frieden schließen zu können. Doch wie mit allen liberalen Revolutionären gilt – gib ihnen einen Zentimenter und sie fordern einen ganzen Meter. Charles gab allen Forderungen des Parlaments nach – bis auf zwei. Nämlich das er seine Rolle als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche niederlegen und das er die Macht über die Armee abgeben sollte. Diese beiden Forderungen zu erfüllen lehnte Charles rundherum ab. Die Radikalen blieben jedoch bei ihrer Forderung nach „Alles oder nichts“.

Der Bürgerkrieg beginnt

Nachdem sich die Lage weiter zuspitzte und die Unruhe das gesamte Reich zu ergreifen begann, gab Charles I. den Befehl aus, die Rädelsführer des Parlaments zu verhaften. Dies misslang jedoch und beide Seiten bereiteten sich schließlich auf den Krieg vor. Für gewöhnlich wird der Start des Krieges auf den 22. August 1642 datiert, als die königliche Standarte in Nottingham aufgezogen wurde. Die Chancen standen von Beginn an schlecht für die Königstreuen: die Parlamentarier (engl. auch „Roundheads“ genannt) kontrollierten den Reichtum des Landes und seine wichtigsten Standorte.

Charles I. von drei Seiten
Charles I. von drei Seiten

Doch die königlichen Truppen kämpften extrem verbissen und zäh. König Charles I. bewies, obwohl kein militärisches Genie, dass er ein guter und kompetenter Heerführer war und ein tiefes Verständnis von Taktik hatte.

Seine strategischen Urteile wurden oftmals kritisiert, doch dies war ein Resultat aus seiner Natur und seinem Charakter. Charles wollte keinen „totalen Krieg“. Er hasste die Vorstellung seine eigenen Leute zu erschlagen and war überzeugt, dass die meisten der Gegenseite einfach von bösartigen Menschen verführt worden war. Man werde sie überzeugen können, sich wieder zu Besinnen und dem König anzuschliessen. Das war der entscheidene Unterschied: Die Gegenseite unter dem späteren Militärdiktator Oliver Cromwell hatte keinerlei Skrupel jeden umzubringen, den man der Gegnerschaft vermutete – man frage mal die Iren.
Obwohl es zeitweise nach einem Sieg Charles I. aussah, begann sich der Kriegsverlauf ab 1643 zu wenden. Der König suchte Unterstützung bei den Schotten, die wiederrum übergaben ihn den Roundheads (Parlamentstruppen). Charles entfloh der Gefangenschaft, wurde aber wieder eingefangen. Die Schotten waren nun ihrerseits nicht mehr gut auf die Roundheads zu sprechen und begannen den König zu unterstützen, wurden am Ende aber geschlagen.
Hinrichtung Charles i.
Hinrichtung Charles i.

Edinburgh wurde besetzt, Charles war gefangen genommen und man zerrte ihn vor ein „Parlament“ (kein House of Lords) um ihn wegen Verrats anzuklagen. Mit großer Würde und Haltung lehnte er es ab, die Authorität des Gerichts anzuerkennen, das ohnehin nur eine Farce war.

Niemand durfte für den König sprechen und wer der Sympathie mit dem Monarchen verdächtig wurde, durfte sich nicht einmal setzen. Der König sprach während der „Verhandlung“ wenig. Nach der Verkündigung des erwarteten Todesurteils sprach er ein letztes finales Statement.

Am 30. Januar 1649 wurde König Charles I. in Whitehall Palace geköpft – und Großbritannien würde nie mehr das selbe Land sein. Der edelmütige Monarch wurde heimlich und leise in Windsor Castle verscharrt und der puritanische Militärkommandant Oliver Cromwell wurde Diktator von Großbritannien und Irland. Es sollte die einzige Periode der britischen Geschichte ohne einen Monarchen auf dem Thron sein.

Militärdiktator Oliver Cromwell
Militärdiktator Oliver Cromwell

Cromwell regierte das Land mit tyrannischen Methoden und gab damit einen ersten Vorgeschmack auf die republikanischen Militärdiktaturen späterer Jahrhunderte. Insbesondere seine grauenvolle Verfolgung der Iren ist bis heute in Erinnerung geblieben. Die britischen Inseln waren ein finsterer Ort in jenen Tagen, ehe der Tod Cromwells es König Charles II. erlaubte, den Thron seines Vaters zu besteigen.

Die Kirche von England erkannte König Charles I. später als einen heiligen Märtyrer des Anglikanismus an. Damit ist er der einzige Heilige und Monarch der Anglikanischen Kirche. Doch der Sieg der Parlamentstruppen konnte nicht mehr zurückgedreht werden. Auch wenn die Monarchie am Ende wiederhergestellt wurde, die Spannungen zwischen Krone und Parlament blieben bestehen und sind auch heute noch in vielen Zeremonien des britischen Parlaments sichtbar.
Auch wenn noch einige Zeit verstreichen würde, aber mit der Niederlage des heldenhaften Charles I. begab sich Großbritannien auf den Weg in ein System, das vom Parlament dominiert wurde. Was der Stuart König wohl heute von seinem Land halten würde?

Kaiserin Marie-Claire von Haiti

marie-claire-und-mannDie erste Kaiserin des unabhängigen Haiti wurde im Jahr 1758 als Marie-Claire Heureuse Felicite im Ort Leogane geboren. Ihre Eltern waren Bonheur Guillaume und Marie-Elisabeth Sainte-Lobelot, zwei arme aber freie schwarze Haitianer. Ihre Tante Elise Lobelot leitete einen Dominikanerorden und wurde mit der Erziehung der jungen Marie-Claire betraut. Es ist unzweifelhaft ihrer guten Erziehung zu danken, dass aus dem Kind eine gutherzige und mitfühlende Frau wurde.

