Königin Alia von Jordanien

QueenaliaKönigin Alia al-Hussein von Jordanien war die dritte Frau von König Hussein von Jordanien und erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Sie stammte aus einer palästinenischen Familie, wurde jedoch in Ägypten (Kairo) am 25. Dezember 1948 geboren. Ihr Vater arbeitete dort zu jener Zeit als jordanischer Diplomat.

Durch die Arbeit des Vaters lernte Alia schon als Kind früh die Welt kennen: sie lebte in Ägypten, Großbritannien, Türkei, Italien und den Vereinigten Staaten. Am Hunter College in New York schloß sie ihr Studium in Politikwissenschaften und Public Relations ab. Als junge Frau liebte Alia den Sport und war begeisterte Skiläuferin. Später wollte sie ihrem Vater in den diplomatischen Dienst nachfolgen. Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan mit ihr.

Im Jahr 1971 kehrte sie nach Jordanien zurück, um eine Stelle bei der Royal Jordanian Airlines anzutreten. Sie arbeitete dort im Marketing an Strategien, um den Tourismus in Jordanien zu beleben. Später verantwortete sie auch die Durchführung der internationalen Wasserski-Meisterschaften in Aqaba 1972. Hier sollte sich erneut das Organisationstalent der jungen Frau zeigen.

Es war dort, als sie zum ersten Mal persönlich auf König Hussein traf. Der König war begeistert von der jungen Frau. Drei Monate später, am 24. Dezember 1972 heiratete das Paar in einer privaten Zeremonie, wodurch sie formell zu Königin Alia al-Hussein von Jordanien wurde. Sie sollte später das Vorbild einer modernen jordanischen Königin werden.

Mit ihrem Mann hatte Alia zwei Kinder, Prinzessin Haya und Prinz Ali. Ein drittes Kind, ein 5-jähriges palästinensisches Waisenkind, adoptierte das Paar. Die Königin ließ ein eigenes Büro für sich einrichten, von dem aus sie ihren Mann bei seinen Aufgaben unterstützte. Und sie leitete eigene Initiativen und setzte sich für diverse Programme ein. Jede Königin Jordaniens hat diese Aufgaben seitdem übernommen.

1977: König Hussein und Königin Alia treffen US-Präsident Gerald Ford mit Frau Betty
1977: König Hussein und Königin Alia (links) treffen US-Präsidenten Gerald Ford mit Frau Betty

Die meisten ihrer Initiativen betrafen Frauen und Kinder. Sie setzte sich für Bildung für alle Bevölkerungsschichten ein. Auch unterstützte sie Programme zur Kunstförderung an Schulen und gründete Organisationen, welche die Geschichte, Kultur und Traditionen Jordaniens erhalten und jüngeren Generationen vermitteln.

Sie leistete auch einen großen Beitrag zum Recht für Frauen, sich für das jordanische Parlament aufstellen lassen zu können. Dies war bis 1974 nicht möglich gewesen. All dieser Einsatz brachte ihr im Volk den Beinamen „Mutter der Armen“ ein.

Bedauerlicherweise endete ihr Leben viel zu kurz. Königin Alia verstarb an den Folgen eines Helikopterabsturzes in Amman am 9. Februar 1977. Der Flughafen in der Hauptstadt Amman wurde daraufhin in „Queen Alia International Airport“ umbenannt. Es existiert heute noch eine lange Liste an gemeinnützigen Organisationen unter ihrem Namen, die sich für Bildung, Kunst und humanitäre Zwecke einsetzen und ein Zeugnis der großen Leidenschaft und dem Pflichtbewußtseins Königin Alias von Jordaniens sind.

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Sultan Mehmed V. des Osmanischen Reichs

Sultan_Mehmed_V_of_the_Ottoman_EmpireMehmed V. Reshad war der 35. Sultan und Kalif des Osmanischen Reichs und wurde am 2. November 1844 im Topkapi-Palast in Konstantinopel geboren. Seine Eltern waren Sultan Abdulmecid I. und dessen albanische Frau Gülcemal Kadin Efendi. Sein Bruder war Sultan Abdul Hamid II, der zeitlebens Angst vor möglichen Ambitionen seines Bruders hatte und ihn daher ganze 45 Jahre seines Lebens unter strengem Hausarrest hielt.

Mehmed Reshad verbrachte diese Zeit im „goldenen Käfig“ mit dem Studium traditioneller persischer Poesie und wurde zu einem hervorragenden Poeten und Experten für persische Literatur.

Sultan Abdul Hamid II.
Sultan Abdul Hamid II.

Sein Leben der Abgeschiedenheit und des Literaturstudiums endeten 1909 abrupt, als sein Bruder Abdul Hamid II. von den „Jungtürken“ nach ihrer Machtübernahme zur Abdankung gezwungen wurde.

Am 27. April 1909 bestieg schließlich Mehmed Reshad den Thron als Mehmed V., Großsultan und Padishah des Osmanischen Reiches und Kalif des Islams. Die Jungtürken hatten seiner Ernennung zugestimmt, weil sie gehört hatten, dass Mehmed V. in seiner Abgeschiedenheit etwas wunderlich geworden sei. Er wäre, so hofften sie, leicht für sie zu kontrollieren.

So zeigte sich auch recht bald, dass die Jungtürken in Wahrheit die Macht ausübten und die Entscheidungen trafen. Einer ihrer Pläne war die Wiederbelebung des „Kranken Mannes Europas“ (Spitzename des Osmanischen Reichs) durch Infrastrukturmaßnahmen und einer Modernisierung des Militärs. Doch dafür brauchte es einen europäischen Partner.

Allianz mit dem Deutschen Reich

Mit dem russischen Imperium standen die Zeichen auf Krieg, ebenso mit den Briten im Süden und Westen des Reiches. Die Beziehungen zu Frankreich waren eher belastet und so blieb dem Osmanischen Reich im Grunde nur das aufstrebende Deutsche Reich als ernstzunehmender Partner.

Mehmed V. hatte bei dieser Entscheidung jedoch wenig Mitspracherecht, er übernahm in der Hauptsache zeremonielle Aufgaben. Diese Aufgabe erfüllte er sehr gut und galt als liebenswürdiger und vornehmer Mensch. Doch seine Befehle verfasste das Komittee für Einheit und Fortschritt. (İttihat ve Terakki Cemiyeti)

Einflussreich: Kriegsminister Enver Pasha
Kriegsminister Enver Pasha

Eine besonders einflussreiche Figur war dabei der Jungtürke Enver Pasha. Er war der Architekt der neuen Allianz zwischen dem Osmanischen und dem Deutschen Reich. Er trug sogar seinen Bart mit den Enden nach oben, wie es seinerzeit in Europa Mode war.

1911 überzeugte das Komitee Mehmed V. die osmanischen Ländereien im südlichen Balkan zu besuchen, um die schwierigen Beziehungen zu verbessern. Doch zu jener Zeit war der Nationalismus der Balkanvölker bereits entbrannt und in den beiden Balkankriegen 1912-1913 würden fast alle jene Territorien für die Osmanen verloren gehen.

1912 verlor man mit Tripoli die letzte nordafrikanische Besitzung an das Königreich Italien. Diese Rückschläge stärkten die Argumentation all jener, die eine schnellere Modernisierung und eine noch engere Bindung an das Deutsche Reich wünschten. Mit deren Wissen würde es möglich sein, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern und Briten und Russen in Schach zu halten, so hoffte man.

Grenzen Osmanisches Reich 1913
Grenzen Osmanisches Reich 1913 vor Kriegsausbruch

Am 02. August 1914 unterzeichneten das Osmanische und das Deutsche Reich einen Geheimvertrag (verfasst von Enver Pasha) und am 02. November 1914 befand sich der Mittlere Osten im Kriegszustand. Zur Überraschung vieler Beobachter kämpften die Osmanischen Truppen verbissen und brachten den Briten einige Niederlagen bei. Doch es war bereits nach kurzer Zeit absehbar, dass die Zeichen der Zeit gegen das Osmanische Reich standen.

Wie involviert Sultan Mehmed V in diese politischen Fragen war, lässt sich schwer sagen. Nominell besaß er große Macht, praktisch war diese äußerst begrenzt. Wie die meisten Monarchen in Europa, war auch Mehmed V. nicht vom Krieg begeistert. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er sein Reich aus dem Konflikt herausgehalten. Doch es ging nicht nach ihm, für ihn bestimmten andere.

Aufruf zum Jihad des Kalifen

Sultan Mehmed V.
Sultan Mehmed V.

Und diese anderen, die Jungtürken, entdeckten den Wert des Sultans für ihre Kriegsführung. Als Kalif des Islam war Mehmed V. eine muslimische Autorität und die britischen Monarchen hatten mehr muslimische Untertanen als irgendein anderer Monarch auf Erden.

Wenn es gelänge die Massen aus islamischer Solidarität zu einem Aufstand gegen die Briten zu veranlassen, dann könnte man die Briten aus der Region vertreiben.

So erklärte Sultan Mehmed V. als Kalif des Islam am 11. November 1914 formell den Jihad, einen Heiligen Krieg gegen die Alliierten. Es würde das letzte Mal sein, dass ein Jihad legal von jemandem erklärt würde, der auch die Autorität dazu besaß.

Zum Bedauern der türkischen Führung war das Echo des Aufrufs gering. Einige muslimische Soldaten der Britisch-Indischen-Armee in Singapore meuterten, doch allgemein wurde der Sultan weitgehend ignoriert. Und wo sich kleinere Gruppen Freiwilliger fanden, wurden diese von den alliierten Kräften meist schnell zerschlagen.

Das Deutsche Reich war sehr enttäuscht darüber und hatte sich mehr von den Muslimen in den französischen und britischen Kolonien Asiens und Afrikas erhofft. Später kam es sogar noch andersrum, als bei einer arabischen Revolution 1916 Araber gemeinsame Sache mit den Briten gegen ihre osmanischen Herrscher machten.

Während des Krieges wurde die Politik des Osmanischen Reichs von den Jungtürken Enver Pasha, Talat Pasha und Kemal Pasha dominiert. Sultan Mehmed V. blieben meist nur die, wie beschrieben, zeremoniellen Pflichten.

Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel
Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel

Wie beispielsweise den Empfang zu Ehren des Besuchs von Kaiser Wilhelm II in Konstantinopel am 15. Oktober 1917 auszurichten. Der Kaiser ernannte Sultan Mehmed V. ehrenhalber zum preußischen Feldmarschall und der Sultan erwiderte diese Ehre.