Marie-Claire verbrachte eine ziemlich gewöhnliche Kindheit im Haiti jener Tage, das zu den einträglichsten französischen Kolonien zählte. Noch in jungen Jahren heiratete sie den französischen Stellmacher (Handwerker der Räder, Wagen und landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellt) Pierre Lunic. Über diese Ehe ist praktisch nichts bekannt. 1795 verstarb ihr erster Ehemann und ließ Marie-Claire als Witwe zurück.

Revolution auf Haiti

Dies war eine bedeutsame und traumatische Zeit für Haiti. In jenen Tagen erhoben sich die Sklaven zur Revolte gegen die Franzosen. Die traditionelle Geschichte erzählt von einem Voodoo Priester, der seine Landsleute im Sommer 1791 zur Rebellion aufruft. Viele französische Plantagen gehen daraufhin in Flammen auf und die Rebellion breitet sich mit ungeheurer Geschwindigkeit auf der Insel aus. Die Franzosen wehren sich verbissen und versuchen ihre Kolonie zu retten, die Haitianer kämpfen mit nicht weniger Eifer gegen die Herrschaft des weißen Mannes.

Marie-Claire pflegt einen Kranken
Marie-Claire pflegt einen Kranken

Es war zu jener Zeit im Jahr 1800 als Marie-Claire ihren zweiten Mann bei der zermübernden Belagerung der Stadt Jacmel traf. Sie kümmerte sich dort um die Armen, Hungernden und Leidenden der Stadt und arrangierte ein Treffen mit einem der belagernden Kommandaten, Jacques Dessalines. Sie wollte ihn überzeugen, einen humanitären Korridor zu öffnen, so dass sie den einfachen Einwohnern Hilfe zukommen lassen könne.

Dessalines stimmte dem Vorhaben zu und Marie-Claire leitete eine Gruppe Freiwilliger in die umkämpfte Stadt. Sie verteilte Nahrung, Kleidung und Medizin unter den Bedürftigen. Ohne Zeit mit Formalitäten zu verschwenden, bereitete sie das Essen einfach auf der Straße zu und gab es den verwundeten und hungernden Massen. Die Menschen waren dankbar und Marie-Claire wurde zu einer Berühmheit, zu einem Engel der Barmherzigkeit, den man niemals vergessen werde.

Kommandant Dessalines vergaß die Frau auch nicht. Am 21. Oktober 1801 heirateten die beiden. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie viel Wahlfreiheit sie bei dieser Entscheidung hatte. Das Ehepaar hätte unterschiedlicher nicht sein können. Sie war elegant, freundlich, warm, mitfühlend und geduldig. Ihr Ehemann hingegen großspurig und schwülstig mit einem Hang zur Gewalt. Zudem war er als Schürzenjäger verschrien.

Dennoch machte Marie-Claire daraus niemals einen Skandal und umsorgte sogar liebevoll die zahlreichen Kinder, die ihr Ehemann mit anderen Frauen gezeugt hatte.

Befehl zur Vernichtung der weißen Bevölkerung

Im Frühjahr 1804 befahl Jacques Dessalines (der anders als seine Frau einst ein Sklave war) die Vernichtung der gesamten weißen Bevölkerung Haitis. Ursprünglich sollten nur alle weißen Männer über einem gewissen Alter hingerichtet werden, doch später wurde dies auf Frauen und Kinder ausgeweitet. Lediglich einige Frauen, die einen schwarzen Ehemann hatten, wurden verschont. Dessalines vertrat die Ansicht, dass dies zur Sicherheit des Landes erforderlich sei. Sonst würden die Franzosen zurückkehren und die weiße Herrschaft wiederherstellen, fürchtete er.

Kaiserin Marie-Claire war verbittert über diese Entscheidung und machte daraus auch keinen Hehl. Sie hatte bereits bewiesen, dass ihr Mitgefühl unabhängig von Hautfarben war und sie sich für alle Leidenden einsetzt. Seit ihrer Kindheit war sie im Grunde eine Krankenschwester und Lehrerin und sie war im Geist des Mitgefühls für jeden Leidenden erzogen worden. Egal welcher Rasse er angehörte, welches Alter er hat oder ob er Mann bzw. Frau sei.

Kaiser Jacques I. von Haiti
Kaiser Jacques I. von Haiti

Als die Massaker an der weißen Bevölkerung begannen, flehte sie ihren Mann auf Knien an, davon abzulassen, was Dessalines aber nur zu einem weiteren seiner Wutausbrüche veranlasste. Auch wenn er nicht nachgeben würde – sie würde tun was sie konnte, um Leben zu retten. Sie versteckte sogar einen unglückseligen Franzosen zeitweise unter ihrem Bett, bevor er außer Landes geschmuggelt werden konnte.

Nach Ende der Massaker wurde Jacques Dessalines am 8. Oktober 1804 in der Kirche Champ-de-Mars schließlich zu Kaiser Jacques I. von Haiti gekrönt. Seine Frau Marie-Claire wurde zur Kaiserin. Begleitet von den Hoffnungen, dass dies der Beginn einer glorreichen Ära für das unabhängige Haiti sein würde.

Zunächst wurden die Plantagen wieder in Betrieb genommen, waren sie doch die einzige Einnahmequelle der Insel. Diesmal allerdings ohne Sklaven und mit angestellten Arbeitern. Diese merkten allerdings bald, dass sich an den Arbeitsbedingungen nicht viel verändert hatte. Dazu kamen erbitterte Streitigkeiten in der Führungsebene der neuen Regierung.

Bald schon wurde ein Komplott geschmiedet und nach nur zwei Jahren auf dem Thron erschoss man Jacques I. bei einem Staatsstreich im Jahr 1806. Kaiserin Marie-Claire, die stets nur das Beste für alle um sie herum wollte, wurde verjagt und geriet in Vergessenheit. Sie lebte in Armut und bekam wenig ihrer geschenkten Güte zurück.

Ihr Leben nach dem Staatsstreich

Doch sie behielt ihre Prinzipien und Werte bei. König Henri I. von Haiti, einer der Anführer im Staatsstreich gegen ihren Mann, bot ihr an, an seinen Hof zu kommen und dort zu leben. Doch Marie-Claire lehnte ab. Erst 1843 bot ihr die Regierung eine bescheidene Pension an. Nicht für ihre Dienste als Kaiserin, sondern als Entschädigung für die Güter Jacques I., die damals entschädigungslos konfisziert wurden.

Kaiser Faustin I.
Kaiser Faustin I.

Jahre später kam der vom Präsidenten zum Kaiser gewandelte Faustin I. an der Macht. Er war ein Bewunderer der Stärke und Entschlossenheit von Kaiser Jacques I. und wollte seine Erinnerung ehren. Das umschloss auch die Ehrung seiner Ehefrau. Er bot Marie-Claire eine große Summe Geld, die ihre Lebenssituation erheblich verbessert hätte. Marie-Claire hatte jedoch keine so guten Erinnerungen an ihren zweiten Ehemann. Sie empfand es unmoralisch, Geld allein aufgrund ihrer Beziehung zu jemanden zu erhalten, dessen Wirken sie verabscheut hatte. Sie lehnte das Geld daher dankend ab und lebte stattdessen den Rest ihres Lebens mit ihrer Enkeltochter in ärmlichen Verhältnissen, ehe sie am 8. August 1858 im Alter von 99 oder gar 100 Jahren verstarb.

Viele Jahre später wurden Kaiser Jacques I. und Kaiserin Marie-Claire „wiederentdeckt“. Besonders in der Pop-Kultur wurden und werden sie vielfach als ein idealisiertes Paar dargestellt. Etwas, wogegen sich Marie-Claire zu ihren Lebzeiten sicherlich verwahrt hätte.

Als erster Kaiser ist Jacques I. heute in Haiti als Nationalheld und Gründervater gefeiert. Seiner weniger angenehmen Seiten und Befehlen erinnert man sich selten. Kaiserin Marie-Claire wird hingegen völlig zurecht für ihre bewundernswerten Qualitäten verehrt. Sie verdient den Respekt und Würdigung ihrer Person für ihre Gutherzigkeit, ihr Mitgefühl und ihre Barmherzigkeit mit all jenen in Not, mit all jenen die aus irgendeinem Grund litten.

Vermächtnis der Marie-Claire Heureuse Félicité

Heute existiert in Haiti eine Stiftung mit dem Namen Marie-Claire Heureuse Félicité Bonheur Dessalines, auch bekannt als die Fondasyon Félicité (FF). Sie wurde 1999 von der Historikerin Dr. Bayyinah Bello gegründet und setzt sich für humanitäre und soziale Verbesserungen auf der Insel ein.

Nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010 fand sich die gemeinnützige Organisation „Freunde der Stiftung Félicité“ zusammen, die sich für den Wiederaufbau Haitis einsetzen.

Prinz Vlad III. der Wallachei

Vlad_Tepes_002Im Osmanischen Reich war er unter dem Namen „Vlad der Pfähler“ bekannt, im Westen wird sein Namen mit einer Fabelfigur verbunden. Sein Vater Prinz Vlad II. trat dem Orden der Drachen bei und wurde daher bekannt als Vlad Dracul (rumänisch „Drache“). Sein Sohn Vlad III. war daher der „Sohn des Drachen“ – oder Vlad Draculea. Nein, er war nicht untot. Er war auch kein bluttrinkendes Phantom. Aber er war die Inspiration für Bram Stokers weltberühmten Roman.

Geboren wurde Vlad Dracula in Transylvanien im Jahr 1431. Kurz nach seiner Geburt trat der Vater dem Orden der Drachen bei. Als der Junge selbst gerade fünf Jahre alt war, wurde auch er zum Mitglied. Dieser Orden war von Kaiser Sigismund des Heiligen Römichen Reichs ins Leben gerufen worden, um Ungarn und das Christentum vor den im Balkan vordringenden Osmanen zu schützen.

Im Jahr 1442 fiel Vlad II. Dracul Thron den internen Machtkämpfen unter dem Adel zum Opfer. Er schloss eine Allianz mit den Osmanen, um seine Macht zurück zu gewinnen. Die Osmanen verlangten von ihm, er müsse dafür seine zwei jüngsten Söhne – Radu und Dracula – als Faustpfand zu ihnen senden.

Der junge Vlad Dracula erwarb sich am Hof des Sultan einen Ruf als frech und eigensinnig, wofür er oft geschlagen wurde. Sein Bruder, Prinz Radu, war das genaue Gegenteil. Er war ergeben, konvertierte zum Islam und diente am Ende Sultan Mehmed II. als Offizier.

Mit den Jahren entwickelte der junge Dracula einen immensen Hass auf die Türken. Sein Bruder war Günstling des Sultans geworden und sogar sein Vater hatte ihren Orden verraten. Doch während dieser Zeit wurde er nicht in irgendeinem Kerker gehalten. Die Osmanen brachten ihm Türkisch, Persisch und die Kunst der Kriegsführung bei. Man gab ihm auch Koranunterricht.