Zu jener Zeit lief der Krieg für die Osmanen bereits schlecht, die Verluste an Menschen und Material waren immens. Doch Sultan Mehmed V. würde das desaströse Ende nicht mehr erleben. Er starb am 3. Juli 1918 in Konstantinopel im Alter von 73 Jahren. Er wurde von seinem Bruder Mehmed VI. als Sultan beerbt, doch 6 Monate später war der Krieg beendet und Konstantinopel unter alliierter Okkupation. Die Pläne zur Aufteilung des Osmanischen Reiches in französische und britische Mandatsgebiete hatten begonnen.

Zar Alexander III. von Russland

Alexander_IIIZar Alexander III. von Russland war ein großer Mann. Sowohl in seiner Körpergröße, als auch charakterlich. In vielerlei Hinsicht war er das Sinnbild eines guten russischen Zaren. Seine massive, bärtige Erscheinung strahlte Stärke und Macht aus, aber unter dem beeindruckenden Äußeren befand sich ein bodenständiger Mann, ein gutherziger Familienmensch und ein Liebhaber der Musik.

In der heutigen Geschichtsschreibung ist es modern, ihn als Monarchen zu porträtieren, unter dem es keinen „Fortschritt“ gegeben habe. Das ist sehr unwahr. Alexander III. war vielmehr exakt der Zar, den Russland zu jener Zeit benötigte. Er hatte die schrecklichen Folgen abrupter sozialer Veränderungen gesehen und stieg im richtigen Moment vorsichtig auf die Bremse, um die Stabilität in Russland zu erhalten und eine geordnete Entwicklung in die Moderne zu erlauben.

In mehrerer Hinsicht war er reaktionärer als sein Vater, aber er unternahm auch Initiativen, wie sie noch kein Romanow-Zar vor ihm unternommen hatte. Er war ein Mann mit Charakter und Prinzipien und besaß eine wahre Verbundenheit mit seinem Land und dessen Menschen.

Kindheit und frühe Jahre

Der spätere Zar aller Russen wurde als Alexander Alexandrowitsch Romanov am 26. Februar 1845 in St. Petersburg geboren. Seine Eltern waren Alexander II. und Maria von Hesse-Darmstadt. Er war nicht der älteste Sohn und anfänglich gab es wenig Aussicht für ihn, einmal den Thron zu besteigen. Ganz traditionell erhielt er daher eine militärische Ausbildung, in der Annahme, er würde später Karriere in der Armee machen.

Alexander-Maria
Zar Alexander III. mit Ehefrau Maria

Doch im Jahr 1865 verstarb überraschend sein älterer Bruder Nikolai. Der junge Alexander wurde zum russischen Kronprinzen. Im folgenden Jahr heiratete er Prinzessin Dagmar von Dänemark, die zur Orthodoxie konvertierte und sich fortan Maria Fjodorowna nannte. Eigentlich war sie seinem Bruder Nikolai versprochen. Noch auf dem Sterbebett trotzte er Alexander das Versprechen ab, dass er sie an seiner statt heiraten würde.

Maria Fjodorowna war eine kleine zierliche Frau, die in starkem Kontrast zu ihrem 1,92 m großen Ehemann stand. Beide hätten sich nicht unähnlicher sein können. Sie war hübsch und grazil, er war breit und hochragend, sie war höflich und charmant, er war reserviert und manchmal schroff und hasste den Snobismus und die Oberflächlichkeit der Salongespräche.

Und dennoch hatten die beiden die glücklichste Ehe. Hatte sein Vater die eine oder andere außereheliche Liebschaft, so war dies bei Alexander III. ganz anders. Vermutlich wäre er schon vor dem Gedanken zurückgeschreckt. Das royale Ehepaar war einander ergeben und diese enge Bindung sollte bis zum Ende ihrer Tage bestehen bleiben.

Noch bevor er den Thron bestieg, sammelte Alexander wertvolle Erfahrung in administrativen und militärischen Aufgaben. Er nahm an Sitzungen des Ministerrates teil und diente im Russisch-Osmanischen Krieg 1877-1878. So erhielt er tiefe Einblicke in die Funktionsweisen des russischen Staats and die Verpflichtungen eines Monarchen. Zu jener Zeit wurde auch sein ältester Sohn geboren, der spätere letzte Zar Nikolai II.

Bombenattentat auf den Zaren

Am 01. März 1881 kam es schließlich zu einem Bombenattentat auf seinen Vater, Zar Alexander II., durch Angehörige der linksradikalen Organisation „Volkswille“. Der beliebte Zar verstarb in Folge des Anschlags. Plötzlich war Alexander gefordert – und Russland würde seinen Zaren Alexander III erhalten.

Schon einen Monat nach dem Anschlag veröffentlichte er ein Manifest, das er mit Hilfe des bekannten Monarchisten Konstantin Pobedonostsew verfasst hatte. In diesem Manifest betonte er unter dem Eindruck des Anschlags auf seinen Vater, dass er alles dafür geben werde, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Russland sei eine Monarchie, errichtet auf den Grundsätzen der orthodoxen Kirche. Dies werde er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Keine Angriffe darauf würden unbeantwortet bleiben.

1883: Der Zar zerstreut Gerüchte im Gespräch mit Dorfältesten
1883: Der Zar zerstreut Gerüchte im Gespräch mit Dorfältesten

In der Folge erhöhte Alexander III. die Macht von lokalen Behörden, um entschieden gegen Umstürzler vorzugehen. Er ließ revolutionäre Schriften konfiszieren und stärkte die „Ochrana“ (Охрана), die Geheimpolizei des Zaren. All dies ist wahr. Aber jene, die dem Zaren diese Dinge vorwerfen, vergessen in der Regel sich die andere Seite der Medaille anzusehen. Alexander III. sah seinen Vater zahlreiche liberale Reformen umsetzen – und wurde dafür in Stücke gebombt.

Wäre sein Vater von konservativen oder reaktionären Elementen getötet worden, könnte man Alexander III. Angst unterstellen. Aber nein, er wurde von Revolutionären getötet, für die der Zar seine Änderungen nicht schnell genug durchgeführt hatte.

Dies war für Alexander III. die zentrale Lehre aus der Regierungszeit seines Vaters. Er begriff das fehlerhafte Paradigma liberaler Revolutionäre und ihrer radikalen Verbündeten. In ihrem Wahn ein Paradies auf Erden zu errichten (das sie nie erreichen können) werden sie in ihren zwecklosen Anstrengungen immer radikalere Änderungen fordern, um das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Gibt man einer ihrer Forderungen nach, werden sie nach mehr verlangen. Und noch mehr. Und noch mehr. Denn ihr endgültiges Ziel kann niemals erreicht werden. Alexander III. verstand dies und entschied sich früh dafür, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Mehr noch, er beschloss diesen Leuten entschieden entgegen zu treten.

Innenpolitische Weiterentwicklungen

Dies bedeutete nicht, dass der junge Zar allen Veränderungen gegenüber verschlossen gewesen wäre. Er brach z.B. mit der konservativen Fraktion, als er 1889 ein neues lokales Amt einführte, das eine faire Auslegung des geltenden Rechts gegenüber der Landbevölkerung zu prüfen hate. Was Alexander III. bedingungslos bekämpfte, war die Revolution und Subversion – wie es jeder gute russische Zar tat. Für ihn galt der alte Grundsatz Nikolai I. „Orthodoxie, Autokratie, Nationalität“ (russ. Правосла́вие, самодержа́вие, наро́дность).

Dafür wurde er insbesondere posthum viel kritisiert. Insbesondere lastet man ihm eine Diskriminierung von Katholiken und Juden vor. Dabei tolerierte Alexander III. sehr wohl religiöse Minderheiten. Aber er machte klar, dass es das Russische Imperium war und nicht-orthodoxe Religionen keine Bekehrungen durchzuführen haben. Diese Doktrin war seinerzeit in fast jedem anderen Land üblich. Ob katholisch, protestantisch, muslimisch, buddhistisch usw. Die Kritik daran kam erst später auf, nämlich als man im Westen aufhörte seine Religion Ernst zu nehmen und auf einmal Russland für das eigene alte Verhalten kritisierte.

Auch in säkularen Fragen warf man Alexander III. gern Dinge wie „Reformstau“ und „Rückständigkeit“ vor. Was wiederrum unwahr ist. Denn er war nie gegen Veränderungen. Er war nur gegen Veränderungen, welche die „Seele Russlands“ bedrohten. Als Teil einer Reihe von Reformen zur Verbesserung der Wirtschaft schaffte er beispielsweise die „Seelensteuer“ Peter des Großen im Jahr 1887 ab. Er verringerte auch die Steuerlast der Landbevölkerung und führte Gesetze zum Schutz vor Kinderarbeit ein. Kinder unter 12 Jahren zu beschäftigen war demnach verboten, Kinder unter 15 Jahren durften nur eine festgelegte Zahl von Stunden arbeiten.

In den sich entwickelnden Fabriken Russlands existierte zwar kein Streikrecht, aber der Zar führte das Amt des Inspektors ein, der Fabriken im Land auf Einhaltung der Arbeitsbedingungen zu prüfen hat. Wie immer wurden nicht alle Regeln sofort umgesetzt oder eingehalten und die Bürokratie kann nicht jedes Problem lösen. Aber es zeigte auch, dass der Zar sich Gedanken um sein Land und seine Probleme machte und diese lösen wollte.

Er schützte ferner die eigene Industrie durch Zölle vor billigen ausländischen Wettbewerbern, baute Eisenbahnlinien und aus der negativen Handelsbilanz seines Vaters wurde unter seiner Regierungszeit ein Handelsbilanzüberschuss. Russland modernisierte sich nicht so schnell, wie sich dies manche wünschten, aber es modernisierte sich ohne Zweifel.

Der „sanfte Riese“ im Privatleben

Im Privatleben war der strenge, bestimmte Alexander das, was man einen „sanften Riesen“ nennt. Während er bei öffentlichen Anlässen oft eher reserviert auftrat, war er im Kreis seiner Familie ein lustiger und zu Scherzen aufgelegter Familienmensch. Statt großer Bankette zog es vor, mit der Dienerschaft ihr einfaches, bodenständiges Essen in der Küche zu teilen und Gäste mit seiner großen körperlichen Stärke zu unterhalten. Beispielsweise indem er Schürhaken bizarr verformte oder seine Frau in einer Hand und seine Schwägerin in der anderen Hand bis auf Schulterhöhe anhob.