János Hunyadi
János Hunyadi

Mit Hilfe des Osmanischen Reichs konnte sein Vater Vlad II. seine Macht wiederherstellen. Doch der berühmte ungarische Adelige Janos Hunyadi (genannt „Der weiße Ritter“) führte eine Armee gegen ihn an und tötete Vlad Dracul und seinen ältesten Sohn Mircea.

Nun griffen die Osmanen ihrerseits ein. Sie platzierten Vlad Dracula als Fürsten der Wallachei. Natürlich in der Hoffnung, dass er ihnen ein getreuer Vasall sein würde. Doch auch Dracula wurde bald von Hunyadi vertrieben. Er musste nach Moldawien und später nach Ungarn flüchten, wo sein großer Hass auf die Türken, aber auch seine Kenntnis ihrer Kultur und Sprache, Hunyadi dazu veranlasste, ihn als Berater aufzunehmen.

Nachdem der Sultan Mehmed II. das lang verfolgte Ziel der Eroberung Konstantinopels endlich in die Praxis umgesetzt hatte, war man in Ungarn alarmiert. Man erachtete es nur noch als eine Frage der Zeit, ehe die Osmanen über den Balkan nach Norden vorstossen würden. Hunyadi führte seine Truppen in Richtung Belgrad, wo er nach einigen Schlachten allerdings der Pest zum Opfer fiel.

Dracula stellte währenddessen die Macht seiner Familie in ihrer Heimat Wallachei wieder her. Viel mag von der Wallachei damals nicht übrig gewesen sein, nachdem sie so viele Male geplündert und von so vielen verschiedenen Armeen verwüstet worden war.

Dracula ließ neue Dörfer anlegen, regte eine stärkere Bearbeitung des Bodens an und etablierte Handelsbeziehungen mit allen umliegenden Ländern. Die Burg Poenari wurde wieder aufgebaut, Klöster und Kirchen gefördert (u.a. das Kloster Snagov) und die Macht des Landadels beschränkt. Er griff auch zu harten und brutalen Strafmaßnahmen wie dem Pfählen, nachdem die anarchischen Zustände der letzten Jahre zu hoher Kriminalität geführt hatten. Er verstand, dass nur eine wirtschaftlich gesunde Wallachei sich gegen seine zahlreichen Feinde würde wehren können. Die einfache Landbevölkerung sah in ihm einen Garanten für Ordnung und Ehrlichkeit.

Neuer militärischer Konflikt mit den Osmanen

Der Krieg war in der Wallachei niemals fern und nachdem er seine Autorität gefestigt und die wirtschaftliche Lage stabilisiert war, stellte Vlad Dracula eine Armee auf. Später schloss er sich König Matthias Corvinus von Ungarn (Sohn des Janos Hunyadi) in dessen Kampf gegen das Osmanische Reich an.

Vlad Dracula empfängt die osmanischen Gesandten
Vlad Dracula empfängt die osmanischen Gesandten

Zuvor waren im Jahr 1459 am wallachischen Hof osmanische Gesandte eingetroffen, die von Dracula ausstehende Tributzahlungen in Höhe von 10.000 Dukaten verlangten. Außerdem forderten sie eine „Knabenlese“ von 500 Jungen, die man ihnen zur Ausbildung als Janitscharen überlassen sollte. Dracula dachte gar nicht daran, darauf einzugehen, sondern ließ die gesamte Gesandschaft kurzerhand umbringen.

Inzwischen hatte auch der Sultan von Vlads Verrat und seinem Bündnis mit Ungarn erfahren. Doch er beschloss, sich unwissend zu geben. In einem Briefwechsel kündigte der Sultan an, Vlad militärische Unterstützung und einen Berater gegen die vorrückenden Ungarn zukommen zu lassen. Natürlich wusste er bereits von Vlads Seitenwechsel. Doch er wollte ihn in Sicherheit wiegen. In Wirklichkeit sandte der Sultan eine 1.000 Mann starke Kavallerieinheit mit dem Befehl aus, Vlad zu ergreifen und nach Konstantinopel zu bringen.

Vlad erfuhr von der anrückenden Einheit. Er stellte seinen Fallenstellern selbst eine Falle, an einer engen Schlucht des Giurgiu Passes. Die türkische Streitmacht wurde dabei vollständig zerstört. Danach sollen Vlad und seine Leute sich die Kleidung der Türken übergezogen und zur türkischen Festung bei Giurgiu vorgestossen sein, wo Vlad den Wächtern in türkischer Sprache befahl, die Tore zu öffnen. Durch diesen Trick gelangten sie in das Innere der Festung, die sie im anschließenden Kampf vollständig zerstören.

In der Folge führte Dracula eine brutale Kampagne entlang der Donau an. Er vernichtete den Gegner und – laut eigener Aussage – massakrierte Türken und Muslime, wo immer er sie fand. Wer den Kampf überlebte, wurde geköpft oder verbrannt. Die christliche Bevölkerung wurde verschont.

Osmanische Reaktion auf den Verrat

Der Sultan war außer sich vor Wut. Mehmed II. ließ eine Armee für eine Strafexpedition speziell gegen Dracula aufstellen. Als diese die Wallachei betraten, trauten sie ihren Augen kaum. Vor ihnen lag ein „Wald“ von auf Pfählen aufspießten osmanischen Soldaten der letzten Schlachten. Dieses schauerliche Spiel sollte ihnen zeigen, was sie erwartete. Die Vorliebe Vlad Draculas für das Pfählen seiner Gegner führte zu seinem Spitznamen „Vlad der Pfähler“ unter den Osmanen.

Gemälde des Nachtangriffs
Gemälde des Nachtangriffs

Auch der Sultan war beeindruckt. Doch die Osmanen ließen sich davon nicht abhalten und marschierten weiter. In einer Reihe verwegener Angriffe gelang es Dracula der osmanischen Armee massive Verluste beizubringen. Berühmt ist dabei sein nächtlicher Angriff auf das Lager des Sultans, das er zuvor selbst in Person (er sprach hervorragend türkisch) ausgespäht haben soll. Sein Sieg wurde auf dem gesamten Balkan gefeiert, sogar in Rom und Genua war es Tagesthema.

Dracula sollte noch weitere Siege erringen, auch gegen seinen eigenen Bruder Radu, der dem Sultan diente. Am Ende musste sich der Sultan mit seiner Armee zurückziehen – vorerst.

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Doch viele der kleinen Landadeligen der Wallachei wurden unzufrieden. Es schien höchst unwahrscheinlich, dass sich die Wallachei auf Dauer gegen das mächtige Osmanische Reich behaupten könne. Zudem hatte Dracula ihre Rechte und ihren Einfluss seit seiner Regentschaft massiv beschnitten. Man beschloss Dracula abzusetzen, sogar wenn man dafür insgeheim eine Allianz mit dem Osmanischen Reich schließen müsse.

Von allen Seiten von Gegnern umzingelt sah Dracula seinen einzigen Ausweg darin, den König von Ungarn um Hilfe zu bitten. Doch statt Unterstützung zu erhalten, ließ ihn Matthias Corvinus anklagen und ins Gefängnis stecken. Die Anklage lautete auf Verrat. Der Grund hierfür war ein gefälschter Brief, in dem Dracula angeblich einer Allianz mit dem Sultan zugestimmt habe. Das dies kaum wahr sein konnte, wusste in der Wallachei praktisch jeder – der Hass Draculas auf die Türken war legendär.

Einige wenige loyale Landadelige erhoben Einspruch beim ungarischen König und so wurde Dracula nicht hingerichtet, wie es bei Verrat üblich gewesen wäre. Doch er musste am ungarischen Hof verbleiben. Mit den Jahren vertrugen sich Dracula und Matthias Corvinus und am Ende heiratete Dracula sogar eine Kusine des Königs (Ilona Szilágyi) um das Jahr 1465 herum, die ihm zwei Söhne gebar. Aus einer ersten Ehe mit einer verstorbenen transsylvanischen Adeligen unbekannten Namens hatte er noch einen Sohn namens Mihnea.

Erst im November 1476 beschloss der ungarische hohe Rat die Wiederherstellung des Prinzen Dracula. Mit ungarischer Unterstützung ritt er in seine Heimat um seinen Thron wiederherzustellen. Doch nur zwei Monate nachdem er seine Herrschaft wieder antritt, wurde er bei einem Kampf mit den Türken in der Nähe von Bucharest getötet.

Prinz Vlad Dracula besitzt ganz offensichtlich den dunkelsten und schrecklichsten Ruf unter allen Adeligen. Zu größten Teilen aufgrund der fiktiven Geschichte eines Vampirs mit seinem Namen. Doch es ist schwer zu sagen, wie viele der reißerischen Geschichten um seine Morde, Exekutionen und Pfählungen tatsächlich wahr sind. Wie ersichtlich war er von Feinden umzingelt, sogar Feinden in der eigenen Familie, unter den ungarischen Adeligen und natürlich den Osmanen. Viele der Geschichten könnten einfach erfunden oder weit übertrieben sein, um eigene unehrenhafte Aktionen nachträglich zu rechtfertigen.

Der einzige Ort der Welt wo Prinz Dracula übrigens keine negative Konnotion besitzt, ist in Rumänien. Dort wird er herzlich als Nationalheld gefeiert. Ein harter Mann, sogar ein brutaler Mann, der in brutalen Zeiten lebte und gegen ihre Unterdrückung durch das Osmanische Reich kämpfte. Auch seine Verbindung mit dem berühmten Vampir wird oft mit Humor gesehen und Rumänen freuen sich vampirbesessene Touristen nach Transylvanien zu den originalen Schauplätzen des „echten Dracula“ zu führen.

König Richard II. von England

richard2Richard von Bordeaux (wie er oft auch genannt wird) wurde am 6. Januar 1367 geboren. Er war der Sohn des legendären „schwarzen Prinzen“, Enkel des großen König Edward III. und besaß eine beeindruckende Ahnenlinie. Die Erwartungen an ihn waren riesig, als er mit gerade einmal 10 Jahren im Jahr 1377 den englischen Thron bestieg, nachdem sein Vater und älterer Bruder verstarben.

Die klassische englische Geschichtsschreibung berichtet ab hier wenig schmeichelhaft von Richard II. und doch stellt sich die Frage, wie viel Kritik an dem jungen König gerechtfertigt ist? Insbesondere für Dinge, die außerhalb seiner Kontrolle lagen?

Auch ist der Vergleich mit seinem Vorgänger König Edward III. ungerechtfertigt. Dieser war ein außerordentlicher König, ein Koloss der englischen Geschichte. Im direkten Vergleich mit ihm konnte ein Richard II. niemals mithalten. Insbesondere da auch – so groß er war – bei Edward III. bald eine gewisse Idealisierung eintrat, die über seine (wenigen) Schwächen generös hinwegsah und seine großen Taten noch ein wenig größer erscheinen ließ. Er wurde sogar zum größten englischen Monarchen seit König Artur (der mit der Tafelrunde) erklärt. Und die Konsequenzen seiner Fehlentscheidungen lastete man einfach Richard II. an.

So errang Edward III. glorreiche Siege über die Franzosen. Aber er war in seinen letzten Jahren stark unter dem Einfluss seiner Geliebten Alice Perrers und eigennützigen Beratern, was effektiv den Kontrollverlust über sein Reich bedeutete. Die Konsequenzen daraus sollten sich bald zeigen.