Alexander liebte die Natur. Für ihn gab es nichts Schöneres, als ein Stück Brot und Wurst in einen Sack zu werfen und in die wilde russische Natur loszuziehen. Am heitersten war Alexander mit kleinen Kindern. Oft ging er mit ihnen zum Eislaufen. Nicht ohne aber vorher das Eis auf seine Tragfähigkeit zu testen. Dabei ging er auf das gefrorene Wasser hinaus, winkte seinen kleinen Zusehern zu und begann so fest er konnte auf das Eis einzutreten. Normalerweise brach er dann durch das Wasser ein und der Zar und die Kinder würden in großes Gelächter ausbrechen – was das Ziel seiner Bemühungen war.

Von allen seinen sechs Kindern war ihm Erzherzog Michail sein Liebstes. Traurigerweise war von seinem Erben Nikolai (der spätere Zar Nikolai II.) immer etwas enttäuscht. Er befürchtete, dass Nikolai die Stärke und der Willen zum Regieren fehlte. Doch statt Nikolai deshalb noch stärker auf den Thron vorzubereiten, zog er es vor, ihn nicht mit Staatsangelegenheiten zu belasten. Dies führte dazu, dass der spätere Nikolai II. recht unerfahren war, als er den Zaren-Thron bestieg.

Neue Bündnispolitik von Alexander III.

In der Außenpolitik übernahm Alexander III. eine sehr aktive Rolle. Dazu war er auch gezwungen, denn zu Beginn seiner Regentschaft stand Russland aufgrund der Balkankrise diplomatisch isoliert dar. Im Juni 1881 unterzeichnete er den Dreikaiserbund, der das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland für drei Jahre zu Neutralität verpflichtete, sollte ein Mitglied in Kriege verwickelt werden. Und es schrieb den Status Quo im Balkan fest. 1884 erneuerte der Zar den Bund, obwohl er das Deutsche Reich nicht ausstehen konnte. Doch 1887 verweigerte er eine erneute Zustimmung. Dies hatte mit stark gegensätzlichen Interessen zwischen Russland und Österreich-Ungarn im Balkan zu tun. Und der Zar wusste, dass Deutschland im Zweifelsfall zu Österreich-Ungarn halten würde.

Das Deutsche Reich wollte sich nicht zwischen beiden Verbündeten entscheiden müssen. Doch als der pro-österreichische Ferdinand aus dem Hause Coburg-Gotha für den Thron des wiedererstandenen Bulgarien erwählt wurde, war der Zar verärgert und verlangte, dass sich das Deutsche Reich für eine Seite entscheiden müsse: Österreich-Ungarn oder Russland.

Wenig überraschend entschied sich das Deutsche Reich für Österreich-Ungarn. Es wurden Bemühungen angestellt, einige Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland aufrecht zu erhalten, doch am Ende gab Kaiser Wilhelm II. auch dieses Vorhaben entnervt auf. Russland war auf der internationalen Bühne wieder alleine, ohne Bündnispartner.

Das Resultat waren Verhandlungen und schließlich die Unterzeichnung eines der schockierendsten Bündnisse aller Zeiten. 1894 wurde Russland formell ein Verbündeter der Französischen Dritten Republik. Einige hatten schon lange dafür plädiert, war Frankreich doch mit großen Investitionen in Russland beteiligt. Doch mit dem neuen Bündnis erklärte sich Russland bereit, Frankreich beizustehen, sollten sie vom Deutschen Reich angegriffen werden. Das Gleiche galt natürlich umgekehrt auch für Russland.

Heutige Historiker weisen viel zu wenig darauf hin, was für ein verblüffendes Bündnis dies war. Die autokratische, tiefreligiösee absolute Monarchie Russlands tat sich mit Frankreich, der liberalsten, antiklerikalsten und revolutionärsten Republik Europas zusammen. Und beide schworen sich im Kriegsfall die Treue.

Sieht man auf die damaligen Spannung Russlands mit Großbritannien, so war Frankreich tatsächlich die einzig verbliebene Bündnisoption. Dennoch war es eine schockierende Wende des Schicksals. Frankreich war damals eine derart fanatische republikanische Gesellschaft, dass sogar das liberale Königreich Italien es als eine Bedrohung und Quelle subversiven Verhaltens einstufte. In Russland war es bis dato verboten, die französische Nationalhymne „La Marseillaise“ zu singen, feierte das revolutionäre Liedgut doch die gewaltsame Rebellion.

Ob dieses Bündnis letztendlich zum Vorteil Russlands war, ist bis heute Gegenstand hitziger Debatten. Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs würde das Bündnis seine Wirkung entfachen. Und während Russland davon profitierte, dass Deutschland an zwei Fronten kämpfen musste, so reichte es nicht das Russische Imperium zu schützen. Mehr noch, die Französische Republik war alles andere als betrübt, dass russische Imperium 1917 fallen zu sehen.

Doch all dies war noch viele Jahre in der Zukunft. Während der Herrschaft Zar Alexander III. gab es keinerlei Anzeichen von Verfall. Trotz einiger Rückschläge, die sich der Kontrolle des Zaren entzogen (z.B. eine schreckliche Missernte mit Hungersnot) war die Regentschaft des Zaren eine erfolgreiche. Auf dem Balkan war der Einfluss zwar nicht vergrößert worden, doch in Ost- und Zentralasien war Russland weiter auf dem Vormarsch. Dies war der Grund für die schlechten Beziehungen mit Großbritannien.

Mit der Ausbreitung der russischen Grenzen bis nach Afghanistan begannen sich die Briten ernsthafte Sorgen um ihr indisches Imperium zu machen. 1885 brachen Feindseligkeiten zwischen Russen und Afghanen aus und viele sorgten sich, dass nun auch Großbritannien in den Konflikt hineinstossen werde. Doch glücklicherweise wurde eine diplomatische Lösung gefunden. Alexander III. wollte zwar den russischen Einfluss vergrößern, doch er war kein Kriegstreiber und er wusste, dass sich Russland auf die Verbesserung der eigenen Wirtschaft und Lebensbedingungen konzentrieren musste, statt sich in ungewisse militärische Abenteuer zu verstricken.

Ein Vertrag mit China sicherte Russland einen Fuß in der Tür Turkestans und die Konstruktion der Trans-Sibirischen Eisenbahn begann. Letztere würde sich für die weitere Entwicklung des Imperium als ungeheuer wichtig erweisen.

Der verunglückte Zarenzug nahe Borki
Der verunglückte Zarenzug

Im Jahr 1888 kam es nahe der Stadt Borki zu einem ungeklärten Eisenbahnunglück. Der Zug der Zarenfamilie entgleiste und stürzte in Teilen einen Abhang hinunter. Bis Hilfe eintraf, stemmte der Zar alleine das einstürzende Dach des Speisewagens und rettete damit das Leben seiner Frau und Kinder. Es war der beeindruckendste Beweis seiner Stärke. Alle konnten gerettet werden. Doch danach war der Zar nicht mehr der gleiche, er litt anschließend zunehmend unter schrecklichen Rückenschmerzen und kränkelte öfter.

Ärzte stellten bei ihm Nierenprobleme (Nephritis) fest, doch zum Zeitpunkt der Diagnose war es für eine Heilung bereits zu spät. Er starb am 20. Oktober 1894 im Liwadija-Palast auf der Krim, umgeben von seiner hingebungsvollen Ehefrau und den Kindern, als der Patriarch, der er war.

Zar Alexander III. war kein perfekter Mann und behauptete dies auch nie zu sein. Sein größter Fehler war – aus heutiger Sicht – seinen ältesten Sohn Nikolai zu unterschätzen und ihn nicht mehr auf seine Aufgabe vorzubereiten. Seine Beziehung mit Michail war wesentlich stärker.

Letztes Familienfoto 1893
Letztes Familienfoto 1893

Auf der anderen Seite schaffte er es Russland nach dem schockierenden Zarenmord zu stabilisieren und etliche Dinge zu verbessern und weiter zu entwickeln. Er war ein sehr bodenständiger Mann, aber nicht naiv oder dplump. Und er war ein Förderer der Musik. Er spielte sogar selbst Musik und oft würde er bei Festlichkeiten gemeinsam eine Runde mit den engagierten Musikern spielen. Er war ein ergebener Ehemann und ein aufrechter Mann. Streng, wenn es nötig war, aber niemals gemein oder grausam. Alles in allem war Alexander III. ein großartiger Zar.

König Norodom Sihanouk von Kambodscha

Norodom_Sihanouk_1983Wenn es in Südostasien über Jahrzehnte eine Konstante in der Politik gab, dann waren es die beiden Könige Bhumibol von Thailand und Norodom Sihanouk von Kambodscha.

Sihanouk war während seines Lebens Prinz und Thronanwärter, Politiker, kommunistischer Frontmann und König einer konstitutionellen Monarchie. Er überlebte mehrere Kriege, wurde abgesetzt, wurde zum Tode verurteilt, war – zumindest nominell – ein Guerillakämpfer, ein Gefangener in seinem eigenen Land und symbolisierte zu verschiedenen Zeiten ein altes, traditionelles Kambodscha, einen blutigen kommunistischen Sklavenstaat oder eine Demokratie. Er hält bis heute den Weltrekord als Politiker mit den meisten Positionen in seiner Karriere. Er war die Vaterfigur der einzigen südostasiatischen Monarchie, die nach dem Sturz durch die Kommunisten letztlich wiederhergestellt wurde. Es ist die Geschichte des bewunderten, verdammten, kontroversen und einzigartigen König Norodom Sihanouk von Kambodscha.

Norodom Sihanouk 1959
Norodom Sihanouk im Jahr 1959

Geboren wurde er als Sohn von König Norodom Suramarit und Königin Sisowath Kosawak von Kamboscha am 31. Oktober 1922. In der Khmer Hauptstadt Phnom Penh (die Khmer sind das ethnisch dominante Volk Kambodschas) und im vietnamesischen Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt) bildete sich der junge Prinz Sihanouk. Später absolvierte er in Frankreich ein Militärtraining. Damals ein klassischer Bildungsweg für Prinzen aus Indochina.