König mit nur 10 Jahren

richard-koenig-von-englandDer Kinder-König Richard II. bestieg also den Thron eines Landes, das von internen Streitigkeiten und Argwohn befallen war. Als Vormund des jungen Richard II. agierte sein mächtiger Onkel, John von Gaunt, der eine prächtige Krönungszeremonie für den Jungen ausrichten ließ und die Heiligkeit der Monarchie betonte.

Damit sollte jeder verstehen, dass die Krone zu ehren sein, egal ob der Träger ein heroischer Eroberer wie Edward III. oder ein unerfahrener Jüngling war, den viele in Richard II. sahen.

Die Hoffnung John von Gaunts auf Einheit im Reich sollte sich bald als naiv erweisen und der junge Richard II. wurde direkt in den Strudel von Intrigen und Gefahren gezogen. In der Vergangenheit hatte England Kriege zwischen den einzelnen Lords stets verhindern können, indem man gemeinsam Frankreich angriff.

Doch als der König alt und schwach wurde und schließlich starb, um von einem 10-jährigen Jungen ersetzt zu werden, entbrannten die inneren Streitigkeiten erneut. Auch die Franzosen überfielen wieder englische Besitzungen und ein Klima des Misstrauens gegenüber der Aristokratie und der königlichen Führung breitete sich rapide im Reich aus.

Krönung König Richard II.
Krönung König Richard II.

Der Pomp der Krönungszeremonie war eine Reaktion darauf, es sollte den Primat der Krone festschreiben. Und König Richard II. ließ sich mit Eifer darauf ein. Bis zur Herrschaft der Stuarts würde kein englischer Monarch mehr derart an der Idee eines „göttlichen Rechts der Könige“ festhalten, wie dies Richard II. tat.

Der König war in der Obhut seiner Mutter, Joan von Kent, aufgewachsen. Doch den größten Einfluss auf ihn übte sein Kämmerer, der Earl von Oxford aus. Als Richard II. den Thron bestieg, wurde mit viel Fingerspitzengefühl ein Regierungsrat gebildet, den keiner der Fürsten dominieren sollte. Doch der Rat war im Grunde machtlos und es war John von Gaunt, der die politische Szene dominierte.

Der Bauernaufstand von 1381

An den Grenzen des Reiches kam immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. John von Gaunt war gerade in Schottland zu Friedensverhandlungen und die englische Armee auf Frankreich, Wales und Schottland aufgeteilt, als im Jahr 1381 eine Bauernrevolte losbrach. Und es war keine Armee zur Hand, die London hätte schützen können.

Der Regierungsrat bewies einmal mehr seine Unfähigkeit indem er auf die Gefahr nicht klar reagierte, während der König im verbarrikadierten Tower of London saß und zusah, wie ein Mob die Stadt brandschatzte.

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König Richard II.

Irgendwann hielt es ihn nicht mehr im Tower und der 14-jährige König Richard II. rief ein paar verbliebende Adelige zusammen und ließ die Pferde satteln. Er wollte mit dem Anführer der Rebellen sprechen. Sie ritten nach Mile End aus und fanden den Sprecher der Aufständischen, einen Waliser namens Wat Tyler. Die Konfrontation mit Tyler sollte für Richard das erste, aber nicht das letzte, dramatische Ereignis seiner Regierungszeit werden.

Wat Tyler präsentierte dem König selbstbewußt die Forderungen der Aufständischen: neben einer Generalamnestie für alle Rebellen verlangte man niedrige Steuern für Land und die vollständige Abschaffung der Leibeigenschaft in England. Das waren ziemlich radikale Forderungen.

Mit dem Segen des Regierungsrats, der allem zuzustimmen bereit war, willigte Richard II. ein. Damit war das Vorhaben der Rebellen gelungen und viele zogen nach Hause ab. Doch wie so oft verblieb ein harter Kern Rebellen, deren natürliche Neigung es war, niemals zufrieden zu sein. Wenn der Gegner allen Forderungen zustimmt, dann präsentiert man eben einfach eine neue Liste Forderungen. Dieses unversöhnliche, radikale Element verblieb als Bedrohung und zog nicht ab. Es gab keine andere Möglichkeit als ihnen mit Gewalt beizukommen.

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Richard und inmitten der Rebellen

Also wurde ein weiteres Treffen vereinbart. Nachdem er beim König zuletzt alle seine Forderungen durchgedrückt hatte, war Wat Tyler das Ebenbild der Arroganz. Er behandelte den König mit der größtmöglichen Frechheit, im Gedanken daran, dass dieser schließlich keine schützende Armee in der Nähe habe.

Vor Wut über dieses Verhalten zogen einige Begleiter des Königs ihre Waffen und töteten Tyler. Es ist bis heute umstritten, ob dies auf Befehl des Königs erfolgte. Der rebellische Mob war jedenfalls außer sich vor Wut und wollte ein Exempel statuieren. In einem ihm selten angerechneten Akt des Mutes ritt König Richard II. in ihre Mitte und überzeugte sie, ihre Waffen ruhen zu lassen.

Die Rädelsführer wurden später verhaftet, den Rest sandte man ungeschoren nach Hause. Die Rebellion war vorbei, die Krise beendet. Fast keine der beim ersten Treffen zugesagten Rebellenforderungen wurden später umgesetzt. Was den Regierungsrat anging, war dies ohnehin nur ein Treffen um Zeit zu gewinnen. Der König, jung und leicht zu beeindrucken, nahm aus den Ereignissen die Erkenntnis mit, dass Irreführung ein essentielles Werkzeug in der Politik sei und das die Leute am Ende der Krone doch immer treu sein werden.