Die gesamte Region Indochina (heute: Kambodscha, Laos, Vietnam) war damals französische Kolonie. Entgegen der landläufigen Meinung ging es Kambodscha unter der französischen Kontrolle gut. Insbesondere im Vergleich zu dem, was später noch folgen würde. Die königliche Familie Kambodschas war sogar reicher als die imperiale Familie Vietnams, unter deren Kontrolle Kambodscha nominell lag.

Thronbesteigung mit nur 19 Jahren

Sihanouk war gerade erst 19 Jahre alt, als sein Großvater König Sisowath Monivong verstarb und er zum neuen König von Kambodscha ausgerufen wurde. Dies war im Jahr 1941, einem denkbar schlechten Zeitpunkt, um als junger und unerfahrener Monarch den Thron zu besteigen. Brach in Ostasien doch gerade der 2. Weltkrieg los.

1941: Einmarsch japanischer Truppen in Saigon
1941: Einmarsch japanischer Truppen in Saigon

1940

Der junge König Sihanouk, obwohl zeitlebens immer etwas frankophil veranlagt, verlangte entsprechend der nationalistischen Grundstimmung jener Tage nach Unabhängigkeit Kambodschas von Frankreich. Dies ging Hand in Hand mit den Interessen des immer dominanteren Japans, das ganz Indochina nach der Niederlage Frankreichs in Europa besetzte.

1945 erklärte sich Kambodscha – unter japanischer Schirmherrschaft – sogar für unabhängig, doch dieses Kapital endete mit der kurz darauf erklärten Kapitulation Japans. Im gleichen Jahr dankte der Kaiser von Vietnam zugunsten der Kommunisten ab und im benachbarten Laos spitzte sich die Lage ebenfalls zu. Sihanouk befürchtete ein Übergreifen auf sein Land, sollte es nicht die Unabhängigkeit erlangen.

Er ging im Mai 1953 ins Exil nach Thailand und gab – publikumswirksam – zu verstehen, dass er nicht zurückkehren werde, ehe Frankreich sein Kambodscha nicht in die Unabhängigkeit entlasse. Frankreich stimmte dem im November zu und Norodom Sihanouk kehrte zurück. Er blieb allerdings nicht lange auf dem Thron.

Regieren, nicht nur repräsentieren

Nachdem er die Bühne der Politik betreten hatte, wollte Sihanouk nun mehr. Er wollte direkt die Geschicke seines Volkes lenken. Er übergab 1955 den Thron an seinen Vater, König Norodom Suramarit und wurde selbst zum ersten Premierminister des neuen, unabhängigen kambodschanischen Königreichs. Als sein Vater 1960 starb, wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt, doch blieb er immernoch Prinz Norodom Sihanouk. Drei Jahre später änderte er die Verfassung ab, so dass er zeitlebens regieren könne.

Sihanouk war extrem populär bei der Landbevölkerung. Diese Menschen lebten ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Sie waren sehr religiöse Menschen und brachten ihm tiefe Verehrung entgegen. Teilweise wurde ihm sogar eine gute Reisernte und gutes Wetter zugeschrieben. Der Publizist Peter Scholl-Latour beschrieb das von ihm seinerzeit bereiste Kambodscha unter Prinz Sihanouk mehrmals (u.a. in seinem Besteller „Der Tod im Reisfeld“) als jenes Land, dass für ihn dem irdischen Abbild des biblischen Paradieses am Nächsten käme.

Innerhalb der Palastmauern gab es allerdings auch noch einen anderen Sihanouk. Dieser hatte sich insbesondere in jungen Jahren einen Ruf als Playboy erworben. Während seines Lebens sollte er sieben Frauen haben – auch wenn er am Ende doch immer mit seiner Frau Königin Monineath zusammenbleiben würde und die beiden zwei Söhne haben sollten.

Als filmbegeisterter Regisseur drehte er zudem einige Filme, meist mit Fokus auf die glorreiche kambodschanische Geschichte. Sein Werk „Ombre sur Angkor“ aus dem Jahr 1968 hatte fast prophetischen Charakter, handelte es doch von einem fiktiven putschenden General mit CIA-Unterstützung.

Sihanouk trat in der Öffentlichkeit stets bescheiden, freundlich und nahbar auf. Mit dieser Art kam er überall gut an. Er knüpfte gute Beziehungen mit dem französischen Präsidenten Charles DeGaulle und sogar dem Vorsitzenden Mao Zedong des kommunistischen China. Berührungsängste mit Kommunisten hatte er keine. Er besuchte die Sowjetunion und verbrachte sogar Zeit in Nordkorea. Diese Verbindungen mit dem internationalen Kommunismus würden sich später als wichtig erweisen. Als die USA ihr Engagement in Vietnam verstärkten, war Prinz Sihanouk einer der ärgsten Kritiker. Er sah das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen getreten und befürchtete ein Übergreifen des Konfliktes auf sein Land. Und er sollte Recht behalten.

Die Roten Khmer formieren sich

Während Prinz Sihanouk die Auslandsbeziehungen festigte, begannen sich im kambodschanischen Hinterland kommunistische Truppen, die Khmer Rouge („rote Khmer“) zu sammeln. Ihr Vorbild war der Vietcong im benachbarten Vietnam, auch wenn es erhebliche ideologische Unterschiede gab. Die Khmer Rouge wuchsen nur sehr langsam, da insbesondere die Landbevölkerung dem Prinzen Sihanouk gegenüber sehr loyal war. Obwohl sie materiall ärmlich lebten, waren die Menschen zufrieden mit ihrem friedlichen Leben.

Zunächst beachtete Sihanouk die Khmer Rouge nicht viel, war er doch vollauf damit beschäftigt, sein Land aus den Streitigkeiten zwischen der Sowjetunion, China und den USA herauszuhalten. Er verurteile mehrmals öffentlich die amerikanische Aggression in Vietnam.

Als die First Lady Jackie Kennedy 1967 zu einem Staatsbesuch eintraf, präsentierte er sich als exzellenter Gastgeber. Was ihn aber nicht abhielt, dennoch öffentlich die USA für die Verletzung der Selbstbestimmungsrechte Vietnams anzuklagen, da sie den Südvietnamesen im Kampf gegen die Kommunisten halfen. Der US-Regierung war Sihanouk durch seine strikt neutrale Haltung zunehmend ein Dorn im Auge.

Kambodscha wird in den Konflikt gezogen

Im Jahr 1969 begannen die USA mit geheimen Bombardierungen des Vietcong und der Nordvietnamesischen Armee in ihren Verstecken an der Grenze zu Kambodscha. Die Vietnamesen nutzten die Neutralität Kambodschas aus und verlegten ihre Stellungen häufig in das Reich Prinz Sihanouks. In der Dschungelregion waren Grenzübertritte ohnehin nicht zu kontrollieren. Sihanouk wurde über die US-Bombardierungen an den Grenzen seines Landes nicht informiert. Er war entsetzt über Berichte von US-Kampfbombern, die über sein Land donnerten. US-Geheimdienstkreise begannen ab diesem Zeitpunkt Kontakte zu US-freundlicheren Persönlichkeiten in Kambodscha herzustellen, die gegen die strikte Neutralitätspolitik von Prinz Sihanouk waren.

In der Hauptstadt Phnom Penh kam es schließlich zu Protesten gegen die „vietnamesischen Dschungellager“. Es wurde für eine Unterstützung der USA demonstriert. Als Prinz Sihanouk darauf angesprochen wurde, zweifelte er die Ernsthaftigkeit der Demonstranten an. Diese Leute würden nur Geld von den USA wollen, aber die Zukunft ihres Landes sei ihnen egal. Überliefert ist sein Ausspruch, wonach diese Leute „Dollar-Patrioten statt kambodschanischen Patrioten“ seien.

Der Staatsstreich des General Lon Nol

Präsident von U.S. Gnaden - General Lon Nol
Präsident von U.S. Gnaden – General Lon Nol

Nichtsdestotrotz, die Situation wurde zunehmend ernster und es formierten sich politische Lager auf Konfrontationskurs. Als Prinz Sihanouk zu einer Staatsreise durch Europa, der Sowjetunion und China antrat, schlugen seine Feinde zu.

Der frühere Premierminister General Lon Nol führte einen Staatsstreich durch und erklärte Norodom Sihanouk für abgesetzt. Er wurde in Abwesendheit zum Tode verurteilt.

Lon Nol änderte allerdings nicht die Staatsform ab und zum Stellvertreter ernannte er einen Prinzen der königlichen Familie, der ein entschiedenes Vorgehen gegen die Kommunisten versprach. Sofort traf US-Unterstützung ein, um das neue Regime zu stabilisieren. Kambodscha war in die Fänge der südostasiatischen Bürgerkriege geraten – mit verheerenden Wirkungen für das kleine Land.

Sihanouk in China mit Mao (links) und anderen Funktionären
Sihanouk in China mit Mao (links) und anderen Funktionären

Während all dies geschah, befand sich Prinz Sihanouk gerade in China auf Staatsbesuch. Die Nachricht traf den sonst so selbstsicheren Sihanouk hart. Damit hatte er nicht gerechnet. Emotional hochgeladen verurteilte er die Aktion Lon Nols und rief zum erbitterten Widerstand gegen das neue Regime auf.

Sihanouk erklärte sich zum Chef einer Exilregierung in Peking. Was dann folgte, war die vermeintlich schwerwiegendste Entscheidung seines Lebens – er hielt eine Radioansprache an sein Volk und forderte sie auf, in den Dschungel zu gehen und sich den roten Khmer anzuschliessen, um das Lon Nol Regime zu bekämpfen. Dies erst gab der kommunistischen Guerilla die Verstärkung, die sie für Angriffe auf das Regime benötigte. Die Lon Nol Putschisten in Phnom Penh begannen ihrerseits mit einer Offensive gegen die Khmer Rouge und setzten das eilig herbeigeschaffte US-Militärgerät ein. Beide Seiten bekämpften sich verbissen und beide Seiten verübten Gräueltaten an jeweiligen der Gegenseite. Doch der blutige Bürgerkrieg hatte gerade erst begonnen.

Die Neutralität Kambodschas war nun dahin: Die Armee Südvietnams übertrat die kambodschanische Grenze und bekämpfte kommunistische Lager von dort. In einer kontroversen Entscheidung autorisierte US-Präsident Nixon den Einfall von US-Truppen entlang der kambodschanischen Grenze, um dort Lager des Vietcong und Nordvietnams anzugreifen. Prinz Sihanouk musste all dem von seinem Exil in Peking aus zusehen. Doch er versprach so lange zu kämpfen, bis er auf dem Thron wieder hergestellt sein würde.

Im Oktober 1970 unternahm General Lon Nol den letzten symbolischen Akt und schaffte die uralte Khmer Monarchie offiziell ab. An ihre Stelle trat eine Republik Kambodscha. Doch das Land glitt immer mehr ins Chaos ab, die frühen Jahre des Friedens und Wohlstands unter Prinz Sihanouk waren dahin. In den Dörfer und auf dem Land war Prinz Sihanouks Popularität ungebrochen und auch in den Städten fanden sich zum Ärger des neuen Regimes immer wieder unterstützende Slogans an den Häuserwänden.

Der Krieg wurde immer mehr zum Alltag in Kambodscha. Im Jahr 1971 unternahm die nordvietnamesische Luftwaffe einen Angriff auf Phnom Penh und zerstörte dabei die kambodschanische Luftwaffe vollständig. Die USA reagierten darauf mit noch mehr Unterstützung für Lon Nol. Es war ihre Luftunterstützung und ihre Dollar, die Lon Nol an der Macht hielten. Als die südvietnamesische Armee im Frühjahr 1971 zu ihrem erfolglosen Angriff auf die Nachschubpfade des Vietcong (sog. „Ho-Chi-Minh-Pfad“) ansetzte, wurde auch das bis dahin neutrale Königreich Laos in den Konflikt hineingezogen. Plötzlich war das gesamte Indochina ein Flächenbrand geworden und es schien keinen dritten Weg mehr zu geben. Entweder man war mit den Amerikanern oder mit den Kommunisten.

Geheime Rückkehr nach Kambodscha

Die Khmer Rouge freuten sich über die Verstärkung, als Prinz Sihanouk 1973 über Dschungelpfade des Khmer Rouge nach Kambodscha zurückkehrte. Alle kommunistischen Medien der Welt zeigten ein Video, in dem Sihanouk die Führer der Khmer Rouge dankbar umarmte. Darunter auch einen mit Namen Saloth Sar, später besser bekannt unter dem Namen Pol Pot.

Doch Norodom Sihanouk war kein Idiot. Er wusste die Schmeicheleien der Khmer Rouge ihm gegenüber einzuordnen. Ihm war bewußt, dass er für sie nur ein Strohmann wäre. Er gab einmal zu, dass „wenn sie die Macht erlangen, werden sie mich wie einen Kirschkern ausspucken„.

Auch die roten Khmer verstanden die Situation und trainierten ihre Führungskader darin, Prinz Sihanouk unter keinen Umständen zu glauben. Sie wussten, dass die Bevölkerung an ihn glaubte und deshalb war es wichtig ihn als Frontmann zu behalten, aber die Partei würde ihm niemals vertrauen. Denn im Herzen seien Sihanouk und die Revolution unversöhnliche Feinde.

Und ihre Taktik den Prinzen als Aushängeschild zu nutzen funktionierte prima. Dank der Unterstützung Sihanouks wuchsen die Khmer Rouge in nur drei Jahren von 3.000 versprengten Guerillas auf eine Armee von 60.000 Männern.

Die Khmer Rouge auf dem Weg zur Macht

Im Jahr 1973 verstärkten die USA ihre Bombardierungen. Die roten Khmer nutzten dies propagandistisch geschickt, um die Bevölkerung gegen Lon Nol aufzuhetzen. Wenn man sich nicht den Khmer Rouge anschließe, würden die USA das gesamte Land zerstören. In jenem Juli 1973 kamen die geheimen Bombardierungen Kambodschas schließlich in den USA an die Öffentlichkeit. Vier Jahre nachdem man sie gestartet hatte. Der US-Kongress war außer sich, so lange von Nixon hintergangen worden zu sein und es wurde eine Anklage gegen ihn gefordert. Die Bombardierungen wurden daraufhin – ebenso wie die Hilfen für Lon Nol – eingestellt.

Mit dem Neujahr 1975 begannen daraufhin die auf 80.000 Soldaten angewachsenen Khmer Rouge ihre Offensive gegen die Hauptstadt Phnom Penh. Die belagerte Stadt wurde mit Raketen und Artillerie beschossen. In der Stadt herrschte Chaos. Über zwei Millionen Flüchtlinge säumten die Straßen, die vor amerikanischen Bomben und Khmer Rouge Angriffen geflüchtet waren. Alle Verbindungen nach außen waren abgeschnitten, Hunger und Krankheiten begannen sich in der belagerten Stadt auszubreiten.

Offiziell durfte das US-Militär aufgrund von Beschränkungen des Kongresses nicht eingreifen. Um dieses Verbot zu umgehen, charterte man zivile Flugzeuge und flog damit unter Flakfeuer der Kommunisten Essen und Munition nach Phnom Penh. Doch konnte dies niemals ausreichen, um die ganze Stadt zu ernähren. Auch der Fluss Mekong war eine Lebensader und brachte lebenswichtigen Nachschub. Nach 2-3 Monaten waren jedoch die Mehrzahl der Boote vom Khmer Rouge versenkt worden und Nachschub kam immer spärlicher.

Der Beschuss der Stadt durch die Kommunisten ging weiter. Und die Versorgungslage drinnen spitzte sich immer stärker zu. Es gibt bestätigte Berichte, wonach Truppen Lon Nols in einem Abschnitt sogar Menschenfleisch von Toten aßen, um zu überleben. Die Verluste schossen in die Höhe und die medizinischen Einrichtungen waren bald überfordert. Lon Nols Armee hatte weniger als 20 Chirurgen und ausländische Ärzte flogen in die Stadt, um die humanitäre Katastrophe zu lindern.

Sturz Lon Nols und Machtübernahme der Khmer Rouge

Am 01. April 1975 forderten die USA General Lon Nol zum Verlassen der Stadt auf. Man hoffte, sich auf diese Weise mit Prinz Sihanouk einigen zu können. Doch Sihanouk war nicht derjenige, der die Entscheidungen fällte. Und die Khmer Rouge hatten kein Verlangen nach Verhandlungen, wo der Sieg doch so nahe war. Sie verstanden das Verhandlungsangebot als Zeichen dafür, dass das Lon Nol Regime kurz vor dem Zusammenbruch stand. Statt darauf einzugehen, publizierten sie Todeslisten mit Namen all jener, die hingerichtet werden würden, sobald sie die Macht hätten. Natürlich bedienten sich die Kommunisten auch hier der Unterschrift des beliebten Norodom Sihanouk.

Die Einschätzung der Kommunisten bezüglich des Zusammenbruchs der Lon Nol Regierung war korrekt und am 12. April begannen die USA damit, ihr Personal mit Hubschraubern zu evakuieren. Weniger als eine Woche später wurde der Flughafen von Khmer Rouge erobert und am Tag darauf marschierten sie in Phnom Penh ein.

Wie so oft nach kommunistischen Umstürzen riefen auch die roten Khmer zuerst zur Versöhnung auf. Angehörige des Lon Nol Regimes wurden zur Zusammenarbeit aufgerufen, um gemeinsam Kambodscha neu zu errichten. Diejenigen, die naiv genug waren sich melden, wurden alle bis auf den letzten Mann massakriert.

Um letzte Widerstände zu zerstreuen, verkündeten die Khmer Rouge, dass die Amerikaner die gesamte Stadt mit einer massiven Bombardierung zerstören wollten. Was eine Lüge war, zumal die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Pläne einer Bombardierung in Kambodscha mehr hatten.

Binnen zwei Tagen wurde Phnom Penh vollständig evakuiiert. Sie wurde zur Geisterstadt. Die Khmer Rouge hatten gewonnen, das Land gehörte nun ihnen und sie waren jetzt bereit, ihren Kommunismus eines ländlichen Utopia umzusetzen. Auch wenn sie am Ende alles Prinz Sihanouk zu verdanken hatten.

Die neuen Machthaber mussten sich nun nur noch des Monarchen entledigen. Dieser verblieb nominell als Staatsoberhaupt, doch die Entscheidungen traf allein Pol Pot.

Die Diktatur der Khmer Rouge entsteht

Emblem des Demokratischen Kampuchea
Emblem des Demokratischen Kampuchea

Als erstes wurde der Name des Landes offiziell in „Demokratisches Kampuchea“ abgeändert. Der Öffentliche Dienst wurde ersatzlos abgeschafft. Ebenso wie die Währung und alle Klassenunterschiede. Pol Pot errichtete nicht, wie die meisten Kommunisten, einen Kult um seine Person. Er blieb eine ungesehene Figur im Schatten, den meisten Kambodschanern nur bekannt als „Bruder Nr. 1“.

Die Städte mussten verlassen werden und die gesamte Bevölkerung wurde zwangsweise auf das Land umgesiedelt, um dort in den Reisfeldern zu arbeiten. Pol Pot wollte eine Nation von gleichen Kleinbauern, ohne irgendeinen Unterschied. Buddhistische Mönche wurden massakriert, so wie alle Menschen mit höherer Bildung. Es sollte keine „intellektuelle Elite“ mehr geben.

Wer spezielle Zuneigung zu seiner Frau oder Kindern oder Eltern zeigte wurde exekutiert – im neuen Kampuchea waren alle Menschen Brüder und Schwestern. Wer eine Brille trug wurde getötet, wer Fremdsprachen kannte wurde getötet, wer die Regierung kritisierte oder irgendwelche Beziehungen mit dem Ausland pflegte, wurde getötet. Kranke oder Behinderte wurden ebenfalls getötet. Alle ausländischen Minderheiten wurden getötet. Viele, viele mehr verhungerten jämmerlich oder starben an den Folgen der harten Landarbeit.

Am 4. April 1976, weniger als ein Jahr nach der Machtübernahme, wurde Prinz Sihanouk offiziell als Staatsoberhaupt entfernt und mit dem Rest der königlichen Familie im Palast unter Hausarrest gestellt. So wie Sihanouk dies erwartet hatte. Sieht man sich die Vorkommnisse im Land an, so muss es als glückliche Fügung gesehen werden, dass er überhaupt am Leben blieb. Einige seiner Kinder und Enkel hatten dieses Glück nicht.