Mit Blick auf beides lässt sich heute sagen, dass diese Erkenntnisse ihm später sehr schadeten. Es setzte sich auch in Richards Kopf die Vorstellung durch, dass er von Gott geschützt und geleitet werde.

Streit mit dem Adel über die Königsrolle

Als er in den folgenden Jahren zunehmend versuchte die Macht des Königs wiederherzustellen, bildeten sich zwei Fraktionen im Reich. Die Fraktion des Königs unterstützte seinen Machtanspruch als alleinigen Herrscher, die Fraktion des Adels wollte die Macht in die Hände der Aristokratie legen und billigte dem König in der Hauptsache zeremonielle Aufgaben zu. Anführer letzterer Gruppe war insbesondere der Earl von Arundel, während Sir Michael de la Pole als Repräsentant der Freunde des Königs galt.

König Richard II. war ein kultivierter Mensch, ein Liebhaber der Kunst und Musik. Er wollte beides als Mittel nutzen, um die Monarchie zu glorifizieren. Gab er jedoch Geld dafür aus, so bezichtigte man ihn der Verschwendung und Faulheit. Seine aristokratischen Kritiker warfen ihm diese Liebe für die schönen Künste vor, in ihren Vorstellungen sollte der König besser den Franzosen und Schotten die Schädel abschlagen.

Vielleicht angestachelt durch diese Kritik begab sich Richard II. mit einer Militärexpedition nach Schottland. Doch das Resultat war ein Desaster und bewies, dass er zwar unzweifelhaft ein tapferer Mann war, doch kein militärischer Anführer. Seine Armee stolperte einige Tage umher, fand keinen Feind vor und zog daraufhin kampflos wieder ab, was sie zum Ziel des Spotts werden ließ.

John von Gaunt
John von Gaunt

Richard II. stritt sich mehrere Male mit seinem Onkel John von Gaunt, aber es war niemals so heftig wie einige später behaupteten und sein mächtiger Onkel blieb seinem Neffen und König gegenüber stets loyal. So lange John von Gaunt im Land war, wussen die Feinde des Königs, dass sie keine Chance hatten.

Doch die Situation änderte sich, als John von Gaunt 1386 England im Versuch verließ, die Krone von Kastillien in Spanien für sich zu gewinnen. Gaunts Schiff war kaum hinter dem Horizont verschwunden, als die Fraktion um den Earl von Arundel vom König forderte, er müsse seinen Freund Sir Michael de la Pole als Kanzler entlassen.

Richard II. reagierte höchst verärgert und emotional darauf. Er sagte, er würde ihren Wünschen nicht einmal nachgeben, wenn sie ihn um die Entlassung eines einfachen Kochs bitten würden. Doch als Arundel und Thomas von Gloucester daraufhin Andeutungen machten, der König müsse möglicherweise dann ebenfalls gehen, gab Richard II. nach und ließ Pole anklagen.

Natürlich hatte er keine Intention dies das Ende sein zu lassen und bemühte sich um Unterstützung loyaler Adelige, während er die Rechtmäßigkeit der Klage gegen seinen Freund angriff. Seine Feinde wussten, dass ihre Chancen niemals mehr besser stehen würden, und bereiten den Krieg vor. 1387 sammelten Arundel, Gloucester und der Earl von Warwick ihre Truppen nördlich von London. Sie gaben sich den wohlklingenden Namen Lords Appellant (wörtl. „beschwerdeführende Fürsten“).

Die Lords Appellant werfen dem König den Fehdehandschuh hin
Die Lords Appellant werfen dem König den Fehdehandschuh hin

Ohne ausreichend eigene Streiter hatte der König keine Chance auf Gegenwehr. Er musste ihren Forderungen nachgeben und fünf Vertraute einsperren. Zwar willigte er ihren Forderungen ein, doch er führte sie nicht aus. Einer von ihnen, Robere de Vere, Earl von Oxford, entkam in den Norden und sammelte dort eine loyale Armee für den König. Sie wurde allerdings im Dezember 1387 bei der Schlacht von Radcot Bridge geschlagen.

Alle Freunde und Unterstützer des Königs waren ab sofort der Vergeltung durch die rebellischen Lords ausgesetzt. Sie führten eine Kampagne gegen die Mitglieder des königlichen Hofs durch, mit teils abenteuerlichen Anschuldigungen und brachten jeden um, der den König unterstützte oder ihm freundlich gesinnt war. Sie sollten als das erbarmungslose Parlament von 1388 (“The Merciless Parliament of 1388″) in die Geschichte eingehen.

Brodelnd vor Wut musste Richard II. abwarten. Erst im darauffolgenden Jahr wurde er 22 Jahre alt und galt dann als Erwachsener, der allein regieren könnte. Er beschloss auf Zeit zu spielen und auf die Rückkehr seines mächtigen Onkels John von Gaunt aus Spanien zu hoffen, der tatsächlich 1389 zurückkehrte. 1394 befriedete Richard II. die Situation in Irland, 1396 unterzeichnete er einen haltenden Waffenstillstand mit Frankreich. Dies beweist, dass Richard II. im Gegensatz zu dem von seinen Kritiker erhobenen Vorwurf durchaus Qualitäten als Staatsmann besaß.

weisser-hirschIm Jahr 1382 heiratete er Anna von Böhmen und nach ihrem frühen Tod Isabella von Frankreich. Während dieser ganzen Zeit baute er still und heimlich eine Armee mit Truppen aus Irland, Wales und Cheshire auf, deren Wappen ein weißer Hirsch sein würde.