In Phnom Penh richteten die roten Khmer ihr berüchtigtes Foltergefängnis in Toul Sleng ein, dass unter dem Namen „S-21“ bekannt wurde. Hier wurden ganze Horden von Kambodschanern gefoltert, bevor man sie zu den Killing Fields brachte und dort zu Tode prügelte oder lebendig begrub.

Pol Pot hatte gleich in mehrerer Hinsicht den reinsten und unverfälschtesten kommunistischen Staat aller Revolutionen erschaffen. Das Ziel von Pol Pots Agrarsozialismus war Kambodscha in eine sozialistische Variante des alten mystischen Khmerreichs zu transformieren. Mit ihm in der Rolle der alten Hindu Götterkönige. Das Resultat war einer der schlimmsten Genozide der Menschheitsgeschichte mit über zwei Millionen getöteten Kambodschanern – etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Prinz Sihanouk saß derweil in Gefangenschaft in seinem Palast und musste zusehen, wie seine Leute von jenen gemeuchelt wurden, denen er zur Macht verholfen hatte. Ihn wollten sich die kommunistischen Machthaber offenbar als nützlichen Joker bewahren. Nur dies erklärt, warum er nicht auch schon nach S-21 gekommen war.

Die Invasion Vietnams beendet das Massaker

Paradoxerweise waren es andere Kommunisten, die das Massaker beendeten. Die Khmer Rouge waren ein Verbündeter des kommunistischen China. Nachdem die Beziehungen zwischen den beiden kommunistischen Staaten China und Vietnam offen feindselig wurden, fielen die Vietnamesen mit ihrer Armee in Kambodscha ein.

Die Khmer Rouge erinnerten sich plötzlich Sihanouks und sandten den früheren Monarchen zur UN-Versammlung nach New York, wo er gegen die vietnamesische Invasion protestieren sollte. Er kehrte nicht mehr zurück. Doch statt in den USA zu bleiben, wie man ihm nahelegte, kehrte er nach Peking zurück. Er distanzierte sich von Pol Pot und seinen Massakern, erklärte sich jedoch bereit, mit Teilen der Khmer Rouge zusammenzuarbeiten, um die vietnamesischen Invasoren zurückzuschlagen. Währenddessen brachten die Vietnamesen große Teile Kambodschas unter ihre Gewalt und die Khmer Rouge unter Pol Pot flüchteten zurück in ihre Verstecke im Dschungel.

Die Zeit nach den roten Khmer

Im Jahr 1982 wurde Sihanouk Präsident der Koalitionsregierung des Demokratischen Kampucheas unter Einbeziehung von Repräsentanten seiner Funcinpec Partei, der Nationalen Befreiungsfront (später die politische Partei der Buddhisten) und der Khmer Rouge. Diese Gruppe der roten Khmer war, anders als jene unter Pol Pot, zur internationalen Zusammenarbeit bereit und hatte auch keine Einwände gegen UN-Truppen zur Stabilisierung der Lage im Land.

1988: Sihanouk trifft US-Präsident Reagan
1988: Sihanouk trifft US-Präsident Reagan

Als international der Druck auf Vietnam immer stärker zunahm, zog es seine Armee offiziell ab. Man hinterließ das Marionettenregime des ehemaligen Khmer Rouge Hun Sen, das sich fortan „Volksrepublik Kampuchea“ nannte. Schon nach kurzer Zeit wurden Verhandlungen zwischen Hun Sen und Sihanouks Koalition aufgenommen und 1991 ein Abkommen unterzeichnet.

Norodom Sihanouk kehrte im November in sein Land zurück und bereitete nationale Wahlen vor, um die künftige Staatsform des befreiten Kambodschas zu bestimmen. Pol Pot blieb im Dschungel verschollen und spielte politisch keine Rolle mehr, nur gelegentlich hörte man von Überfällen der Roten Khmer in der Dschungelregion.

Die Wahlen brachten den Sieg der königlichen Partei, doch der Kommunist Hun Sen blieb aufgrund des bleibenden vietnamesischen Einflusses die stärkste Macht im Land. Nach dem Wahlsieg der royalistischen Partei Sihanouks wurde die Monarchie offiziell wiederhergestellt und Norodom Sihanouk zum König Kambodschas.

Mit dieser neuen konstitutionellen Monarchie konnte offensichtlich jeder in Kambodscha gut leben. Die meisten Menschen fühlten sich aufgrund der Präsenz von Norodom Sihanouk auf dem Thron wohl und die Kommunisten und ihre vietnamesischen Verbündeten blieben ruhig, so lange Hun Sen die wahre Macht ausüben konnte.

Sihanouk begann mit einem sich verschlechternden Gesundheitszustand zu kämpfen und sein Ruf in der Welt erlitt ernsthaften Schaden. In seinen frühen Tagen war er eine angesehene Persönlichkeit für seinen Einsatz für kambodschanische Unabhängigkeit und friedliche Neutralität des Landes. Doch als seine geheimen Abkommen mit den Khmer Rouge herauskamen, wurde auch er mit ihren Gräueltaten in Verbindung gebracht. Auch wenn er nun das Gesicht eines neuen liberalen Königreichs Kambodscha war.

Sein Land stand jedoch vor unüberwindbaren Problemen. Es gab praktisch kaum Kambodschaner mit höherer Bildung mehr. Sie waren alle von den roten Khmer getötet worden. Es gab keine Lehrer, Wissenschaftler, Juristen, Richter, Mönche oder sogar Mechaniker. Das ganze Land war durch den Bürgerkrieg übersäht mit Landminen, die jährlich viele Opfer (insbesondere Kinder) forderten. Dinge wie das Transportwesen, Kommunikation, Bildung und Gesundheitswesen existierten praktisch nicht. Das Land stand am Nullpunkt.

Der König im neuen Kambodscha

Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands befand sich König Sihanouk oft in China zur medizinischen Behandlung. Doch er blieb eine dominante Figur im nationalen Leben. Selbst einfache Leute, die ihn im Palast besuchen wollten, wurden niemals weggeschickt.

Er betrieb auch eine Webseite, die zeitweise die meistgelesene Webseite in Kambodscha war. Anders als konstitutionelle Monarchen im Westen, hielt er mit seiner Meinung zu verschiedenen Dingen nie zurück. Sein Wort hatte Gewicht. Doch selbst seine größten Anhänger waren geschockt, als er offen dafür plädierte, Homosexuellen die Heirat zu erlauben, obwohl es im buddhistischen Kambodscha nicht gerade viel Bedarf dafür gab

Er stand oft im Konflikt mit der Regierung und ging 2004 für einige Zeit ins Exil nach China, um gegen die unterdrückerischen Maßnahmen des Hun Sen Regime und die Machtkämpfe der Parteien untereinander zu protestieren. Im Oktober 2004 schockierte er seine Landsmänner mit der Ankündigung seiner Abdankung, was kambodschanische Amtsträger unter Zuzwang setzte, schnell einen würdigen Ersatz zu finden.

Eine Woche später wurde sein Sohn Prinz Norodom Sihamoni zum neuen König gewählt, auch wenn sein Vater viel seiner alten Macht als „König-Vater“ beibehielt. Er ist bis heute eine weit respektierte und angesehene Figur in Kambodscha, auch wenn seine Bedeutung von der nachfolgenden Generation schon nicht mehr so stark gesehen wurde.

In der Weltöffentlichkeit blieb er eine kontroverse Figur. Von einigen bewundert, von anderen verachtet. Niemand kann jedoch umhin, sein politisches Talent und seine Überlebensfähigkeit anzuerkennen. Einige schreiben dies seiner Voraussicht zu, andere einem Mangel an Prinzipien.

Was auch immer der Fall ist, er war die dominanteste Figur in der kambodschanischen Politik und Südostasiens seit Ende des 2. Weltkriegs . Er sah sein Land in guten, friedlichen Zeiten ebenso wie in schlechten Zeiten und es wird noch einige Jahre dauern, ehe man abschließend im Nachgang sein Wirken beurteilen kann.

Trauerzug zur Beerdigung Norodom Sihanouks
Trauerzug zur Beerdigung Norodom Sihanouks

Seine initiale Unterstützung der Khmer Rouge wird viele Leute dazu veranlassen, ihn für immer als einen Bösewicht zu sehen. Doch unter seinen eigenen Leuten wird er vermutlich als einer der großen Könige in ihrer langen Geschichte gesehen werden, ob berechtigt oder auch nicht.

Nach langem Kampf gegen seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand verstarb König-Vater Norodom Sihanouk am 14. Oktober 2012 in Peking im Alter von 89 Jahren.

König Luis I. von Portugal

Dom_luís_ISeine königliche Hohheit Prinz Luis Filipe Maria Fernando Pedro de Alcantara Antonio Miguel Rafael Gabriel Gonzaga Xavier Francisco de Assis Joao Augusto Julio Valfando de Saxe-Coburgo-Gotha e Braganza wurde am 31. Oktober 1838 in Lissabon geboren. Er war der zweite Sohn von Königin Maria II. und König Fernando II. von Portugal und erhielt den Titel Herzog von Porto.

Sein älterer Bruder, König Pedro V., starb nach weniger als einem Jahrzehnt auf dem Thron an den Folgen einer Cholera-Epidemie, die Portugal 1861 heimsuchte und auch in der königlichen Familie heftige Opfer forderte. Da Pedro V. keine Erben aufzuweisen hatte, ging die Königswürde auf seinen jüngeren Bruder über. Am 11. November 1861 bestieg König Luis I. den portugiesischen Thron.

Er stand vor keinen leichten Aufgaben, die Welt war damals in Aufruhr. In den USA und Mexiko herrschte Bürgerkrieg. In Südamerika drohte ein Krieg zwischen Brasilien und seinen Nachbarn. In Europa formierte sich das neue Königreich Italien und in Afrika verschärfte sich der Wettstreit um Kolonien. König Luis würde sein bestes Geben müssen, um Portugal durch dieses unruhige Fahrwasser zu steuern. Eine gelungene Analogie, war er als Offizier der portugiesischen Marine doch bereits selbst zu den portugiesischen Kolonien in Afrika gefahren und hatte 1858 sein erstes Marinekommando erhalten.

Hochzeit mit Prinzessin Maria Pia

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Das Königspaar mit den beiden Söhnen

Im Jahr 1862 heiratete König Luis die Prinzessin Maria Pia von Savoyen, eine Tochter von König Vittorio Emmanuele II. von Italien. Eine exzellente Partie. Vom Volk als wohltätiger Engel und Mutter der Armen geliebt, schenkte sie dem König zwei Söhne. Carlos, 1863 geboren sowie Afonso, 1865 geboren. Ein Jahr später erlitt die Königin eine Totgeburt und das Paar hatte keine weiteren gemeinsamen Kinder mehr. Der König sollte mit einer Geliebten später noch einen Sohn zeugen und seine Untreue wurde von vielen für die Depressionen verantwortlich gemacht, mit denen Königin Maria Pia nach einigen Jahren der bis dahin glücklichen Ehe kämpfte.

König Luis I. war im Grunde drei Jahrhunderte zu spät geboren. Er besaß den perfekten „Renaissance-Charakter“. Er war hochgebildet, kultiviert und besaß ein Übermaß ein intellektueller Neugier. Er sprach mehrere Sprachen, war Amateurmaler, komponierte Musik und spielte begeistert Cello und Piano. Die Literatur lag ihm am Herzen. Neben dem Lesen verbrachte er viel Zeit damit, selbst Poesie zu verfassen oder Shakespeare ins Portugiesische zu übersetzen. Ozeanographie lag im Zentrum seines wissenschaftlichen Interesses und er investierte erhebliche Summen seines Privatvermögens in ozeanographische Forschungsschiffe sowie dem Bau eines der ersten Aquarien der Welt in Lissabon, welches die Vielfalt des Lebens im Ozean aufzeigt. Es kann im übrigen noch heute besucht werden.

Keine Ruhe für König und Portugal

Was die Politik anging, so hatte König Luis eine weniger ruhige Regierungszeit. In Portugal dauerte der politische Konflikt zwischen den liberalen „Progressistas“ und den konservativen „Regeneradores“ an. Wobei der König naturgemäß den Konservativen näher stand. Portugal befand sich in einer ökonomisch prekären Situation. Um die chronisch leere Staatskasse zu füllen, beschloss man die Erhebung einer neuen Verbrauchssteuer. Diese Steuer war jedoch so unpopulär beim Volk, dass es 1867 zu Protesten auf den Straßen kam.

Der Herzog von Saldanha
Herzog João Carlos Gregório Domingos Vicente Francisco de Saldanha Oliveira e Daun

Die politischen Probleme dauerten an, als es am 19. Mai 1870 zu einem Militäraufstand unter dem Herzog von Saldanha kam. Der Herzog war ein politisches Urgestein Portugals und zu jener Zeit Premierminister. Doch sein Aufstand scheiterte. Der Herzog verlor durch den gescheiterten Aufstand seine Position und konnte sich glücklich schätzen, nicht mehr verloren zu haben. Die ansonsten unpolitische Königin Maria Pia sagte, dass sie ihn – wenn sie der König wäre – hätte erschiessen lassen. Bei solchen Gelegenheiten schimmerte immer wieder ihr feuriges Temperament durch, die sich ansonsten ihrem Stand gemäß zurückhielt.

Ebenfalls 1870 stellte König Luis I. Überlegungen an, als einer der Kandidaten Anspruch auf den verwaisten spanischen Thron zu erheben. Er entschied sich jedoch – in weiser Voraussicht – gegen ein solches Vorhaben. Wie bekannt ist, sorgte der Anspruch eines anderen Kandidaten auf den spanischen Thron zum Französisch-Preußischen Krieg von 1870/71. Derlei Streitigkeiten waren das Letzte, was Portugal zu diesem Zeitpunkt benötigte.

Denn das Königreich Portugal war seit den Kriegen mit dem napoleonischen Frankreich zu Beginn des Jahrhunderts nicht mehr in bestem Zustand. Seit damals hatte das kleine Land kaum die Chance, sich zu erholen. Zunächst kam es zum Abfall der wichtigsten Kolonie, Brasilien. Anschließend zum „Krieg der zwei Brüder“ (Miguelistenkrieg) um die Krone Portugals. Es folgten immer wieder Probleme mit Seuchen / Krankheiten und der Modernisierung des Landes im Allgemeinen. Dazu kam eine politische Szene, deren Kennzeichen immer mehr Korruption und Intrigen wurden, statt sich um das Allgemeinwohl und das portugiesische Kolonialreich zu sorgen.

Die rosafarbene Karte

All dies führte dazu, dass Portugal immer weiter in Stagnation verfiel, während andere europäische Länder in ihrer Entwicklung davonzogen. Auf der Weltbühne entstanden Portugal Nachteile aus ihrer Allianz mit Großbritannien (seit 1386!), die älteste noch bestehende Allianz der Welt. In der Vergangenheit gab es niemals Interessenskonflikte zwischen Portugiesen und Briten. Doch wegen Afrika kam es erstmals zu Spannungen.

Nach dem Verlust Brasiliens wurden die afrikanischen Kolonien für Portugal immer wichtiger. In Lissabon hoffte man, dass ein Wachstum in Afrika die portugiesische Wirtschaft wieder beleben würde. Die größten Besitzungen waren Portugiesisch Westafrika (Angola) und Portugiesisch Ostafrika (Mozambique) an den Küsten des Atlantiks und des Indischen Ozeans.

Die berühmte rosafarbene Karte
Die berühmte rosafarbene Karte

Nach Abschaffung des Sklavenhandels unternahmen die Portugiesen daher Militärexpeditionen, um diese Kolonien mit ihren kleinen Küstensiedlungen tiefer im inneren Afrikas zu besiedeln. Die bekannte „rosafarbene Karte“ illustriert den Portugiesischen Wunsch den Kontinent zu durchqueren und die Besitzungen in West- und Ostafrika über eine Landroute zu vereinen.

Das britische Empire war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits dabei von Südafrika aus nach Norden zu expandieren. Verhandlungen wurden bis zur Berliner Konferenz aufgeschoben, wo es zum berühmten „Wettlauf um Afrika“ der europäischen Mächte kam.

Portugal war zu Konzessionen gegenüber den Franzosen und Deutschen bereit, um ihrerseits Unterstützung für den portugiesischen Anspruch auf das Landesinnere zu sichern. Nachdem auf der Berliner Konferenz der belgische Anspruch auf den Kongo festgeschrieben wurde , sah sich Portugal in seinen Expansionsmöglichkeiten nach Norden noch weiter eingeschränkt. Umso mehr pochte man auf Umsetzung der „rosafarbenen Karte“. Doch ausgerechnet der langjährige Verbündete Großbritannien durchkreuzte die Pläne. Der portugiesische Anspruch war einfach nicht mit dem britischen Wunsch eines Kolonialreichs „von Kap bis Kairo“ in Einklang zu bringen.

luisPortugal
Luis I. in späteren Lebensjahren

König Luis I. würde die Entscheidung in dieser Frage jedoch nicht mehr erleben. Nachdem er sich Zeit seiner Regenschaft dem Vorwurf ausgesetzt sah, die Konservativen den Progressistas vorzuziehen, gewannen gegen Ende seiner Herrschaft noch radikalere linke Parteien wie die Sozialistische Partei und die Republikanische Partei an Gewicht.

Beiden war die Geschichte und Tradition des Königreichs Portugal ein Dorn im Auge. König Luis I. befand sich im Zentrum der Streitigkeiten und nicht gerade in einer beneidenswerten Situation. Für einen Mann, der stundenlang über die Schönheit von Kunst und Musik debattieren konnte, wurde die politische Situation mit ihren Kleinkriegen und Intrigen immer schwerer zu ertragen. Am 19. Oktober 1889 starb er unerwartet im Alter von nur 50 Jahren. Sein Sohn und Nachfolger König Carlos I. erbte ein mit großen Problemen belastetes Königreich.

Im Jahr 1890 stellte die britische Regierung Portugal ein Ultimatum unter Androhung des Abbruchs aller diplomatischen Beziehungen, sollte Portugal nicht alle seine Truppen aus den Hochländern im inneren Afrikas abziehen und die britische Kontrolle über das Territorium zwischen Angola und Mozambique anerkennen. Carlos I. hatte keine Wahl als zuzustimmen oder einen Krieg zu riskieren, der hoffnungslos gewesen wäre. Die Öffentlichkeit war außer sich vor Wut. Man sah das Ultimatum als Verrat ihres ältesten Verbündeten und die Republikaner nutzten die Situation, um gegen die Monarchie zu mobilisieren, da der König angeblich die Interessen Portugals „ausverkaufe“.

Heute wird König Luis vielfach unberechtigt für die Krankheiten Portugals verantwortlich gemacht, die letztlich auch die Monarchie zu Fall brachten. Dies zu tun, bedeutet ihn für etwas verantwortlich zu machen, worauf er keinerlei Einfluss hatte. Er konnte weder etwas für die Kriege vor seiner Regentschaft und er war auch kein absoluter Monarch, der nach Belieben herrschen konnte.

Alles was er tun konnte, war die sich streitenden politischen Eliten an einen Tisch zu bringen. Doch trotz seiner zahlreichen Bemühungen gelang ihm der Ausgleich nie. Er war ein nachdenklicher, gebildeter Mann der alle Qualitäten eines erfolgreichen konstitutionellen Monarchen besaß. Die Öffentlichkeit kannte seine Verdienste damals an, auch wenn nachfolgende Generationen ihn nicht „Luis der Beliebte“ oder „Luis der Große“ nannten. Er war der aufrichtigste Mann in den damaligen Hallen der portugiesischen Macht und genau dafür wurde er geschätzt.

König Ludwig III. von Bayern

Firle,_Prinzregent_LudwigDer letzte bayerische König wurde am 07. Januar 1845 als Ludwig Luitpold Josef Maria Aloys Alfried in München geboren. Er war der erstgeborene Sohn des Prinzregenten Luitpold und seiner Frau Erzherzögin Augusta von Österreich. Die Mutter war eine Tochter Großherzogs Leopold II. der Toskana, verbrachte lange Jahre in Florenz und sprach mit ihren Kindern zumeist auf Italienisch.

Als Kind liebte es Ludwig, draußen in der Natur zu spielen. Diese Liebe zur Natur würde ihn zeitlebens prägen. Mit 16 Jahren trat er 1861 als Leutnant dem 6. Jägerbattalion unter seinem Onkel, König Maximilian II. bei. Es sollte der Anfang einer langen Militärkarriere sein. Im nächsten Jahr begann er Vorlesungen zu Jura und Ökonomie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München zu besuchen. Wertvolles Wissen für einen Monarch, auch wenn Ludwig angab, er hätte lieber Agrarwirtschaft studiert.