1397 ging er in die Offensive. Bei einem Überraschungsangriff gelang es Arundel, Gloucester und Warwick zu verhaften. Gloucester wurde in Calais getötet, doch die anderen Anführer wurden angeklagt. Die Dinge hatten sich um 180° gedreht seit jenen Tagen, in denen sie selbst so vorgegangen waren. Arundel wurde getötet und Warwick ins Exil auf die Isle of Man verbannt, nachdem er alles zugegeben hatte. Es sah danach aus, als hätte König Richard II. einen brillianten Triumph errungen und seine Macht gefestigt.

Richards Jahre der absoluten Herrschaft

Nun hatte Richard II. die absolute Macht in England inne. Und für diese Periode seiner Herrschaft wird er gewöhnlich am stärksten kritisiert. Unter dem Eindruck der überwundenden Rebellion verteilte Richard II. das Land seiner ehemaligen Feinde unter Angehörigen und Freunden auf. Er gab Geld großzügig aus und verlangte von jedem die Unterordnung unter seine Autorität. Wer dies nicht tat, musste Strafzahlungen leisten, die immer häufiger auch für kleine „Vergehen“ eingetrieben wurden.

richardus-koenig-englandDie Dinge wurden auf die Spitze getrieben, als John von Gaunt im Frühjahr 1399 verstarb. Statt Nachsicht und Gnade zu zeigen, ließ König Richard II. dessen Sohn Henry von Bolingbroke (der spätere König Henry IV.) ins Exil senden und seinen Besitz einziehen. Henry hatte es schon früher gewagt, sich in Opposition zu Richard zu begeben.

Diese Handlung schadete letztlich Richard mehr als seinen Gegnern. Er zog sich den Hass des Hauses Lancaster zu und die Elite des Landes blickte nervös auf ihr eigenes Eigentum. Als Richard II. zur Bekämpfung einer Rebellion in Irland weilte, holte man Henry von Bolingbroke zurück nach England. Dieser meldete daraufhin Anspruch auf den Thron an. Mächtige Adelige schlugen sich sofort auf seine Seite. Doch der König und seine Getreuen waren in Irland und der einzige Verteidiger in England war des Königs unglückseliger Onkel Edmund von York. Dieser erwies sich als schwaches Hindernis und Richards Schar an Unterstützern schmolz immer stärker zusammen.

König Richard II. eilte zurück nach England und landete im nördlichen Wales, wo er treue Unterstützer vermutete. Doch viele zeigten ihm plötzlich die kalte Schulter. Er war innerhalb kürzester Zeit machtlos geworden, wurde schließlich gefangen genommen und zum Tower von London gebracht, später zu Schloß Pontefract der Lancaster im Norden Englands.

Gefangennahme Richard II.
Gefangennahme König Richards II.

Überall als Sieger gefeiert rief sich Bolingbroke zum neuen König aus und gedachte daran, die Situation des Fall von Edward II. zu wiederholen. Doch Richard II. war nicht wie Edward II. und lehnte eine Abdankung ab, als man ihn dazu aufforderte. Selbst wenn er dies getan hätte, wäre nicht Bolingbroke sein Thronfolger gewesen, sondern der noch junge Earl von March.

Nachdem einige verbliebene Unterstützer König Richards einen vergeblichen Mordanschlag auf Bolingbroke versuchten, entschied dieser, dass der lebende König Richard II. eine zu große Gefahr für ihn sei. Am 14. Februar 1400 wurde König Richard II. im Alter von nur 33 im Schloss Pontefract umgebracht.

England nach König Richards Tod

Bolingbroke übernahm die Macht, erklärte sich selbst zu König Henry IV von England, Irland und Frankreich. Doch er würde zeitlebens nicht mehr den Makel des Königsmörders loswerden. Erst mit der Herrschaft von König Henry V. würden die Lancasters mit diesem Kapitel abschliessen, als der König den Leichnam Richard II. exhumieren und offiziell in der königlichen Gruft in Westminster Abbey beisetzen ließ.

Es ist wahr, dass König Richard II. in einigen Situation sehr unklug reagierte. Seine Zeit der absoluten Macht verprellte viele seiner einstmaligen Getreuen. Doch es ist unfair nur Richard II. die Schuld an den vielen Schwierigkeiten Englands zur Zeit seiner Regentschaft (und danach) zu geben. Er war niemals gezielt auf seine Rolle vorbereitet worden und hatte kaum Zeit, um wirklich erwachsen zu werden. Mit 10 Jahren zum König ernannt, mit 22 Jahren die vollständige Macht übernommen, mit 33 Jahren ein toter König. Viele, wenn auch nicht alle, seiner negativen Eigenschaften waren das Resultat der Einflüsse seiner Umwelt und seiner (wenigen) eigenen Erfahrungen. Es herrschaft kein Zweifel, dass seine Feinde gnadenlos und nur in ihrem Eigeninteresse und nicht dem des Reiches handelten.

Seine Reputation leidet auch (unfairerweise) unter den erfolgreicheren (und älteren) Königen vor und nach ihm. Ihm die Schuld für den späteren englischen Bürgerkrieg („War of the Roses“) in die Schuhe zu schieben, entbehrt jedoch jeder Grundlage. Richard II. war kein großer Krieger, aber ein gebildeter Mann, ein großer Patron der Künste und ein Unterstützer der Religion, wie er z.B. mit seinem entschiedenen Vorgehen gegen die häretischen Lollarden bewies.

Er besaß mit Sicherheit ein überzogenes Selbstbild, aber darin unterschied er sich kaum von den späteren Monarchen der Tudor-Ära, die wiederum so oft gefeiert wurden. König Richard II. wird vermutlich auch in Zukunft auf der Liste der „schlechten Könige Englands“ verblieben, auch wenn dies bei Blick auf die Fakten ungerechtfertigt oder zumindest in großen Teilen ungerechtfertigt erscheint.