Im selben Jahr nahm der junge Prinz Ludwig mit vollendetem 18. Lebensjahr bereits an Sitzungen des bayerischen Senats teil. Dies war üblich für Prinzen, um ihnen Einblicke und erste praktische Erfahrung in die Regierungarbeit zu ermöglichen.

Erster Kriegseinsatz und Verwundung

Im Jahr 1866 kam es zum so genannten Deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich. Bayern war damals mit Österreich verbündet und als mittlerweile Oberleutnant nahm auch Ludwig an den Kämpfen teil. Beim Gefecht von Helmstadt wurde er durch einen Schuss in den Oberschenkel verwundet. Erhielt für seinen persönlichen Einsatz aber in der Folge das Ritterkreuz 1. Klasse des bayrischen Militärverdienstordens.

Trotz seiner persönlichen Anstrengungen verlor Österreich den Feldzug. Preußen stieg damit endgültig zum mächtigsten deutschsprachigen Land auf.

Hochzeit mit Marie Therese von Österreich-Este

Als Prinz Ludwig im Jahr darauf zur Beerdigung eines Cousins nach Wien reiste, lernte er dort Erzherzögin Marie Theresie von Österreich-Este kennen. Am 20. Februar 1888 heirateten die beiden in Wien, auch Kaiser Franz Joseph I. war als Ehrengast anwesend.

Marie Therese von Österreich-Este
Marie Therese von Österreich-Este

Es war eine exzellente Partie für Ludwig. Nicht nur, dass es eine glückliche Ehe mit über 50 Ehejahren werden sollte, er erbte durch die Hochzeit auch große Ländereien in Böhmen und Ungarn.

Dies erlaubte ihm, sich noch tiefer seinem Interesse an der Agrarwirtschaft zu widmen. Und es brachte ihm genug Einkünfte ein, um in Bayern ein Bauernhof-Modell nach seinen Vorstellungen zu bauen. Der im übrigen sehr erfolgreich betrieben wurde und ihm bei der Landbevölkerung den Beinamen „Milibauer vo Leitstettn“ (Milchbauer aus Leutstetten) einbrachte. Wobei im Leutstettener Schloß neben Viehwirtschaft und Ackerbau mit dem Leutstettener auch ein edles Halbblutpferd gezüchtet wurde, das viel Ansehen einbrachte.

Seine Frau Marie Therese hatte zudem eine glänzende Abstammung und wurde von einer Handvoll verbliebener Jakobiten (Anhänger der Stuart-Linie) als rechtmäßige Erbin des britischen Throns gesehen. Sie mied das Thema jedoch in der Öffentlichkeit.

Noch heute sehen die Jakobiner den gegenwärtigen Chef des Hauses Wittelsbach, Herzog Franz von Bayern, als rechtmäßigen Thronerben. Die Sukzession der Jakobiten war seinerzeit vom Haus Stuart zum Haus Savoyen übergegangen und von dort zum Haus von Modena und Austria-Este. Ludwig und Maria Theresa würden zusammen 13 Kinder haben und taten damit mehr als ihre Pflicht, um die Nachfolge zu sichern

Gemälde zur Goldenen Hochzeit des Paares 1918
Gemälde zur Goldenen Hochzeit des Paares 1918

Am liebsten hätte Ludwig seine gesamte Zeit mit der Familie verbracht und sich seinem Hobby, der Landwirtschaft und der Energieerzeugung mittels Wasserkraft gewidmet. Doch die königliche Pflicht stand an erster Stelle and kollidierte oft mit seinen ländlichen Interessen.

Als 1870 der Preußisch-Französische Krieg ausbrach, zogen auch bayerische Soldaten als Verbündete Preußens in den Krieg. Nach dem fulminanten Sieg über die Franzosen formierte sich das Deutsche Reich unter preußischer Führung im Jahr 1871.

Krönung zum König

ludwig-iii-thronbesteigungAls sein Vater Luitpold nach langer Regentschaft im Jahr 1912 verstarb, beerbte ihn sein Sohn Ludwig. Auch er wurde zum Prinzregenten. Aber nicht zum König. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass König Otto immer noch lebte und man nur in Vertretung des Königs agierte. (Die Chancen auf eine Rückkehr König Ottos standen aber schlecht, litt er doch unter massiven psychischen Problemen und war seit 1875 regierungsunfähig)

Da sich die meisten Bayern nur noch an die erfolgreiche Regentschaft unter Prinz Luitpold erinnern konnten, kam schon bald die Forderung auf, Ludwig zum neuen König von Bayern zu weihen. Dies erschien jedermann sinnvoll und 1913 wurde ein neues Gesetz verabschiedet, durch das er zu König Ludwig III. von Bayern wurde. Der alte König Otto wurde jedoch weiterhin als König betitelt und für seine weiteren Lebensjahre auch so behandelt. In den Jahren 1913-1916 besaß Bayern also im Grunde zwei Könige.

König Ludwig III. besaß eine enge Bindung zu seinen Leuten, sorgte sich um ihr Wohl und suchte stets nach Möglichkeiten sein Königreich zu verbessern. Seine Sozialpolitik orientierte sich stark an der päpstlichen Enzyklika „Rerum Novarum“. Er war allerdings auch nicht vor Kritik gefeit. Die Preußen tendierten dazu die Bayern als „schwierig“ und „anmaßend“ zu erachten. In Bayern wiederrum wurde König Ludwig III. teilweise vorgeworfen, den Preußen zu untergeben zu sein. Eine Kritik, die sich auch schon sein Vater Prinzregent Luitpold gefallen lassen musste, die jedoch unfair war.

So wie Prinzregent Luitpold sich bereits mit Otto von Bismarck wegen dessen antikatholischer Politik angelegt hatte, so setzte sich König Ludwig III. für den Erhalt der bayerischen Kultur ein. Insbesondere der einzigartige katholische Charakter im protestantisch dominierten Deutschen Reich. Er sah Bayern als südliches Gegengewicht zu Preußen und befürchtete stets, dass Preußen auf Kosten der anderen deutschen Königreiche zu mächtig werden könnte. Dies wurde besonders nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs  zum Problem.

Einige Historiker porträtieren Ludwig III. und – zu einem gewissen Maß – ganz Bayern als eher unfreiwilligen Kriegsteilnehmer an einem originär preußischen Konflikt. Dies ist allerdings nicht ganz wahr. Wie in den meisten anderen europäischen Länder war die bayerische Öffentlichkeiten ebenso enthusiastisch über den Krieg und erpicht darauf, endlich eine Entscheidung und Neuordnung Europas herbeizuführen.

Was König Ludwig III. große Sorgen bereitete, war die Frage, wie er die übermäßige Macht Preußens im Reich beschränken könnte. Für ihn musste Bayern das natürlich Gegengewicht zur preußischen Dominanz im Deutschen Reich sein und bleiben. Dies gipfelte in einem Plan, wonach Bayern im Fall des Kriegsgewinns den Elsass und die belgische Stadt Antwerpen zugeschlagen bekäme. Letzteres würde Bayern eine Verbindung zur Nordsee geben und der König hatte schon lange großes Interesse an der Seefahrt und ihrer ökonomischen Nutzung entwickelt.

Der König während des 1. Weltkriegs
Der König während des 1. Weltkriegs

Doch so weit sollte es nicht kommen. Die Kriegssituation verschlechterte sich zusehends für das Deutsche Reich. König Ludwig III. wurde abermals vorgeworfen, nur eine Marionette der Preußen zu sein.  Was unwahr ist. Wahr ist aber, dass die Verluste Bayerns als zweitmächtigster Staat des Deutschen Reiches vergleichsweise groß waren. Bayern trug 3 Armeekorps zu den Streitkräften bei, das größte Truppenkontingent nach den Preußen und München war das Hauptquartier des bayerischen Generalstabs. Das bayerische Kriegsministerium und ihr Armeekorps agierten praktisch unabhängig mit eigenen Kommandeuren, eigenen Uniformen und eigenen Traditionen.

Mit der Länge des Krieges nahm der Wunsch nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit Bayerns stark zu. Insbesondere in München entwickelte sich auch eine sozialistische Cliqué mit dem Ziel den Marxismus in Bayern in Form einer Räterepublik nach sowjetischem Muster einzuführen. Ende 1918 versuchte Bayern noch einen Separatfrieden mit den Alliierten zu schließen, doch dies schlug fehl.

In München kam es in der Folge zu Aufständen und König Ludwig III. musste die Hauptstadt mit seiner Familie verlassen. Die Revolutionäre um Kurt Eisner erklärten den König für abgesetzt. Er war damit der erste deutsche Monarch, der eine derartige Demütigung zu erleiden hatte. Nach 738 Jahren endete damit die Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern.

König_Ludwig_III._von_BayernOhne möglichen Ausweg entband König Ludwig III. alle Soldaten und Regierungsangestellten von ihrer Loyalitätspflicht. Er dankte jedoch nicht ab, wie republikanische Führer dies später falsch verkündeten – und er legte Wert auf diese Tatsache.

Doch Formalitäten beiseite, die Monarchie war gefallen und Ludwig III. musste das Land verlassen. Er zog von Ungarn nach Liechtenstein und schließlich in die Schweiz. Nach einiger Zeit gelang es konservativen Kräften die Marxisten auszuschalten und wieder Ordnung in München herzustellen. Die königliche Familie konnte 1920 zurückkehren und es gab leisen Optimismus, dass eine Wiederherstellung der Monarchie möglich sei. Insbesondere in den ländlichen Regionen besaß die Monarchie einen extrem starken Rückhalt in der Bevölkerung.

Doch inmitten der Bemühungen starb König Ludwig III. am 18. Oktober 1921 während eines Besuchs in Ungarn. Aufgrund der Popularität der Monarchie in Bayern, erhielt der König von der republikanischen Regierung widerwillig ein Staatsbegräbnis.

König Ludwig III. war niemals abgedankt. Sein Sohn, Kronprinz Rupprecht, lehnte es ebenfalls ab, die Republik zu akzeptieren, ehe das bayrische Volk nicht in einem freien Referendum zwischen Republik und Monarchie abstimmen dürfe. Bis zum heutigen Tag hat eine solche Abstimmung niemals stattgefunden.